Auf der Suche nach dem dritten Ort

Im STROBO-Podcast „Zwischen Gellek und Duisi“ gibt es ganz viel Liebe für das Ruhrgebiet auf die Ohren. Produzentinnen Nadia und Christin wollen zeigen, wie viel der Pott zu bieten hat. Nach dem ersten Podcast-Jahr schauen sie im Interview auf ihre Erlebnisse zurück.

Lesedauer: 7 Minuten

STROBO: Aus dem Podcast hört man raus, dass ihr schon länger befreundet seid. Wie seid ihr auf die Idee gekommen, einen Podcast zusammen zu starten?

Christin: Was Nadia und mich von Anfang an verbunden hat, ist die Liebe zum Pott und den Pott verteidigen zu wollen – gerade, weil wir aus Gelsenkirchen und Duisburg kommen. Das sind die Städte, die im Pott mit am meisten belächelt werden. Daraus ist dann auch die Podcast-Idee entstanden. Wir wollen zeigen, dass der Pott mehr kann als nur hässlich sein und Probleme haben. Gerade im Kulturbereich geht hier richtig viel.

Nadia: Ja, total. Auch als unsere Freundschaft angefangen hat, haben wir uns gegenseitig in Gelsenkirchen und Duisburg besucht und dort zu Veranstaltungen eingeladen. Auch durch unseren eigenen Bekanntenkreis haben wir gemerkt, dass es richtig viele Leute gibt, die hier was in den Städten bewegen wollen und nicht nach Köln oder Berlin wegziehen. Denen wollten wir eine Bühne bieten.

Nadia ist in Gelsenkirchen aufgewachsen. Foto: Lennart Neuhaus

STROBO: Ihr seid beide hier aufgewachsen. Hat sich eure Beziehung zum Ruhrgebiet seit der Kindheit verändert?

Nadia: Auf jeden Fall. Als ich in Gelsenkirchen aufgewachsen bin, wollte ich eigentlich immer weg, schnell studieren und dann ins Ausland. Ich habe auch vier Jahre lang in der Schweiz gelebt. Dann bin ich wieder im Pott gelandet, weil ich die Art der Menschen vermisst habe: Die gelebte Diversität, wie bodenständig die Menschen sind, wie ehrlich und herzlich. Ich habe meine Liebe für den Pott sozusagen wiedergefunden. Ich habe trotzdem nie verleumdet, wo ich herkomme und gesagt, ich käme aus Düsseldorf oder so. Das hätte man bei Menschen im Ausland locker machen können. Aber der Lokalpatriotismus war immer da und auch irgendwie immer nötig, weil man sich oft so verteidigen muss.

STROBO: Und bei dir, Christin?

Christin: Ich bin immer in Duisburg geblieben, ich bin hier aus diesem Loch noch nie rausgekommen. (lacht) Das liegt aber auch daran, dass ich mich unfassbar wohl hier fühle. Dass Duisburg so eine „verhasste“ Stadt ist, ist mir erst relativ spät aufgefallen. Nachdem ich mit der Schule fertig war, bin ich zum Studieren nach Düsseldorf gegangen. Da ist mir zum ersten Mal klar geworden: Menschen haben eine Meinung zu dieser Stadt und die ist noch nicht mal so geil. Ich habe am Anfang nicht darüber nachgedacht, weil für mich klar war: Ich komme aus dem Pott, ich bin Duisburgerin. Das war Teil meiner Identität. Ich glaube, diese Passion zu zeigen, dass es hier auch schön ist, hat sich danach erst entwickelt.

Christin kommt aus Duisburg. Foto: Lennart Neuhaus

Eine neue Ruhrgebiets-Identität

STROBO: Würdet ihr sagen, mit dem Podcast hat sich euer Blick aufs Ruhrgebiet nochmal weiterentwickelt?

