Zwischen Talent und Leidenschaft: das junge orchester NRW im Porträt

Was bedeutet es, in einem Orchester mit mehr als 100 Leuten auf der Bühne zu sein und gemeinsam zu spielen? Sebastian, Júlia und Benjamin kennen dieses Gefühl – sie sind Teil des djo’s. Was Musikmachen für sie bedeutet und wie sie dazu gekommen sind, berichten sie STROBO.

Lesedauer: 7 Minuten

Drei Stunden vor dem Konzert des das junge orchester NRW ist bereits viel los auf der Bühne der Philharmonie Essen. Der Raum ist erfüllt von vorfreudiger Energie, einzelnen Instrumentenklängen und vielen Gesprächen. Die Lichter strahlen und reflektieren teilweise auf den Oberflächen der Instrumente. Die Mitglieder des djo’s haben vor einem Monat ihr letztes Konzert gespielt – Schostakowitschs 11. Sinfonie. An diesem Abend findet der letzte Auftritt mit diesem Werk statt.

Ingo Ernst Reihl hat das junge orchester NRW vor 42 Jahren gegründet. Sobald er seinen Platz am Dirigentenpult einnimmt, wird es still auf der Bühne. Alle Spieler*innen sitzen auf ihren Plätzen und halten ihre Instrumente bereit. Schon mit den ersten Klängen breitet sich eine konzentrierte und energievolle Stimmung aus. In kleinen Unterbrechungen kommentiert Ingo das Geschehen humorvoll. Trotzdem bleibt eine konzentrierte Energie im Raum.

Ingo Ernst Reihl dirigiert das junge orchester NRW (djo). Foto: Lennart Neuhaus.

Sebastian: Von der Violine zur Viola

Sebastian, 26 Jahre alt und aus Witten, ist seit anderthalb Jahren und drei Projekten Teil des djo’s. Aufgewachsen in einer musikbegeisterten Familie, lernte er zunächst Geige, entdeckte aber bald seine Leidenschaft für die Bratsche. Sein Wunsch, irgendwann mal Teil eines großen Orchesters zu sein, entsteht relativ früh bei seinen ersten klassischen Konzertbesuchen, die ihn nachhaltig beeindrucken.

Sebastian (26) spielt seit über 12 Jahren Bratsche. Foto: Lennart Neuhaus.

„Es war Liebe auf den ersten Blick“

„Gerade die tiefen Klänge auf der Bratsche sind was ultra Besonderes, was im direkten Vergleich zur Geige wirklich nochmal ein großer Unterschied ist. Es war Liebe auf den ersten Blick.“ Nach einer Pause vom Bratschespielen während den Anfängen seines Medizinstudiums fand er durch das Uniorchester zurück zur Musik und wurde schließlich auf das djo aufmerksam. „Dann hat es mich ganz neu mitgerissen und gepackt“. Im Vergleich zum kleineren Uniorchester beeindruckt ihn beim djo vor allem der Klang, der durch die große Anzahl an Musiker*innen entsteht. „Das ist Wahnsinn. Man kann sich da richtig reinlegen.“

Im djo schätzt Sebastian die familiäre Atmosphäre und die Möglichkeit, sich musikalisch weiterzuentwickeln, weil dort junge Musiker*innen mit professionalisierten Spieler:innen auf Augenhöhe zusammenarbeiten. „Es gibt eine total flache Hierarchie. Wir können hier zusammen was Cooles auf die Beine stellen und dabei noch so viele tolle Leute kennenlernen!“ Neben der Musik und dem zeitaufwändigen Medizinstudium beschäftigt sich Sebastian mit Poetry Slam und legt Musik auf. Im Ruhrgebiet überzeugen ihn vor allem Angebote im Bereich Musik und Kultur. „Ich gehe auch super gerne in Konzerte oder ins Theater. Das hier ist nicht Berlin, trotzdem haben wir hier ein super dichtes Angebot. Ich denke mir immer wieder: Voll geil, was hier so kulturell passiert!

kurz vor dem Konzert hat das Orchester Generalprobe. Fotos: Lennart Neuhaus.

