„Cinema for the Community“ – die queere Filmnacht „slow*screens“

In Dortmund ist die erste queere Filmnacht gestartet. „slow*screens“ im Blendhaus zeigt diesen Herbst und Winter Filme, die von queerem Begehren, FLINTA*-Struggles und Rassismus-Erfahrungen erzählen. Filmwissen? Nicht nötig! Hier soll ein Austausch auf Augenhöhe stattfinden. Ein Versuch, die elitäre Filmbubble platzen zu lassen.

Lesedauer: 5 Minuten

Selbst seltene Besucher*innen dürften ihn kennen. Sein Lieblingsfilm: Der Pate – egal welcher Teil. Auf Letterboxd gefallen ihm besonders gut Filme der Nouvelle Vague, auch wenn er gar nicht genau weiß, warum. Aber er liebt es, darüber zu reden. Und du fragst dich nebenbei, ob es eigentlich normal ist, noch nie von Mise-en-Scène oder Steve Buscemi gehört zu haben, während ungefragt Erklärungen zu beidem folgen. Herzlichen Glückwunsch – Vor dir steht ein „Film-Bro“! Vielleicht warst du in letzter Zeit mal wieder im Kino und dieses reizende Exemplar saß neben dir oder – viel zeitgemäßer – dein letztes Date hat sich als solcher entpuppt.

Auch wenn der „Film-Bro“ im Internet mittlerweile als Meme und nicht mehr als ernstzunehmender Gesprächspartner gilt, zeigt er doch ein grundsätzliches Problem in Filmkreisen auf: Einige wenige fachsimpeln mit einer Weißweinschorle in der Hand und bleiben dabei die meiste Zeit unter sich. Was als Klassiker und damit sehenswert gilt, ist gesetzt.

Die Macherinnen von slowscreens sitzen auf gelben Stühlen und grinsen sich an.
Scherwin Hosseini (l.) und Sarah Niesius organisierten schon viele Kunst- und Kulturveranstaltungen. Foto: Lennart Neuhaus.

Im „Wohnzimmer“ Filme schauen

Sarah Niesius, die bereits für verschiedene Filmveranstaltungen im Ruhrgebiet gearbeitet hat, weiß um diese Exklusivität: „Filmfestivals finden oft für ein bestimmtes Publikum statt, das über ein bestimmtes Fachwissen oder Jargon aus der Filmwissenschaft verfügt. Wir wollen Menschen erreichen, die sich vielleicht nicht trauen, zu solchen Events zu gehen.“ „Wir“ – das ist neben Sarah noch Scherwin Hosseini. Gemeinsam organisieren sie die Filmreihe „slow*screens“ im Blendhaus.

Für insgesamt drei Abende lassen die beiden eine Sofa- und Kissenlandschaft entstehen – weniger Kino-, mehr Wohnzimmer-Atmosphäre, aber trotzdem mit Popcorn und Limos.

Queeres Kino: Eröffnungsfilm ist „Futur Drei“

Auftakt der Veranstaltung machte „Futur Drei“. Der Film erzählt die Geschichte von Parvis, einem Millennial-Typ, der behütet als Kind von Exil-Iraner*innen in einer Vorstadt aufwächst und sein Queer-Sein in langen Partynächten und schnellen Sex-Dates auslebt. Als er beim Ladendiebstahl erwischt wird, nimmt sein Leben eine Wendung: Er wird zu Sozialstunden in einer Geflüchtetenunterkunft verdonnert. Hier trifft er auf die Geschwister Amon und Banafshe, die aus dem Iran nach Deutschland geflohen sind. Gemeinsam verbringen sie einen intensiven Sommer, in dem nicht nur Parvis und Amon zueinanderfinden, sondern auch die Frage nach Zugehörigkeit als erste und zweite Generation von Migrant*innen gestellt wird.

„Für mich war sofort klar, dass wir den Film zeigen müssen, weil er alle Themen vereint, die wir mit ‚slow*screens‘ bearbeiten möchten“, erklärt Sarah begeistert. Auf der Leinwand im „Blendhaus“ zeigen Sarah und Schwerin ausschließlich Filme, die queere, BIPOC*- und FLINTA*-Perspektiven einnehmen. Denn auch diese seien noch zu selten im Programm von Kinos. „slow*screens“, das „cinema for the community“, schreiben Scherwin und Sarah in ihre Insta-Bio. Das ist ihr Anspruch, wenn auch nicht ganz uneigennützig: Gerade Filme, die diese Menschen zusammenbringen, mögen sie besonders.

Die Sofolandschaft wird von kleinen gelben Lampen beleuchtet.
 Wer will kann es sich auf den Sofas im Blendhaus gemütlich machen. Foto: Lennart Neuhaus.

