Der Festivalcampus vernetzt und verbindet junge Kunstschaffende auf der Ruhrtriennale. An diesem Wochenende sind knapp 50 von ihnen aus Hong Kong, der Ukraine und aus Deutschland in Bochum zusammengekommen.
Lesedauer: 7 MinutenDer kleine Saal hinten in der Jahrhunderthalle in Bochum füllt sich langsam. Verteilt im Raum sitzen die Teilnehmenden des Festivalcampus und warten auf den Beginn des Theaterstücks Europa. „Ich hatte das Gefühl von Hoffnungslosigkeit. Einem endlosen Zirkel von Gewalt und Trauer”, wird am nächsten Morgen ein Student aus der Ukraine über das Stück sagen. Dass sich das Stück so anfühlt, können die Zuschauenden am Abend zuvor nur erahnen – die Content Note ist lang und die Altersempfehlung liegt bei 18 Jahren.
Die Bühne ist vieles: Klassenzimmer, Gefängnis und Gerichtssaal. Auf ihr geht es um kollektive Traumata, die über Generationen hinweg in Geschichten, Beziehungen und Lebensläufen wirken. Das Stück behandelt ein 75 Jahre zurückliegendes Massaker, Mitschuld, Opfer- und Täterperspektiven und die Frage, wie danach weiterzuleben ist. Europa vom polnischen Regisseur Krzysztof Warlikowski und libanesisch-kanadischen Autor Wajd Mouawad ist Teil des Ruhrtriennale-Programms und feiert an diesem Abend seine deutsche Erstaufführung.
Krieg, Gewalt und Wunderland
Kein leichter Inhalt für eine Gruppe von Studierenden, die teilweise selbst aus Kriegsgebieten kommen. „Wir lernen mit jedem Jahr dazu, was potentielle Trigger sein können und stellen Informationen bereit, klären mündlich auf und besorgen Randplätze, damit man die Vorstellung schnell und einfach verlassen kann, wenn es einem zu viel wird”, erklärt Carla Gesthuisen. Sie ist eine der beiden, die den Festivalcampus planen, umsetzen und begleiten. Carla ist selbst in unterschiedlichen Projekten der freien Kulturszene unterwegs. Eines davon ist der Festivalcampus, den sie zusammen mit Philipp Schulte leitet. Er arbeitet als Dozent und Dramaturg und verbindet dabei Theaterausbildung mit professionellen Kontexten.
Die beiden sitzen am Nachmittag vor dem Theaterstück Europa noch im Wunderland und essen gemeinsam. Umrahmt von Industriegerüsten, zwischen der Jahhunderthalle und dem Restaurant Pumpenhaus, stehen hier rosane Holzgerüste mit Bänken und Tischen, unter denen Besucher*innen oder Vorbeispazierende verweilen. An diesem Tag wechseln sich Wolkengebilde und Sonne ab, der Wind fegt durch die Bäume und die Stahlkonstruktionen der Jahrhunderthalle. Trotzdem ist hier gemütliche Stimmung. Philipp denkt schon an das Stück an diesem Abend: „Wenn wir so ein Stück wie heute Abend sehen, wo es um heftige Themen wie Krieg und Gewalt geht, dann prägen diese Inhalte die Diskussionen der Teilnehmenden sehr stark.”

Erfahrung als Ausgangspunkt
Der Festivalcampus ist in erster Linie ein Begegnungsprogramm. Die Studierenden mit unterschiedlichsten praktischen und theoretischen Hintergründen schauen nicht nur Theater, Ausstellungen oder Tanzperformances an, sie reden im Nachhinein darüber, kritisieren, assoziieren und tauschen ihre Erfahrungen aus. „Wir bringen Leute zusammen, die aus sehr unterschiedlichen Kontexten kommen, unterschiedliche Städte, Kulturen, Sprachen und Verständnisse davon, was Theater ist.” Philipp schmunzelt: Manchmal sei dabei der Unterschied nicht zwischen Prag und Frankfurt, sondern zwischen Hamburg und Köln. „Und es geht auch darum”, fügt Carla hinzu, „die Lehre aus dem Seminarraum ins Festivalgeschehen zu holen”. Denn die Studierenden können an diesem Wochenende tiefe Einblicke in ein internationales und etabliertes Kunst- und Kulturfestival erarbeiten – der Ruhrtriennale.
Dass dabei keine Hierarchien ausgebaut werden, ist Carla und Philipp wichtig: „Wir nutzen Erfahrung als Ausgangspunkt”, betont Carla. Die beiden wollen auf einer niedrigschwelligen und zugänglichen Ebene mit den Kunstschaffenden auf der Ruhrtriennale in Kontakt kommen. Sie wollen Räume schaffen, in denen alle Fragen gestellt werden können und dafür werden auch mal international bekannte Regisseure in einen Stuhlkreis neben Studierende gesetzt.