Júlia: Aus Wettbewerb wird Leidenschaft

Júlia, 20 Jahre alt, hat ihre Schulzeit in Dortmund verbracht und lebt nun in Düsseldorf. Seit dem Sommerprojekt 2025 ist sie Teil des djo’s. Auch sie kommt aus einer musikalischen Familie und beginnt im Alter von fünf Jahren mit dem Cellospielen. Obwohl sie viele Jahre lang bei „Jugend Musiziert“ erfolgreich ist, merkt sie, dass ihr der Wettbewerb keine Freude bereitet. Mit 17 Jahren ist sie kurz davor, ganz mit dem Cellospielen aufzuhören. „Ich hatte einfach gar keine Lust mehr. Weil das für mich nicht die richtige Art und Weise war, mit Musik umzugehen“.

Júlia (20) hat die Musik und das Cello neu lieben gelernt. Foto: Lennart Neuhaus.

2024 beginnt sie Musikwissenschaften und Anglistik zu studieren. Nach einer kurzen Musikpause fand sie durch das Jugendsinfonieorchester Düsseldorf und ihre dortige Orchesterfreundesgruppe zurück zur Musik und zum djo. „Ich liebe Orchesterspielen, also dieses gemeinschaftliche Musizieren. Und das djo macht das auf einem sehr angenehmen hohen Niveau. Das heißt, es ist kein Wettbewerbsszenario, aber es ist Anspruch da.“ Sie schätzt die Balance zwischen hohem musikalischem Niveau und tiefen sozialen Interaktionen. „Alle, die da sind, legen sehr viel Wert darauf, dass wir viel sozialen Kontakt haben, aber eben auch viel musikalisch arbeiten. Und in dieser gemeinsamen Probenwoche wachsen wir immer alle zusammen.“

Das Gefühl, mitten in einem Orchester zu sitzen, beschreibt Júlia als körperlich-sinnliche Erfahrung: „Du kannst nicht anders, als mitzufühlen, wenn du mittendrin bist. Weil alles um dich herum auf einmal Sinn ergibt, und du hörst Sachen, die du vorher noch nicht gehört hast.“

Júlia mitten im Konzert, im Orchester und in der Musik. Foto: Lennart Neuhaus.

Klassische Musik zwischen Eisen und Baustellen

Neben ihrem Studium arbeitet Júlia an verschiedenen Projekten, um ihren Namen in der Musikszene bekannt zu machen. „Für mich steht fest, dass ich mich wirklich dafür einsetzen muss, was ich liebe, weil ich erkannt habe, dass ich das machen will.“ Neben dem Cellospielen im djo übernimmt sie dort auch seit kurzem den wichtigen Job, Werbepartner*innen für das Programmheft zu organisieren.

Für klassische Musik im Ruhrgebiet empfiehlt Júlia die Musikschule Dortmund und das Dortmunder Jugendorchester, die viel mit den Dortmunder Symphonikern zusammenarbeiten. „Ich würde sagen, das Ruhrgebiet ist jetzt nicht unbedingt bekannt dafür, dass sie hier klassische Musik haben. Aber zwischen Eisen und Baustellen ist dann doch sehr viel klassische Musik zu finden.“

Benjamin: Der Traum vom Orchester

Benjamin ist 20 Jahre alt, in Bochum aufgewachsen und Posaunist durch und durch. Seit dem Winterprojekt 2025 ist er beim djo dabei. Wie sein Vater und sein älterer Bruder spielt er seit seinem fünften Lebensjahr Posaune. Doch es gab auch eine Zeit, in der die Musik nicht seine erste Wahl war. „Ich wollte eigentlich immer lieber Sport machen, weil ich bin eigentlich so jemand, der sich gern bewegungsorientiert auslastet“, erinnert er sich. Mit 16 Jahren erlebt Benjamin jedoch ein einschneidendes Erlebnis im Musikforum Bochum. Mahlers dritte Sinfonie entfachte eine neue Leidenschaft in ihm. „Dann dachte ich mir so, irgendwie will ich das auch mal machen.“ 

Benjamin (20) spielt Posaune und ist seit drei Übephasen im djo. Lennart Neuhaus.