Entschleunigtes Schauen

Anders als im Kino laden Scherwin und Sarah ihre Gäste ein, im Anschluss an den Film noch zu bleiben und sich mit anderen auszutauschen. Sarah ist das besonders wichtig: „Nach guten Filmen habe ich immer das Bedürfnis, darüber zu sprechen. Es gibt hier auch großartige Kinos, aber dort endet der Film und du gehst nach Hause. Dabei finde ich, wir sollten viel öfter darüber nachdenken, was ein Film eigentlich mit uns macht.“ Daher auch der Veranstaltungstitel: Bei „slow*screens“ soll’s entschleunigt zugehen. Wer nach dem Abspann aber aufspringt, wird nicht aufgehalten. Nur wer möchte, kann bleiben.

In Gespräche kommen

Es ist natürlich immer ein großes Experiment, ob offene Gesprächsrunden glücken. Jede*r war wohl schon mal Teil von einem Stuhlkreis, in dem sich peinlich betreten angeschwiegen wurde. Manchmal hat man vielleicht auch einfach (noch) nichts zu sagen. Nichts schlimmer, wenn man dazu gezwungen wird, finden auch Sarah und Scherwin. „Das ist auch nicht gemacht für Menschen, die schüchtern sind oder vielleicht noch nie bei einer Filmveranstaltung waren. Ich fühle mich zum Beispiel in solchen Kontexten auch nicht wohl“, räumt Scherwin ein.

Beide möchten deshalb auch keine Diskussion leiten, sondern dass ihre Besucher*innen selbst in Gespräche kommen. Als kleine Starthilfen haben sie Fragenzettel im Raum verteilt. „Welche Snacks soll es beim nächsten Filmabend geben?“ oder „Welcher Song hat im Soundtrack gefehlt“? steht dort zum Beispiel.

Durch die Fragen sollen die Besucher*innen miteinander ins Gespräch kommen. Fotos: Lennart Neuhaus.
Auf einem Beistelltisch liegen Fragekarten, Stifte und Sticker mit dem slowscreens-Logo

Ganz ohne Zettelhilfe, formt sich nach der Vorstellung eine kleine Runde. Bei Vielen muss der Film noch sacken. Er endet mit Banafshes Abschiebung, die das Publikum aber nicht sieht. Es sind Banafshes Worte, die sich über Naturbilder legen. Eine Besucherin ist froh über das Ende, schließlich „können wir uns alle vorstellen, wie das ausgeht“. Zuvor hat sie erzählt, dass sie Geschichten wie Banafshes kennt. Sie selbst ist vor zehn Jahren nach Deutschland gekommen.

Die Gruppe spricht noch viel über Parvis, seine Privilegien in Deutschland und in gute Verhältnisse geboren zu sein und gleichzeitig über die Ohnmacht, dass nicht er, sondern die Mehrheitsgesellschaft entscheidet, ob er dazugehört. „Es gibt so viele Layers in dem Film – that’s my take“, sagt die Besucherin vom Anfang und unbeabsichtigt ist es das Schlusswort der Runde. Vielleicht sieht man sich beim nächsten Mal wieder.

Zukunftspläne mit „slow*screens“

Scherwin und Sarah sind zufrieden mit ihrem Eröffnungsabend. Der Austausch untereinander sei noch etwas zaghaft, aber in Ansätzen schon da. Beim nächsten Screening möchten sie den britischen Liebesfilm „Layla“ zeigen. In dem wird das Leben von Dragperformer*in Layla gezeigt und wie dey zwischen dem eigenen, familiären und dem Lebensentwurf eines neuen Partners hin- und hergerissen ist.

Abschließen wird „slow*screens“ mit einem Abend, den die Freie Szene Film Dortmund kuratiert. Wenn es nach Scherwin und Sarah geht, würde es danach in die Verlängerung gehen: „Die Hoffnung ist schon ein bisschen, dass Leute von außerhalb auf uns aufmerksam werden und uns in ihrem Festivalkonzept haben wollen. Das wäre total schön, wenn wir mit ‚slow*screens‘ wandern und zeigen könnten, wie Filmschauen auch sein kann.“

Filmschauen im Blendhaus ist eine Gemeinschaftserfahrung: Man teilt sich ein Sofa mit fremden Leuten, schaut in Gesichter, die gerade das gleiche sehen, aber vielleicht andere Dinge fühlen. Und man begeistert sich für Filme, die zwangsläufig politisch sind. Einen besseren Zufluchtsort vor Film-Bros und Film-Snobs könnte man sich nicht vorstellen. Und vielleicht kommt „slow*screens“ auch irgendwann in ihre Räume – wünschen kann man es ihnen doch nur.

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