Im Stuhlkreis mit Krzysztof Warlikowski
Die fünfzig Studierenden haben die Chance, mit dem Regisseur Krzysztof Warlikowski und einem Teil des Ensembles des Nowy Teatr Warszawa ins Gespräch zu kommen. Die Gruppe sitzt in einem hohen hellen Raum, geschmückt mit Betonwänden und einer großen Fensterwand mit Blick auf die Rückseite des Pumpenhauses. Weiter hinten wiegen sich die Bäume im Wind und im Raum hört man ihn an den Außenwänden vorbeisausen. Auch wenn hier drinnen eine ganz gemütliche Stimmung mit Sitzsäcken und „keine-Schuhe” entstanden ist, passt das Heulen des Windes zu den Themen beim Artist-Talk.
Ein Student spricht die Grausamkeit, die Gewalt und die fehlende Hoffnung im Stück an. Das Ensemble antwortet, erklärt, wo ihrer Meinung nach die Hoffnung im Stück steckt. Aber es bleiben heftige Themen: Während des Talks verlassen zwei Frauen den Raum. Das Ensemble spricht auch über Produktionsbedingungen, Prozesse beim Einüben des Stücks und Überlegungen, welche Texte man erzählen kann und welche nicht. Für die Studierende sind es Einblicke in professionelle Produktionen und die Chance, kritische Fragen zu stellen und eigene Erfahrungen zu teilen.
Neue Menschen, neue Perspektiven
Für die jungen Kunstschaffenden geht das Konzept auf. Christina Schulte ist Dramaturgieassestentin am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Sie ist nicht das erste Mal dabei. An diesem Wochenende besucht sie einen Workshop zu Mythen und Narrativen aus dem Ruhrgebiet. Sie erzählt nach dem Artist Talk, für sie seien die Menschen mit das Wichtigste: „Aus den Festivals in den letzten Jahren habe ich wirklich gute Freunde mitgenommen – aus verschiedenen Ländern und Städten. Und mit einigen von ihnen habe ich danach tatsächlich zusammengearbeitet.” Auch Anna Kopiova aus der Ukraine ist schon das zweite Mal dabei. Sie studiert Puppenspielkunst an der National University of Arts in Kharkiv. Begeistert ist die 20-Jährige besonders von den Gruppenarbeiten in den Workshops: „Jeder hat sich den Workshop selbst ausgesucht, jeder hier ist neugierig, jeder interessiert, jeder bei der Sache. Und die Arbeit in solchen Gruppen ist für mich auch eine Erinnerung, dass es so viele verschiedene Perspektiven gibt.”



„Die sollen hier mit einem positiven Schock rausgehen“
Vier Tage lang treffen beim Festivalcampus drei oder mehr Universitäten aufeinander. Außerdem ermöglicht ein Open Call auch jungen Kunstschaffenden wie Christina, die nicht mehr studieren, am Festival teilzunehmen. Bis zu vier Mal findet der Festivalcampus während der Ruhrtriennale statt. Dozierende der Universitäten bieten auf dem Campus Workshops an, die jungen Kunstschaffenden suchen sich für das Wochenende einen Workshop aus, den sie zwei mal am Tag besuchen. Die einzige Regel: kein Workshop einer dozierenden Person der eigenen Universität. So sollen Interdisziplinarität und mehr Austausch entstehen.
Das ganze Jahr lang basteln Carla und Philipp an diesen Wochenenden herum. Es werden Förderungen gesammelt, Universitäten angeschrieben, Anfragen bearbeitet, Kontakt mit den Studierenden gehalten und Workshops geplant. Der Campus selbst wurde vor zwölf Jahren gegründet, aufgebaut hat das Projekt Phillip. Carla kam ein paar Jahre später dazu, erst als Praktikantin, dann als Assistentin. Mittlerweile arbeiten die beiden seit zehn Jahren zusammen – irgendwann dann als Doppelspitze: „Wir machen den Campus zusammen. Also gleich bezahlt, gleiche Verantwortung, alles gleich”, erklärt Carla und Philipp nickt.