Christin: Also bei mir auf jeden Fall, weil ich gemerkt habe, dass man nicht allein mit diesem Gefühl ist. Als wir in die Szene reingesprungen sind und immer mehr Leute kennengelernt haben, war es richtig schön, zu merken, dass so Vielen das Ruhrgebiet am Herzen liegt. Es gibt einfach so unfassbar viele Menschen, die Bock darauf haben, hier was zu verändern. Das war inspirierend zu sehen. Das ist irgendwie das schönste Empowerment, was man bekommen kann.

Nadia: Wir waren dieses Jahr durch den Podcast auch viel im Ruhrgebiet unterwegs. Es hat uns nochmal richtig umgehauen, wie viel hier los ist, gerade im Festivalsommer. Was ich besonders cool finde, ist auch, dass eine junge Generation gerade eine neue Ruhrgebiets-Identität schafft. Die Bergmanns-Identität bleibt ein Teil der DNA. Aber ich finde schön zu sehen, dass gerade etwas Neues, Frisches entsteht, das sich gleichzeitig sehr heimelig und gewohnt anfühlt.

STROBO: Wie würdest du diese neue Identität beschreiben?

Nadia: Ich glaube, die Grundprinzipien bleiben. Wir sind immer noch offen, ehrlich, humorvoll und zugänglich. Und wir sind auch immer noch Macher. Man sieht aber zum Beispiel im Kulturbereich, dass die Leute sich zusammentun. Dort ist sehr viel in Gemeinschaft begründet, ob institutionell oder im Rahmen von kleinen Projekten. Alle unterstützen sich gegenseitig. Das macht für mich die neue Identität aus. Meme-Seiten wie essendiese, mit denen wir gesprochen haben, schaffen eine neue Bild-Identität. Wenn du früher nach Bildern vom Ruhrgebiet gesucht hast, hast du die Zechenlandschaft gesehen. Jetzt entsteht da was Neues, was nicht so sehr auf Klischees begründet ist, irgendwie was Cooleres. Man kriegt auch seinen Matcha, sag ich mal. Aber es ist nicht so verkrampft.

STROBO: Gab es für euch ein persönliches Highlight in der Zeit?

Christin: Diese neue Identität haben wir auch nochmal bemerkt, als wir unsere Live-Folge in der Jahrhunderthalle in Bochum gemacht haben. Ich würde jetzt mal für uns beide sprechen und sagen, dass das das Highlight des Jahres war. Zum einen waren richtig viele Leute da, und es war schön, die Wertschätzung für den Podcast zu sehen. Zum anderen haben wir durch unsere Gäst*innen, zwei Musiker*innen aus dem Ruhrgebiet, gemerkt, dass sich selbst im Musikbusiness gerade etwas wandelt, dass die Pott-Leute zusammenhalten. Es gibt wieder so ein Wir-Gefühl, wo man nur Liebe füreinander hat. Und natürlich war in der Industriekultur an der Jahrhunderthalle eine Live-Folge aufzunehmen, ein Full-Circle-Moment.

Nadia: Wir haben es nicht als selbstverständlich gesehen, mit unserem ersten Podcast in so einem Rahmen live aufnehmen zu können.

Kaum noch Orte für junge Menschen?

STROBO: Ich möchte jetzt noch mal ein bisschen das Thema dritte Orte aufmachen, weil ihr darüber auch ganz viel in eurem Podcast redet. Könnt ihr vielleicht noch mal kurz erklären, was eigentlich ein dritter Ort ist?

Christin: Ein dritter Ort ist ein Ort, wo man sich aufhalten kann, unabhängig von der Arbeit und von Zuhause. Das sind die klassischen ersten und zweiten Orte in der Soziologie. Wir haben gemerkt, uns fehlen dritte Orte – Orte, wo man einfach abhängen und chillen kann. In ganz vielen Sitcoms ist das auch ein wesentlicher Bestandteil, bei Friends zum Beispiel das Café. Wir haben hier Kneipensterben. Man merkt einfach, da ist ein Vakuum. Es gibt kaum noch Orte für junge Erwachsene, wo sie abhängen können, vielleicht auch ohne Geld auszugeben.

