124 Years of Reverb: Keine Stille in der Kirche am Katernberg

Dieser Beitrag entstand im Rahmen einer Medienpartnerschaft mit: RuhrBühnen. Die RuhrBühnen haben keinen redaktionellen Einfluss auf die Rezension.

Die Ruhrtriennale ist auch 2025 wieder mit einem umfangreichen Programm gestartet und hat dafür unter anderem die Essener Kirche Katernberg als Spielort auserkoren. Die Kirche wurde für „124 Years of Reverb“ insgesamt 8 Stunden lang mit Musik des Radiohead-Gitarristen Jonny Greenwood bespielt. STROBO-Autor John Schmidt war dabei und berichtet von andächtigem Innehalten und dem Abdriften in unbekannte Sphären.

Lesedauer: 4 Minuten

Als wir um halb sechs den Marktplatz und die Kirche am Katernberg in Essen erreichen, sitzen bei gutem Wetter bereits einige Menschen draußen und warten auf den Beginn der Veranstaltung – oder vielleicht reflektieren sie auch das eben Erlebte, denn „124 Years of Reverb“ ist bereits seit 14 Uhr im Gange und an diesem Tag waren bereits Hunderte Menschen in der Kirche. Wir haben einen Zeitslot von 18 bis 20 Uhr ergattert und wissen ehrlicherweise gar nicht so richtig, was uns erwartet. Allerdings hat für mich die Ruhrtriennale in den letzten Jahren einen großen Vorschuss an Lorbeeren erarbeitet, haben sie es doch geschafft etwa die Drone-Doom-Band Sunn O))) zweimal ins Ruhrgebiet zu holen oder 2022 Black Midi für ein exklusives Konzert nach Essen geholt. Dementsprechend gespannt bin ich auf das Konzert.

„124 Years of Reverb“ ist ein Konzept des Radiohead-Gitarristen und Soundtrack-Komponisten Jonny Greenwood: Der Klang von in der Regel individuell gebauten Orgeln reizen ihn schon seit längerer Zeit und so schuf er „X Years of Reverb“, wobei das X immer durch das Alter des jeweiligen Spielortes ersetzt wird. Der heutige Spielort ist, wenn man eben schnell rechnet, 124 Jahre alt, nur die Orgel hat – den Wirren der Geschichte entsprechend – durch einige Entfernungen von Glocken und Pfeifen nicht den originalen Klang erhalten können. Sei’s drum, als Laien hätten wir das nicht raushören können. Die größte protestantische Kirche des Rheinlandes gibt von außen jedenfalls einen beeindruckenden Vorgeschmack auf das, was folgt.

Die Orgel der Evangelischen Kirche Katernberg und der Organist James McVinnie. Foto: Dennis Zimmermann.

124 Years of Reverb: Eliza McCarthy und James McVinnie setzen die Komposition Greenwoods um

Um Punkt 18 Uhr verlassen viele Gäst*innen die Kirche und wir werden hereingebeten. Der Einlass ist genauso abrupt wie spannend: Wir betreten nicht nur eine spätromanische Kirche mit imposantem Innenraum, sondern erleben sofort auch das bereits seit mehreren Stunden laufende Orgelkonzert. Ohne Einführung verteilen wir uns wie alle anderen Gäst*innen relativ planlos auf die Kirchenbänke. Jetzt heißt es ankommen, Augen schließen und genießen. Mit andächtigem Innehalten und Stille des Publikums lauschen wir dem von Eliza McCarthy und James McVinnie gespielten Stück, wobei James McVinnie die erste Stunde unseres Slots spielt. Einen großen Anteil an der Atmosphäre trägt natürlich auch die Kirche: Der große Raum bietet den erzeugten Klängen genug Raum, um sich zu entfalten, die durch die Fenster hereinfallenden Sonnenstrahlen kündigen den Abend an und die Kirchenbänke in Kombination mit der protestantischen Kircheneinrichtung vermitteln ein Gefühl der Ernsthaftigkeit. Die beiden Musiker*innen spielen „durch“ und lassen einen Grundton mit variierenden Begleitnoten durch die Obertöne erklingen, wodurch keine Sekunde der Stille entsteht und das Stück es schafft, gleichzeitig nach Stillstand und Entwicklung des Sounds zu klingen. Die Orgel wurde im Begleitheft als „eine Art früher Synthesizer“ beschrieben, was den Sound ergänzend ziemlich gut beschreibt. Es fühlt sich sehr „dronig“ an, quasi wie Sunn O))) in nett und freundlich. Greenwood wehrt sich im Interview gegen die Interpretation als Drone-Stück, für mich bedeutet diese Erkenntnis allerdings auch eine Verknüpfung mit einem meditativen und statischen Sound.

