Alles in den Städten: Unheimliche Verschiebungen in Dortmund

Zur diesjährigen Ruhrtriennale haben Urbane Künste Ruhr einen Fokus auf Dortmund gelegt. Was kann Kunst heute noch? Oder vielmehr, wo? 15 künstlerische Positionen sind um den Dortmunder Hauptbahnhof herum fußläufig zu entdecken. STROBO-Autorin Anastasia Glaser stand an einem Sonntagmorgen in der Kirche und am Abend in der Nordstadt. Warum es nicht nur um Kunst, sondern um Orte geht, hat sie für euch herausgefunden.

Lesedauer: 7 Minuten

Was beschäftigt die Leute im Ruhrgebiet? Wo kommt man nochmal so richtig zusammen, wo passiert etwas, das man Kultur nennen kann? Vielleicht finde ich die Antwort auf diese Frage ja sonntags um 11 in der Sankt-Petri-Kirche in Dortmund. Auf dem Programm: eine Kurator*innen-Führung zur laufenden Ausstellung „Unheimliche Verschiebungen“ rund um den Dortmunder Hauptbahnhof. Unter den Anwesenden befanden sich einige beteiligte Künstler*innen, die künstlerische Leitung von Urbane Künste Ruhr und eine Gruppe von Menschen, die an einem Sonntagmorgen an einer Führung teilnehmen. Ein jüngeres Publikum fände man sicherlich in Cafés mit Siebträgermaschinen – in dieser Kirche war es nicht. Homogene Kunstbubbles bin ich gewohnt. Doch hier stehe ich mit 30- bis 70-Jährigen zusammen, die alle etwas über die Kunst von jungen Kreativen wissen wollen. Vielleicht ist genau dieses generationsübergreifende Zusammenkommen bereits eine Art Verschiebung für sich, nur nicht unheimlich. 

Auf dem Weg vom Dortmunder Hauptbahnhof bis zur Kirche habe ich bereits drei Arbeiten wahrgenommen, die sicher Teil der Führung sein würden. Die Arbeiten sind teilweise groß und ziemlich offensichtlich, teilweise aber auch so subtil, dass man zunächst an ihnen vorbeiläuft. Es ist gar nicht so sehr die Kunst, die Blicke auf sich zieht, sondern der Fakt, dass etwas den gewohnten Blick auf die Stadt stört.

Kühle Kirchen vs. Klimaanlagen

Mitten im Dortmunder Zentrum steht diese wirklich schöne Sankt Petri Kirche. Drinnen ist sie allerdings leer, abgesehen von den interessierten Besucher*innen und den Arbeiten, die den Raum einnehmen. In der Mitte steht ein Turm aus Klimaanlagen, dessen Herstellerlogos weiß übersprüht sind, als stammten sie aus einer alternativen, firmenlosen Welt. Sie sollen wohl von einem anonymen Klimawandel sprechen. Ein bisschen Efeu rankt sich über die Klimapyramide und inszeniert sich dystopisch. Die Installation Einfach Cool von Transsolar thematisiert das Paradoxe der Klimaanlagen. Sie sollen Hitze erträglich machen, gleichzeitig verbrauchen sie Energie und tragen durch ihre Abwärme selbst zur Erwärmung der Umgebung bei. Im Gespräch mit den Kurator*innen, Britta Peters und Alisha Raissa Danscher, stellt sich heraus, dass die Sankt Petri Kirche nicht bloß Plattform für monumentale Klimakunst ist. Da unsere Städte nicht für Hitze geeignet sind, sollen Orte wie diese Kirche als kühle Oasen innerhalb von Großstädten neu gedacht werden. Kühle Kirchen als konsumfreie Zufluchtsorte für die Gemeinschaft.

Ein Symbol des Widerspruchs: Die Installation Einfach Cool von Transsolar. Foto: Henning Rogge.

Niemand hat vor, eine Baustelle zu bauen

Von der Kirche geht es in die Innenstadt. Mitten in der Fußgängerzone steht eine Betonwand. Hans Ostapenko und das ukrainische Kollektiv MNPL zeigen PO-2022: ein Betonfragment, das an die Berliner Mauer erinnern soll. Die andere Seite trägt ein rautenförmiges Relief, das auf sowjetische Bau-Ornamente verweist. Von der Berliner Mauer inspiriert, sieht Ostapenko darin einen Lösungsansatz für den Krieg gegen die Ukraine. Schwer zu sagen, ob das Statement den Beton leichter oder schwerer macht. Der Brutalismus dieser Konstruktion steckt jedenfalls nicht nur im Beton. Noch hat niemand vor, eine ganze Mauer zu bauen. Über weitere mögliche Standorte macht sich Ostapenko jedoch bereits Gedanken.

