„Be crazy, be safe and brake hard“: Claudia Luzzi spielt den Gepäckwagen Carrie in Starlight Express in Bochum

Von Süditalien ist sie ausgerechnet nach Bochum ins Ruhrgebiet gekommen – nur um in einem Musical zu spielen. Claudia Luzzi hat sich getraut, ihrem Traum zu folgen und auf der Bühne wird klar: Das hier ist mehr als ein Job, das ist ihre pure Leidenschaft.

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Das Make-up liegt ordentlich aufgereiht auf dem Schminktisch: Pinsel, Glitzer, Lidschatten. Vor dem Spiegel sitzt eine junge Frau mit braunen, kinnlangen Haaren, in denen ein flauschiges Teddyhaarband klemmt. Es ist Claudia Luzzi, Darstellerin im Ensemble von Starlight Express in Bochum. Hier sitzt sie vor jeder Vorstellung. Denn der erste Schritt zur Verwandlung in den Gepäckwagen Carrie ist das Schminken des typischen Carrie-Looks. Bei Starlight Express schminken die Schauspielerinnen und Schauspieler sich selbst.

Claudia ist 28 Jahre alt, kommt aus Italien und beschreibt ihre Heimat so, dass man sie sofort vor sich sieht: „Weißt du, dass Italien die Form eines Stiefels hat? Und vom Absatz komme ich.“ Sie kommt aus Tarent, einer Stadt im Süden von Italien. „Es ist eine sehr schöne Stadt mit tollen Stränden, Meer, Sand und fantastischem Essen“, sagt sie. Und man merkt: Sie meint es nicht als Postkartenfloskel.

Claudia Luzzi macht sich in der Maske fertig. Gerade setzt sie ihre blonde Carrie-Perücke auf.
Claudia Luzzi verwandelt sich in Carrie. Foto: Katharina Reinert.

Ein Traum, der früh beginnt

Mit 19 verlässt Claudia ihre Heimatstadt und zieht nach Norditalien. „Von einer kleinen Stadt dorthin zu kommen, war schon ein Schock – aber im positiven Sinne“. Ein Schock, der sie nicht abschreckt, sondern anzieht. „Ich liebe es weg von zuhause zu leben. Das war schon immer mein Traum.“ Dass dieser Traum etwas mit Bühne zu tun hat war Claudia schon in der Kindheit klar. Musik ist in ihrer Familie mehr als ein Hobby. Ihr Vater ist Pianist und Chorleiter. Sie beschreibt sich als das Kind, das auf Familienfeiern sofort bereitsteht, wenn man einen Song hören will: „Diese nervige Art von Kind.“ Und sie lacht, weil sie genau weiß, dass das der Anfang von allem war.

Mit zwölf beginnt sie mit Gesangsunterricht, mit 15 kommen Schauspiel und Tanz dazu. Schule am Vormittag, Musical-Ausbildung am Nachmittag. Andere machen Ausflüge, sie steht auf der Bühne und probt. „Die meisten Menschen würden sagen, dass man viel opfert“, sagt sie. „Aber für mich war es nie ein Opfer, weil es genau das war, was ich machen wollte.“ In diesem Satz steckt viel von ihr: kein Pathos, kein Selbstmitleid, eher eine simple Logik.

Claudia Luzzi zwischen Scheitern und Triumphieren

2020 versucht sie erstmals, in Deutschland Fuß zu fassen. Sie bewirbt sich bei dem Musical Aladdin in Stuttgart. Sie wird abgelehnt, unter anderem wegen ihrer fehlenden Deutschkenntnisse. 2024 bewirbt sie sich erneut in Deutschland, bei Starlight Express. Was ihr fehlt, sind die Erfahrungen auf den Rollschuhen. Aber das ist für sie kein Hindernis, sie wird angenommen. Der Start ihres größten Abenteuers. Musicaldarstellerin in einem anderen Land zu werden.

Plötzlich pausiert sie ihren Satz. Sie zieht ihren Eyeliner. „Sorry, dabei muss ich mich immer konzentrieren.“ Zwei Minuten später ist der Carrie-Look fertig geschminkt: stark betonte Augen mit präzisem Eyeliner und langen Wimpern, klar konturierte Gesichtszüge sowie dezent glänzende, hell getönte Lippen. Dann steht das Skate Warm-up an. Claudia und die anderen Darstellerinnen und Darsteller wärmen sich vor der Show auf. Immer wieder fahren sie Runden über die Bühne, springen die Rampe hoch oder tanzen kurze Stücke ihrer Choreografien.

