„Wer nichts hat, kann nichts verlieren“ – Das neue Album von BRUCHBUDE

Am 8. Mai veröffentlichte BRUCHBUDE das dritte Studioalbum. Auf 10 Songs in 25 Minuten schweift die die Dortmunder Band durch lauten Indie-Rock, melodischen Indie-Pop und verkörpert dabei eine unverkennbare bandtypische Selbstironie. STROBO-Autor Jon Knolle hat sich die Platte angehört.

Lesedauer: 3 Minuten

„Honestly, ich kann für nichts garantieren, es kann alles passieren, weil es unendlich viele Wege gibt.“ Dieses Versprechen schwebt über den finalen Atemzügen des Albums. So unbefriedigend es dahinklingt, so wunderbar ehrlich scheint es den Sound des dritten Studioalbums von BRUCHBUDE zu beschreiben.

Es gibt Alben, die sich ankündigen wie ein Gewitter. Und dann gibt es solche, die einfach schon laufen, bevor man merkt, dass sie eigentlich schon begonnen haben. „Wer nichts hat, kann nichts verlieren“ gehört zur zweiten Sorte. Mit dem Song „Atme ein“ ist das Album sofort auf Geschwindigkeit. Kein melodisches Intro, kein Spannungsaufbau. Unverblümt erzählt die Band gleich von kurios-ironischen Momenten des Alltags. Sinnbildlich ist die Line: „Ich hab für viel zu viel Geld das falsche Essen bestellt.“

Das neue Werk der Band fühlt sich an wie ein später Sommerabend zwischen Späti, Befreiungsschreie im Sonnenuntergang, und doch Existenzkrise. Es beginnt beinahe beiläufig: schnell, direkt, treibende Drums, Synthieflächen und Gitarren. Viel Bewegung, viel Energie, viel „nach vorne“. Das Album trägt seine Schwere nicht offen vor sich her. Denn obwohl sich die zehn Songs musikalisch oft leicht anfühlen, erzählen sie von Überforderung, Unsicherheit, gesellschaftlichem Stillstand und der ständigen Suche nach Halt in einer Welt, die zunehmend aus dem Gleichgewicht gerät. 

BRUCHBUDE schaffen dabei etwas Besonderes: Sie wirken weder kalkuliert traurig noch ironisch distanziert. Stattdessen schwingt überall eine Form von ehrlicher Verwirrung mit. Eine Generation, die zwischen Doomscrolling, Faschismus-Flashbacks, Selbstzweifeln und Wochenend-Eskapismus irgendwie versucht, optimistisch zu bleiben.

Politische Haltung in der Statik

Und genau wie der Sound gehört politische Haltung dabei zum Selbstverständnis der Gruppe. „Als Musiker bist du schon ein Stück weit dazu verpflichtet zu sagen, was du denkst“, hieß es bereits vor einem Jahr im Gespräch mit STROBO.
Auf „Wer nichts hat, kann nichts verlieren“ klingt diese Haltung allerdings weniger nach Parole und mehr wie ein erschöpfter, aber ehrlicher Versuch, nicht abzustumpfen.

Ein sehr tragender und ausdrucksstarker Song ist „abgefucked“. Hier spielt BRUCHBUDE auf die aktuellen politischen Entwicklungen in Deutschland an: „Ist doch abgefucked, dass ein Herz plötzlich ein Zeichen ist für Wut und Hass“. Die Band spricht aus, was sie bewegt, ohne Zensur, Hemmungen oder Ängste. Gerade im Indie-Pop oder Indie-Rock ist das nicht selbstverständlich.

Musikalisch bleibt vieles typisch BRUCHBUDE: schneller Beat, viel Synthie-Pop, rohe Gitarren, hymnische Refrains, vielstimmiger Gesang, manchmal plötzlich Geschrei, wie in „Atme ein“: „Ich raste aus!“

Im Herbst geht BRUCHBUDE auf Tour. Foto: Runa Wien.

BRUCHBUDE nutzt bewusste Gegensätze als Stilmittel

Immer wieder bauen die Songs bewusst sprachliche Gegensätze ein. Sinnbildlich ist der Song „Honestly“: „Vielleicht fang ich bei Greenpeace an – oder jag Wale und erschieße sie dann.“ Es wirkt fast so, als würde die Band permanent versuchen, den eigenen Gedankenfluss gegen sich selbst auszuspielen. Humor gegen Hoffnungslosigkeit. Leichtigkeit gegen Kontrollverlust. Eskalation gegen Intimität.

Ein gutes Beispiel ist die Line „Ich hasse traurige Songs, ich werd dann immer so komisch“, die in der Tiefe einen traurigen Hintergrund hat. Gleichzeitig kommt sie selbstironisch mit einer Spur Humor daher, wodurch sie doch irgendwie Mut macht.

Dabei wirken viele Zeilen fast beiläufig hingeworfen, oft mit einfachen Reimen und einer unkitschigen Direktheit. Gerade das macht die Songs zugänglich. Das Album läuft „mal eben weg“, wie man so sagt. Man kann es nebenbei hören, und trotzdem bleiben plötzlich einzelne Sätze hängen, wie Splitter im Kopf. „Es war einmal vor langer Zeit, da gab’s noch Rockstars.“ – ein Protestsong auf eine vergangene Zeit, die romantisiert wird.

Ein emotionaler roter Faden

BRUCHBUDE inszenieren ihre Krisen nicht als großes Drama. Stattdessen verstecken sie sie zwischen Selbstironie, Alltagsskizzen und DIY-Ästhetik. Das schafft Glaubwürdigkeit.

Weiterhin folgt das Album einer Art emotionalem roten Faden: Während die ersten Songs fast euphorisch vorbeiziehen, wird die zweite Hälfte zunehmend melancholischer, offener, verletzlicher. Themen wie Orientierungslosigkeit und Angst bekommen mehr Raum. Und trotzdem kippt die Stimmung nie vollständig ins Resignative.

Ein finaler Höhepunkt ist der Song „Der letzte Optimist“, der deutlich langsamer läuft und die Gedankensplitter der vorherigen Lieder fast versucht aufzufangen, abschließend einzuordnen und Mut zu machen: „Und ja weil du’s grad nicht kannst, halt ich die Stellung für dich.“
Das Album ist nicht naiv optimistisch. Vielmehr versucht es, diese spezielle Art von Trotz zu verkörpern und den aktuellen Zustand vieler junger Menschen einzufangen. Es ist ist eine Mischung aus Enttäuschung, Verständnis und Zuversicht – mit dem tiefen Wunsch, Gemeinschaft und Verständnis zu finden.

Bock auf mehr STROBO? Lest hier: “Als Musiker bist du schon ein Stück weit dazu verpflichtet zu sagen, was du denkst und wie du es meinst – allein durch deine Reichweite“ – Die Band „BRUCHBUDE“ im Portrait

Mein Bild