Durch seinen Bruder kommt er zum Jugendsinfonieorchester Bochum, in dem ca. 80 Personen spielen. „Ich kam da an und habe sofort gesagt: Wow, hier passt schon alles musikalisch so zusammen!“ Von da an wurde das Posaunespielen und -üben zu einer immer wichtigeren Konstante in seinem Leben. Gleichzeitig fängt er auch an, als Aushilfe bei der Rhein-Ruhr Philharmonie zu spielen, bei der Ingo Ernst Reihl als Dirigent eingeladen wurde. Nach einer Probe spricht Ingo Benjamin und seinen Bruder an, ob sie nicht ins djo kommen wollen. Benjamin meldet sich zum Winterprojekt 2025 an und wird herzlich aufgenommen. Er schätzt den hohen Anspruch, den Spaß am Musizieren und die Möglichkeit, sich künstlerisch weiterzuentwickeln. 

Mehr als Noten spielen

Besonders beeindruckt ist Benjamin von der Herangehensweise an die Stücke: „Der Spirit, der dahinter ist, ist ein anderer als in vielen anderen Orchestern. Es steht schon irgendwie der Spaß im Vordergrund, aber da wird halt viel noch zwischen den Noten gedacht und das kenne ich so auch nur von da.“ Im djo schätzt Benjamin das Gefühl, Teil eines großen Ganzen zu sein. „Man kommt in eine große Gruppe, die schon zusammen klingt und man kann seinen eigenen Ton auch noch in den Klangkörper geben.“ Neben seinen Orchestertätigkeiten nimmt Benjamin noch Musikunterricht, um sich weiter zu professionalisieren und plant nach seinem Abitur, ein Instrument zu studieren, um entweder als Instrumentalpädagoge oder Orchestermusiker tätig zu werden.

Die Blechbläser sind in Schostakowitschs 11. Sinfonie nicht wegzudenken. Foto: Lennart Neuhaus.

Im Ruhrgebiet besucht er neben klassischen Konzerten auch regelmäßig Oper-Vorstellungen in Essen, Gelsenkirchen und Dortmund. Besonders schätzt er die Bochumer Symphoniker: „Vor allem diese Saison lohnt es sich besonders, finde ich, weil viele interessante Sachen gespielt werden.“

Große Hallen, großes Orchester, große Gefühle

Die Mitglieder des djo teilen nicht nur Talent und Leidenschaft für Musik, sondern auch viele gemeinsame Erlebnisse.

Für Sebastian war sein erstes Konzert mit dem djo in der historischen Stadthalle in Wuppertal ein absolutes Highlight: „Das war das erste Mal für mich, dass ich in so einer großen Halle gespielt habe. Und es war wirklich Wahnsinn. Ich dachte mir: Ich weiß, wofür ich das gerade mache.“

Besonders in Erinnerung geblieben ist Júlia die Probenwoche und das erste Konzert des Winterprojekts 2025. Zur Vorbereitung auf das Stück (Schostakowitsch 11) wurde Krysztof Meyer – ein Komponist und Musikwissenschaftler, der Schostakowitsch persönlich kannte und historischen Kontext zum Stück lieferte – eingeladen. „Das erste Konzert nach dieser Woche war extrem emotional. Ich weiß noch, dass viele von uns währenddessen geweint haben. Es war so krass, weil du wirklich, wirklich da drin warst. Wir haben gezittert und es war extrem berührend.“

Nach dem Konzert leert sich der Saal in der Philharmonie Essen. Foto: Lennart Neuhaus.

Konzert im Runner´s High

Für Benjamin war die Aufführung von Maurice Ravels “Bolero” mit dem djo in der Philharmonie Essen ein besonderes Erlebnis. „Das war dann das Stück, wo ich die erste Posaune spielen durfte. Ich wurde gefragt, ob ich das machen will und ich dachte mir, der Herausforderung will ich mich stellen.“ Vor dem Auftritt noch sehr aufgeregt, ist er auf der Bühne dann voll im Flow: „Das war so wie das berühmte Runner’s High“, beschreibt er das Gefühl im Orchester.

Die gemeinsamen Erlebnisse im djo sind für die Musiker*innen unvergesslich und prägen ihre musikalische Entwicklung. „Und egal, was Ingo aussucht, was wir letztendlich spielen, es wird einfach eindrucksvoll sein“, empfindet Júlia.

Wer das djo auch live erleben will, hat dazu im Mai und Juni die Chance! Schüler:innen, Studierende und Azubis kommen kostenlos rein.

Bock auf mehr STROBO? Lest hier: Prächtig, knallig, bunt – 5 Highlights bei den Duisburger Philharmonikern 

Mein Bild