In der riesigen Starlight-Arena singt, spielt und rast Claudia Luzzi vor und hinter dem Publikum. Foto: StarlightExpress.

Jetzt steht Claudia fest auf ihren braunen Rollschuhen, aber das war nicht immer so. Sie spricht über den Lernprozess vom Rollschuhfahren ohne Heldenpose, eher wie jemand, der sich selbst beim Wachsen zugesehen hat. „Am Anfang war es ziemlich schwierig“, sagt sie. In den ersten Wochen hätte der Körper ständig neu verhandelt, was möglich ist. Und dann, irgendwann, passiert das, was sie selbst noch immer ein bisschen ungläubig macht: „Irgendwann weiß man einfach, wie man skatet.“

Eine Frage der Balance

Und trotzdem läuft nicht immer alles sanft. Während der Skate-Schule verletzt sich Claudia und fällt für mehrere Monate aus. Ihr Debüt als Carrie hätte sie schon im Mai 2025 geben sollen. Durch ihre Verletzung verschob sich dieser jedoch auf September 2025. Dieser Sturz war für sie ein Rückschlag, aber Aufgeben keine Option. „Das Wichtigste für mich ist der Kopf.“ Entscheidend sei nicht der Rückschlag selbst, sondern der Moment, in dem man zurückkehrt. Und genau das tat sie.

Was dabei auffällt: Claudia romantisiert ihre Leistung nicht. Sie betont, wie wichtig Balance zwischen Proben, Shows und Freizeit ist. „Ich hatte keine Freizeit“, sagt sie über die Zeit in der Skate-Schule. Und dann korrigiert sie sich fast: Natürlich gibt es freie Zeit – aber sie muss klug eingesetzt werden. „Wenn man sich nicht ausruht, verletzt man sich. Oder man wird einfach verrückt.“ Und genau diese Freizeit nutzt sie, um ihr neues Zuhause kennenzulernen. Bochum gibt ihr Ruhe in ihrem rasanten Musicalalltag. Die Stadt ist für sie weder zu klein noch zu laut. Sie schätzt die Ruhe, die Parks und die kurzen Wege. „Ich liebe meine Zeit für mich und allein zu sein“, sagt sie. Ihre Mitbewohner wüssten genau, wie sie abends funktioniert: „Um Mitternacht bin ich nicht mehr unterwegs. Ich liege in meinem Bett mit meinem Tee und sage: Gute Nacht!“

Impressionen des Spektakels: Hier Schauspieler Robert Colvin als Greaseball. Foto: StarlightExpress.

Kurz vor der Show ist es so weit, Claudia Luzzi zieht ihr Kostüm an und wird so vollständig zu Carrie dem Gepäckwagen. Passend dazu wird ihr Teddyhaarband gegen eine kupferrote Perücke mit drei kleinen braunen Koffern auf dem Kopf getauscht. Auf ihrem Kostüm steht das Wort „fragile“, also zerbrechlich. Für Claudia ist das kein Widerspruch, sondern ein Schlüssel – auch über die Bühne hinaus. Carrie sei verletzlich, aber nicht schwach. Stärke sei oft eine Schutzschicht, sagt Claudia. Ein Gedanke, der sich auch in ihrer eigenen Art wiederfindet: viel Energie auf der Bühne, bewusster Rückzug im Alltag. Und doch ist sie gleichzeitig das Gegenteil von scheu. Sie erzählt von Solotrips, davon, wie sie allein nach Amsterdam fährt – und am Ende auf einer Festivalbühne landet. „Frag mich nicht wie oder warum” sagt sie, „Am Ende stehe ich einfach auf irgendeiner Bühne und tanze. Was mache ich eigentlich in meinem Leben?“

Wo sich Claudia Luzzi sieht

Für die Zukunft hat Claudia Luzzi klare Pläne. Beruflich träumt sie von weiteren Produktionen, wie Hadestown, Hamilton oder SIX. Produktionen, für die sie „buchstäblich sterben“ würde. Gleichzeitig möchte sie ihre Deutschkenntnisse weiter verbessern und einen Sprachkurs besuchen. Nicht nur für die Bühne, sondern für den Alltag.

„Be crazy, be safe and brake hard“, sagt sie jeden Abend gemeinsam mit ihren Kolleginnen kurz vor der Show. Verrückt sein, ohne sich zu verlieren. Mutig sein, ohne leichtsinnig zu werden. Und wissen, wann man bremsen muss.

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