Eine Mauer fürs Kriegsende? PO-2022 in der Dortmunder Fußgängerzone. Foto: Henning Rogge.

Kurz vor dem Bahnhof steht Neda Saeedis Monument of Oblivion II. Auf einer Rasenfläche liegt ein blaues Gebilde aus Bauschuttrohren. Es windet sich in einem endlosen Knoten und erinnert an ein Möbiusband. Aus dem Inneren der Rohre tönen Baustellengeräusche. Neben der Skulptur liegt jemand ganz entspannt auf der Wiese. Vielleicht sind Baustellengeräusche schon fast sowas wie weißes Rauschen? Etwas Meditatives bringt Saeedis Monument in jedem Fall mit sich, denn Veränderung wird es immer geben. Baustellen, die fast schon ein Happening für sich sind und gelegentlich auch Publikum anziehen, sind aus ihrer reinen Funktionalität ausgebrochen. Saeedi macht daraus einen Kreislauf ohne Anfang und Ende. Die Arbeit fragt nach Konstruktion und Dekonstruktion, nach den ständig wiederkehrenden Bauprozessen. Zerfall und Wiederaufbau sind im Vokabular des Stadtlebens zu einer eigenen Ästhetik geworden.

Baustelle ohne Baustelle: Monument of Oblivion II von Neda Saeedis. Foto: Henning Rogge.

Lifemaxxing an ersten, zweiten und dritten Orten

Ein paar Straßen weiter sieht es aus wie in jeder Stadt, deren Straßen mal belebt waren. Die Gruppe betritt ein Ladenlokal nahe des domicils. Hier ist in jedem Schaufenster, an jeder Wand, in jedem Hinterzimmer eine Arbeit zu finden. Das ehemalige Optikergeschäft in der Hansastraße sieht aus, als hätte David Lynch hier irgendwann ein Set vergessen. Sorgfältige Einrichtung aus dunklem Holz, roter Teppichboden, verwinkelter Grundriss. Keine Schauspieler*innen, aber so ähnlich. Mehrere Ventilatoren beatmen Körperhüllen aus Camouflage-ähnlichem Stoff. An den Wänden eine endlose Malerei von Transformern, unterbrochen von Handyhüllen, scheinbar in einer Kirche. Außerdem: Eine Reihe Monitore mit einer sich wiederholenden Animation von Sims-ähnlichen Figuren.

Zwischen Konsum, Leistungsdruck und Selbstdarstellung: The Factory. Foto: Henning Rogge.

The Factory ist eine Arbeit von Ellinor Aurora Aasgaard und Zayne Armstrong. Die beiden Künstler*innen arbeiten seit 2018 zusammen und haben mit Days eine Art experimentelle Soap Opera entwickelt. Für „Unheimliche Verschiebungen“ greifen sie das Fitnessstudio als sogenannten „dritten Ort“ auf. Ein Ort, der weder Zuhause noch Arbeitsplatz ist und an dem sozialer Austausch auch Austragungsort für gemeinsame Werte ist. Da dieser Raum ziemlich absurd ist, liegt auch die Vermutung nahe, dass es kaum noch dritte Orte gibt, die nicht dem Konsummaxxing verfallen sind. Der Wettbewerb um effiziente Selbstoptimierung und die beste Selbstinszenierung ist auch hier mit inbegriffen.

Weiter geht es in ein kleines Hinterzimmer. Dort läuft Silke Schönfelds 20-minütige Dokumentation Brückstraße über die Veränderungen im Dortmunder Brückviertel und die Bedeutung eines Ortes für seine Bewohner*innen. In diesem David-Lynch-Hinterzimmer sprechen Menschen über eine Straße, die nur wenige Minuten entfernt liegt. Auch wenn ich keinen Bezug zum Brückviertel habe, denke ich an die Orte meiner Jugend, die, wie so viele Innenstädte, dasselbe Schicksal erfahren haben.

Eine Straße, viele Geschichten. Brückstraße erzählt von Veränderungen im Laufe der Jahre. Foto: Henning Rogge.