STROBO: Nadia, ich erinnere mich, dass du in der ersten Folge gesagt hast, dass dir gerade ein dritter Ort fehlt und dass du vielleicht durch den Podcast einen findest. Bist du fündig geworden?

Nadia: Das hört sich jetzt vielleicht ein bisschen klischeehaft an, aber irgendwie ist der Podcast für mich mein dritter Ort geworden. Ich habe zum einen mit Christin super viel Zeit verbracht, aber wir holen uns eben auch Leute in unser Wohnzimmer sozusagen. Wir lernen sie kennen und kriegen Einblicke in verschiedene Welten. Dadurch habe ich auch beispielsweise in Dortmund sehr viel kennengelernt, war auf verschiedenen Veranstaltungen und konnte bei jedem unserer Gäst*innen einmal so ein bisschen im dritten Ort mit dabei sein.

STROBO: Christin, hast du vielleicht auch nochmal einen neuen dritten Ort kennengelernt?

Christin: Mein dritter Ort ist eine Kneipe, wo ich mit meinen Freunden regelmäßig hingehe. Aber ich fand es auch sehr spannend, in diese anderen dritten Orte reinzuspringen. Was mich am meisten überrascht hat, war die Bochumer Straße in Gelsenkirchen. Bei dem Straßenfest, was dort veranstaltet wird, habe ich dieses Gefühl, was man vielleicht mit dem dritten Ort verbindet, auf der ganzen Straße gemerkt. Da war ein Gefühl von Community und Willkommensein und Zugehörigkeit. Das war irgendwie total magisch.

Auf der Suche nach dritten Orten, Nadia und Christin. Foto: Lennart Neuhaus

„Hidden Gem“ – so cool ist das Ruhrgebiet

STROBO: Mit dem Podcast wollt ihr nach außen tragen, dass es eigentlich echt schön im Ruhrgebiet ist. Könnt ihr einmal eure Ruhrgebiets-Utopie teilen?

Christin: Meine Utopie wäre, dass die Entscheider*innen im Ruhrgebiet die jungen Leute mehr auf dem Schirm haben. So kann am Ende etwas entstehen, wo es genügend Räumlichkeiten und Orte für junge Menschen gibt, an denen wir uns connecten können. Ich würde mir wünschen, dass das Gefühl, das wir haben, weil wir diese Orte kennen, nach außen getragen wird: Hier geht richtig viel, hier gibt es richtig geile Projekte, hier sind Menschen, die Bock haben, was auszuprobieren, Das wäre meine Utopie: Dass irgendwann klar ist, ey, Ruhrgebiet, voll geil, lass mal hingehen.

Nadia: Ich habe tatsächlich das Gefühl, dass das Ruhrgebiet schon ein „Hidden Gem“ ist. Früher habe ich immer gedacht, dass mehr passieren muss, dass es cooler werden muss. Nach diesem Jahr habe ich das Gefühl, dass eigentlich schon alles da ist. Wer das weiß, kommt. Gleichzeitig hoffe ich natürlich auch, dass genügend Geld da sein wird, damit Bestandsschutz gemacht werden kann, dass Theater nicht runtergekürzt werden und anderen kulturellen Institutionen geholfen wird. Das wäre meine größte Sorge. Ich hoffe, dass man den Wert dieser Dinge sehen wird. Ich glaube, das ist meine Utopie.

STROBO: Wie soll es mit dem Podcast jetzt weitergehen für euch?

Nadia: Es wird eine neue Staffel geben. Am Anfang haben wir uns gefragt, ob es überhaupt so viele dritte Orte gibt. Aber wir haben noch eine lange Liste. Sollen wir ein bisschen teasen, Christin? (lacht) Wir wollen nochmal mehr in Richtung Subkulturen schauen. Es gibt noch ganz viel zu erzählen nächstes Jahr. Und das ist irgendwie auch total schön.

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