Zwischen perfekt kuratierten Instagram-Feeds und permanenter digitaler Erschöpfung wirkt das Ruhrgebiet oft wie ein massiver Störfaktor, findet Fotograf Michael Tiedke. In seinem Fotoprojekt Ruhrkörper untersucht er die raue, widerständige Materie der Region. Entstanden ist ein fotografischer Essay über Falten im Gesicht, Stahl in den Adern und die Weigerung des Ruhrgebiets, sich einfach in Luft aufzulösen. Für STROBO hat Michael seine Erfahrungen und Gedanken zum Projekt niedergeschrieben.
Lesedauer: 5 MinutenManchmal frage ich mich, was das eigentlich ist: dieses Ruhrgebiet. Wenn man hier aufwächst oder arbeitet, verschmilzt man so sehr mit der Umgebung, dass man sie kaum noch von außen betrachten kann. Wenn man mit der Kamera durch das Revier zieht, muss man sich von einer Illusion verabschieden: der Idee der reinen Landschaftsfotografie. Denn das Ruhrgebiet ist kein bloßer Landstrich. Es ist absolute Verdichtung, Materie gewordene Geschichte. Das Konzept für dieses Projekt ist also nicht am Schreibtisch entstanden, sondern auf der Straße. Weg von den klassischen Postkartenmotiven der Industriekultur, weg von Zeche Zollverein im goldenen Abendlicht. In Ruhrkörper Es geht um die Körper, die diese Region geformt haben und die im Gegenzug von ihr geformt wurden.
So wie Guntmar Feuerstein. Ein absolutes musikalisches und kreatives Urgestein der Region. Er war das erste Motiv, mit dem diese Serie ihren Anfang nahm. Das Porträt von ihm entstand ganz unaufgeregt bei ihm im Garten. Vor der Kamera zeigte sich nicht der routinierte Bühnenmensch, der seit fast einem halben Jahrhundert im Rampenlicht steht, sondern jemand, der zutiefst in seiner Umgebung verwurzelt ist. Nur er und dieses über die Jahre gewachsene Stück Natur hinter seinem Haus. Zwischen den Sträuchern und Blättern seines Gartens, in den entspannten, aber wachen Linien seines Gesichts, sah ich genau diese Weigerung, zu verschwinden. Guntmar ist ein Ruhrkörper im besten Sinne: Ein Mensch, dessen eigene Geschichte organisch mit dem Revier verwachsen ist und der beweist, dass das Bleiben niemals Stagnation bedeuten muss.

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Michael Tiedke kommt aus Bochum und ist Fotograf. Er hat seinen Bachelor in Cardiff gemacht, bevor es ihn wieder in seine Heimat im Pott verschlagen hat. Seinen Master macht Michael jetzt an der FH in Dortmund.
Arbeit, Abrieb und Hoffnung
„Auf Kohle geboren, mit Stahl in den Adern“, das ist so ein Satz, den man hier an jeder Trinkhalle, in jeder Fankurve hört. Oft wirkt er wie eine inflationäre Floskel, wie Folklore, die man auf T-Shirts druckt. Doch während der Arbeit an diesem Projekt habe ich begriffen, dass dieser Satz nicht bloß Herkunft beschreibt, sondern eine ganze Seinsweise. Hier im Pott ist die Erde schwer, der Himmel oft tiefgezogen und die Haut der Städte trägt sichtbare Narben aus Arbeit, Abrieb und – das darf man nicht vergessen – Hoffnung.
Das Ruhrgebiet ist ein Archiv des Körpers und nicht im musealen Sinne. Sondern als gelebte, schwitzende, atmende Erinnerung. Wer durch diese Landschaft geht, spürt eine andere Zeitlichkeit. Keine Selbstausbeutung für das Management-Meeting, sondern eine der Mühsal, des Zusammenhalts und der Transformation durch physische Arbeit. Körper wurden hier geformt, abgenutzt und geprägt. Nicht als narzisstischer Selbstzweck im Fitnessstudio, sondern eingebunden in ein größeres, oft unbarmherziges Geflecht von Notwendigkeit und Gemeinschaft.