Dortmund HBF Terminal

Die Führung endet am Dortmunder Hauptbahnhof. Kennt ihr noch den Film mit Tom Hanks, Terminal? Ich stehe jedenfalls im Dortmunder Hauptbahnhof vor einer Anzeigetafel mit Hauptstädten aus aller Welt und fühl mich ein bisschen wie im Film. Neben mir wundern sich weitere Leute über die Flughafen-Vibes am DB-Informationsstand. Auf einem Plakat im Glaskasten steht in großer, auffälliger Schrift: DEPARTURES. Die Bildschirme sehen aus wie die üblichen Anzeigen, die einem sagen, wann der nächste Zug abfährt. Nur, dass hier bei DEPARTURES weder Züge noch Flüge angezeigt werden. Aleksandra Domanovićs Arbeit Departures (Hottest to Coldest) listet rund 200 Hauptstädte nach ihrer aktuellen Temperatur auf. Die Reihenfolge verändert sich ständig. Städte in Asien und Afrika landen häufig ganz oben, Europa weiter unten. Innerhalb kürzester Zeit kann sich auch das wieder ändern. Tag und Nacht, Sommer und Winter bestimmen mit, wer gerade oben steht. Die Arbeit sammelt reale Wetterdaten und verwandelt sie in eine Anzeigetafel, die vertraut wirkt und trotzdem verunsichert. Kunst schafft es an solchen Orten oft nur dekorativ oder monumental zu sein. Domanovićs Arbeit ist einfach Teil der Kulisse und spricht eine ähnlich funktionale Sprache. Wer den Hauptbahnhof nach Informationen absucht, wird hier eine sehr aktuelle Auskunft bekommen.

Flughafen Köln Bonn? Nicht ganz. Departures von Aleksandra Domanović am Dortmunder Hauptbahnhof. Foto: Henning Rogge.

Die Nordstadt ruft

Nach der Führung geht es zu sowas wie einer Afterparty. Auf der anderen Seite des Bahnhofs wartet Negative Gemeinschaft von Kein schöner Archiv, ein Projekt von Nuray Demir und Michael Annoff. Ich stolpere über die Arbeit bei der Leopoldstraße-U, weil ich plötzlich Stimmen aus der Überdachung höre. Rund um den Vorplatz des Dietrich-Keuning-Hauses sind Audioarbeiten zu hören. Sie erzählen von Formen von Gemeinschaft, die entstehen, wenn Menschen Ausgrenzung erfahren. Die Beiträge beziehen sich konkret auf Dortmund, auf die Nordstadt und teilweise sogar direkt auf das Dietrich-Keuning-Haus. Im Brunnen vor der Sankt Petri Kirche läuft außerdem ein dazugehöriges Märchen der Wiener Performancekünstlerin Myassa Kraitt aka Königin der Macht. An diesem Sonntag trat sie sogar auf – ein bisschen Bertolt Brecht meets Poetry Slam.

Negative Gemeinschaft von Kein schöner Archiv bietet eine ungewohnte Soundkulisse. Foto: Henning Rogge.

Wir bauen eine Stadt

Wer ohnehin über den Dortmunder Hauptbahnhof muss, kommt nicht umhin, über ein bisschen Kunst zu stolpern. Die Ausstellung läuft noch bis zum 4. Oktober und umfasst 15 Positionen rund um den Hauptbahnhof, im Dortmunder U, in der Sankt Petri Kirche und in der Hansastraße. Mit „Unheimliche Verschiebungen“ schaffen Urbane Künste Ruhr nicht bloß Anlässe für Kunstschaffende. Vielmehr entsteht hier eine Infrastruktur, parallel zu den existierenden Verhältnissen. Die Arbeiten befragen den Ist-Zustand nach einem War- und Kann-Zustand. 

Dabei schaffen sie die Grundlage, die es überhaupt braucht, um Zustände zu verändern: einen Raum für Begegnung und für Austausch. Vielleicht trefft ihr an diesen Orten auch auf Leute, die sich über neue Anzeigetafeln wundern, oder vielleicht könnt ihr ja selbst etwas zum Brückviertel sagen, wenn sich jemand in die Hansastraße verirrt hat. Um die Städte am Leben zu halten, muss es auch ein paar Leute an den Baustellen geben. Welche die bauen, und welche die schauen.

Dieser Beitrag entstand im Rahmen einer Medienpartnerschaft mit: Urbane Künste Ruhr. Urbane Künste Ruhr haben keinen redaktionellen Einfluss auf den Beitrag.

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