124 Years of Reverb: Vor dem Altar auf dem Boden liegen und abdriften

Die meisten Menschen schließen die Augen und starren in die Ferne, einige Leute laufen hin und her, um den Sound aus verschiedenen Perspektiven wahrnehmen zu können. Auch ich laufe ein paar Mal durch die Kirche und wechsle die Position, am besten finde ich den Sound auf den Treppen vor dem Altar. Ein anderer Mann geht sogar noch einen Schritt weiter und legt sich auf den Boden zwischen Altar und Bänken. Fühle ich komplett. Ein paar Minuten später fühlt sich ein anderer Mann inspiriert und legt sich ebenfalls auf den Boden. Das Publikum ist gemischt zwischen älteren Menschen, die offensichtlich ein Interesse an der Kirche und dem Orgelsound haben und jüngeren Menschen, die offensichtlich ein Interesse an der Komposition von Radiohead-Gitarrist Greenwood und dem Orgelsound haben. Die meisten Menschen wirken nett und bleiben in sich gekehrt, nur einige (ausnahmslos ältere Menschen) stören immer mal wieder das Ambiente durch Gespräche. Trotzdem schaffe ich es zwei Mal, dass ich mit verschlossenen Augen alles um mich herum vergesse und in unbekannte Sphären abdrifte. Dementsprechend schnell verläuft für mich auch die erste Stunde. Kurz nach der Hälfte wechselt Eliza McCarthy ihren Kollegen James McVinnie in einem flüssigen Übergang ab, während ich immer noch neben der Kanzel sitze und die beiden beobachte. Es ist tatsächlich etwas schade, dass die beiden nur von dieser Position aus zu beobachten sind und – bedingt durch die Architektur der Kirche – eigentlich nur durch die Musik Präsenz zeigen. Schade ist allerdings auch, dass Greenwood an diesem Tag zumindest für uns nicht sichtbar ist, keine Ahnung ob er an diesem Sonntag überhaupt in Essen war. Natürlich ist er als Komponist des Stückes zu nichts verpflichtet, aber in meiner Erwartung an den Tag hatte ich auch mit ihm gerechnet. Positiv gedreht steht so das Stück komplett im Mittelpunkt. Nach einiger Zeit gehen wir kurz vor die Kirche und reden über das Erlebte. Wir sind uns einig, dass diese Erfahrung sehr ungewöhnlich und bereichernd ist. Für die letzte Minute betrete ich die Kirche erneut, während die Sonnenstrahlen den Sonnenuntergang auch in der Kirche andeuten. Das Stück fühlt sich anders und trotzdem vertraut an. Um 20 Uhr verlasse ich die Kirche und fühle eine innerliche Veränderung, wie ich es selten nach einem Konzert oder Theaterstück fühle.

Eliza McCarthy an der Orgel der Kirche am Katernberg, im Hintergrund das Schiff der Kirche. Foto: Dennis Zimmermann.

Falls ihr jetzt auch Lust auf „X Years of Reverb“ bekommen habt: Greenwood veranstaltet die Konzertreihe unregelmäßig in verschiedenen Kirchen. Nur im Ruhrgebiet wird in absehbarer Zeit die Komposition nicht vorgeführt – aber ihr könnt nach ähnlichen Events im Ruhrtriennale-Programm von diesem Jahr und den nächsten Jahren Ausschau halten. Kleiner Tipp: Geht auch zu Events, die euch erstmal nichts sagen. Es lohnt sich immer, egal, wer an welcher Location auftritt.

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