„Ich hoffe”, sagt Carla, „dass die Studierenden hier mit einem Wirksamkeitsgefühl rausgehen. Dass sie hier weggehen und sich denken, hier habe ich neue Perspektiven und Denkweisen erfahren”. Der Campus sollte Neugierde und Verständnis verstärken und die Gewissheit in Frage stellen, dass man auf die einzig richtige Art und Weise agiert, fügt Philipp hinzu. Dann sagt er noch: „Die sollen hier einfach mit einem positiven Schock rausgehen.”
Geheimzutat: Austausch
Unter den rosafarbenen Holzgerüsten, mitten in der Ruhrpott-Romantik aus imposanten Stahlgerüsten, sitzen die Studierenden aus der Ukraine, Hong Kong und Deutschland beim Mittagessen zusammen. Hinter ihnen liegen an diesem Tag ein Workshop am Vormittag und ein Artist Talk, vor ihnen der Nachmittags-Workshop und der Besuch einer Performance am Abend. Nicht viel Zeit zum Austauschen, aber die nutzen sie. Lau Ka Ying von der Hong Kong Acadamy for Performing besucht den Workshop „Subject. Object. Action” von Natalia Shapovalova, einer Dozentin von Annas Universität aus der Ukraine. Ka Ying beeindruckt die unterschiedlichen Perspektiven und Herangehensweisen: „Wir sind Studierende von einem Ort, wachsen mit derselben Kultur auf, und dadurch denken wir auf eine ziemlich ähnliche Weise. Aber das Festival gibt uns die Chance, mit Menschen aus anderen kulturellen Hintergründen zu kommunizieren und zu arbeiten. Das eröffnet mehr Kreativität und Möglichkeiten.“ Besonders aufregend sei es für sie und ihre Kommilitoninnen, hier das europäische Theater kennenzulernen.

Den Dialog entstehen lassen
Anna und Christina, die mit Ka Ying am Tisch sitzen, stimmen ihr zu. „Mir gefällt, dass man hier so viel Input bekommt – die Workshops und all die Aufführungen, die wir uns anschauen, klassisches Theater, Oper, Tanz. Jeden Abend ist man einfach so müde.“, sagt Christina, während sie noch schnell ihr Mittagsessen aufisst. Viel Zeit bleibt den dreien nicht mehr. Der Artist Talk hat ein wenig länger gedauert als erwartet und ihr nächster Workshop fängt bald an. Aber das sei das Tolle, sagt auch Anna: „Dieses Mal nehme ich auf jeden Fall neues Wissen aus dem Workshop mit. Ein paar durchdachte Gedanken, aber auch praktische Werkzeuge, mit denen ich später in meiner eigenen Praxis weiterarbeiten kann“. Christina und Anna stapeln schon ihre Teller aufeinander, packen ihre Taschen zusammen.
Hinter ihnen im Wunderland wird auf einer kleinen Bühne schon Soundcheck gemacht – später soll hier noch eine Veranstaltung stattfinden. Bevor Ka Ying fertig ist, sagt sie noch: „Das Festival hat wirklich meinen Horizont erweitert. Es hat mich dazu inspiriert, darüber nachzudenken, wie die eigene Kultur die eigene Arbeit beeinflusst. Und ich glaube, nur so ist es möglich, eine Show zu schaffen, die wirklich einen Dialog entstehen lässt.“. Dann packt auch sie ihre Sachen zusammen und geht mit den anderen Richtung Workshopraum.
Dieser Beitrag entstand im Rahmen einer Medienpartnerschaft mit: RuhrBühnen. Die RuhrBühnen haben keinen redaktionellen Einfluss auf den Beitrag.
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