Dass dieses körperliche Archiv aber auch eine wunderbar eigensinnige und ironische Ebene haben kann, zeigte Kurt Schrage. Eine andere Facette des Projekts offenbarte sich nämlich bei ihm. Das Motiv für sein Porträt war seine eigene Idee: Er positionierte sich auf seinem Balkon auf einem Heimtrainer, in voller Rennrad-Montur. Das herrlich Absurde daran: Kurt war im echten Leben eigentlich Fotograf und sportlich vor allem ein passionierter Ruderer, auch wenn er das Radfahren sehr liebte. Wie er da auf seinem Balkon in die Pedale trat, scheinbar auf der Stelle strampelnd und doch voller Tatendrang – hatte das etwas tiefgründig Selbstironisches. Dieses Bild ist ein Statement: Ein Ruhrkörper, der sich der allgemeinen Erschöpfung unserer Zeit mit einem Augenzwinkern und unerschütterlicher Haltung entgegenstellt.

Vom Widerstand gegen die Verdunstung der Geschichte
Diese Erschöpfung unserer Zeit ist kein Zufall. Wir leben in einer Zeit, in der alles leicht verfügbar, smart und vor allem flüchtig werden muss. Die glatten Oberflächen unserer Smartphones spiegeln eine Gesellschaft wider, die auf Effizienz gebürstet ist. Alles fließt, alles verdunstet im digitalen Raum. Genau hier positioniert sich das Ruhrgebiet als unverrückbarer Gegenentwurf. Es ist der Widerstand gegen diese Verdunstung der Geschichte. Jeder Backstein, jede rostige Fördersäule und jede vernarbte Fassade rufen einem entgegen: „Ich bin gewesen“. Hier geht es nicht um den flüchtigen Moment der Gegenwart, sondern um ein Gewicht, das bleibt.
Dass dieses Gewicht nicht nur in Steinen und Stahl ruht, sondern tief in den Biografien der Menschen verankert ist, zeigte die Begegnung mit Nuri. Ihr Porträt entstand in einem Park in Wattenscheid, an einem alten Brunnen. Genau an dem Ort, an dem sie schon als kleines Kind gespielt hat. Nuri ist ein unheimlich herzlicher und offener Mensch, ausgestattet mit jener direkten, ehrlichen Pottschnautze. Wie sie dort auf dem Brunnenrand kniet, die markante rote Häkeldecke unter sich und mit voller Wucht ihre Energie herausschreit, ist pures ungefiltertes Leben. In ihr verschmilzt die eigene Geschichte nahtlos mit der des Ortes. Nuri ist der lautstarke, leuchtende Beweis dafür, dass die Vergangenheit im Pott niemals stumm bleibt, sondern sich ihren Platz in der Gegenwart mit aller Kraft einfordert.

Für mich ist das Ruhrgebiet ein Archiv, das ich nicht flüchtig durchblättern kann. Ich muss es beleuchten, um die Strukturen der Gegenwart überhaupt erst sichtbar zu machen. Zwischen Industrie und Grünfläche, zwischen Arbeit und Abriss entstehen Zonen, in denen die Normalität der durchoptimierten Welt plötzlich brüchig wird. Die Fotoserie Ruhrkörper bildet nicht einfach nur Orte ab, sie dokumentiert Haltung. Das Projekt zwingt zum Hinschauen, weil sich die grell ausgeleuchteten Körper nicht verstecken können. Das Ruhrgebiet lebt. Es zeigt uns eindrucksvoll, dass Geschichte nicht einfach abgeschlossen und zu den Akten gelegt wird. Sie ist ein Gewebe, das in Bewegung bleibt, getragen von den Menschen. Nicht als erdrückende Last, sondern als Gerüst. Solange es Körper gibt, die diese Transformation atmen, aushalten und herausschreien, wird diese Region niemals verdunsten.
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