Welche Perspektiven braucht die Kunst? Die Dortmunder Nordstadt begibt sich auf die Suche

Eine Gruppe von Jugendlichen, jungen Erwachsenen und Müttern besucht Kultureinrichtungen im Ruhrgebiet. Teilnehmer*innen fragen sich: Wer wird hier repräsentiert? Und welche Geschichten fehlen?

Lesedauer: 4 Minuten

Das Projekt Dortmund Nordstadt Community Curating untersucht seit Anfang Juni 2026, wie Gemeinschaft in der Kunst sichtbar werden kann. Unter der Leitung von Ayşe Kalmaz besucht die Gruppe Museen, geht in die Oper oder nimmt an Workshops zu Lyrik und Theater teil. Jede Woche treffen sie sich und dokumentieren mit der Kamera, was sie beobachten. Entstanden ist das Projekt als Kooperation des Theaters im Depot Dortmund mit Train of Hope Dortmund e.V., der Stadtteil-Schule Dortmund e.V. und dem Migrantinnenverein Dortmund e.V.

„Wir erfahren nie: Warum kommen Menschen eigentlich ins Theater? Und warum nicht?“

Ein warmer Sommertag Anfang Juli. In der großen Mittelhalle im Depot ist ein Pavillon aufgestellt. Auf Stühlen und Sitzkissen hat sich die Gruppe rund um Regisseur Tuğsal Moğul versammelt. Er erzählt von den Menschen, die zu einem seiner ersten Theaterstücke kamen: „Ich wollte ein Publikum, das sich mit Themen wie der religiösen Beschneidung auseinandersetzen kann. Doch die meisten, die gekommen sind, waren Deutsche, die dagegen waren.“ In seinen Stücken setzt sich Moğul mit postmigrantischen Themen wie Rassismus, Migration und Rechtsextremismus auseinander. Wie mehr Menschen, auch aus migrantischen Gemeinschaften, ins Theater kommen, genau das will Dortmund Nordstadt Curating herausfinden. Projektleiterin Ayşe Kalmaz wirft ein: „Wir erfahren nie: Warum kommen Menschen eigentlich ins Theater? Und warum nicht?“

Ayşe Kalmaz leitet das Projekt Dortmund Nordstadt Community Curating. Foto: David Peters.

Herkunft und Identität: „Die Deutsche Ayşe

Moğul hat Ausschnitte aus seinem Stück „Die Deutsche Ayşe“ mitgebracht. Zusammen liest und reflektiert die Gruppe die Geschichte von zwei Figuren. „Die Deutsche Ayşe“ basiert auf Interviews mit drei Frauen, die aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind. Die 15-jährige Zahra liest vor: Sie erzählt von der Figur die Feinsinnige. Wie es für sie war, in Deutschland anzukommen, als sie aus Istanbul in die schwäbische Kleinstadt Gammertingen zieht. Wie die Fremde sie überfordert. Und wie sie trotzdem bleibt, um ihren Kindern eine bessere Ausbildung zu ermöglichen.

Ortswechsel Beckum: Die Engagierte war dort eine der ersten Ausländer*innen. Auch sie hat sich fremd gefühlt: „Alles war so eng. Ich glaube, da war kein Platz für die Menschen im Kopf“, liest Zahra vor. Die Gruppe lauscht aufmerksam. Die Engagierte hilft später Neuankömmlingen in Beckum. Die Geschichten lassen manche in der Gruppe Parallelen zu ihrem eigenen Leben ziehen: „Das erinnert mich an meine Mutter. Sie ist auch immer hilfsbereit, egal wann oder wo“, erzählt die 17-jährige Hazar.

Autorin Lütfiye Güzel (links) ist mit auf dem Podium und liest eigene Gedichte vor. Fotos: David Peters.

Zwischenfazit im Depot

Nicht nur im Workshop können sich Projektteilnehmer*innen mit Geschichten identifizieren. Eine Woche nach dem Workshop ist im Theater im Depot eine Leinwand aufgestellt. Es läuft ein Kurzfilm. Knapp zehn Minuten lang begleiten Zuschauer*innen die Besuche und Workshops der Gruppe. „Ich finde Theater langweilig“, sagt eine Stimme aus dem Off, während die Gruppe ihren ersten Besuch im Theater hat.

Die Eindrücke sind verschieden. Beim Stück „Mutter“ im Theater Oberhausen zum Beispiel. Die einen finden sich im Stück wieder. „Ich bin die älteste Tochter in meiner Familie. Und ich habe mich bei manchen Sachen voll mit der Tochter identifiziert. Zum Beispiel mit dem Druck, den die Mutter der Tochter im Theaterstück macht“, sagt Hazar. Andere wie Majan sind zwiegespalten. „Ich habe das Gefühl, als wäre sie meine Mutter. Meine Mutter war auch hart.“ Mit manchen Kunstformen hadern viele in der Gruppe. Mit der Oper zum Beispiel: „Ich finde die Musik gut, aber im Chor verstehe ich die Sprache nicht“, sagt Yussuf im Kurzfilm. Auf dem Podium hat er direkt eine Idee, wie es besser geht: „Ich würde das Mozart-Stück mit Rap-Elementen machen.“

Im Theater im Depot läuft ein Kurzfilm zum Projekt. Foto: David Peters.

Und jetzt? Wie es weitergeht

Die Gruppe will erzählen, wie sie die Eindrücke des Projekts wahrnimmt, was sie beschäftigt. Dafür schafft sie sich eine eigene Plattform: Sie produziert gerade einen Videopodcast. Auch ein TikTok-Account steht in den Startlöchern. Im September geht es zur Ruhrtriennale, um noch breitere Einblicke in internationale Kunst zu bekommen. Selbst etwas zu kuratieren, darum geht es in der zweiten Projektphase ab Ende September. Die Ergebnisse ihrer Arbeit wird die Gruppe im November 2026 im Theater im Depot präsentieren.

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