Einmal im Monat können sich Jugendliche im Transformations-Café in Duisburg rund um ihre Identität, Queerness und Gender ausprobieren. Wie ein Safer Space zwischen Hangout, Make-up-Tisch und pädagogischer Begleitung gelingt.
Das Transformations-Café Duisburg hat einen geräumigen Eingangsbereich und ist auf zwei Etagen aufgeteilt. Es gibt eine breite Auswahl an Equipment und Beratungsangeboten, alles ist in verschiedene Bereiche sortiert. Rani arbeitet im Transformations-Café als Peer-to-Peer Fachkraft und ist Teil vom Vorstand. Das Interview wird mit Rani und seiner Kollegin Katinka geführt, die auch Vorstandsmitglied und als pädagogische Fachkraft tätig ist.

STROBO: Hier steht ja wirklich einiges an Equipment rum. Wie können sich die Teilnehmer*innen bei euch verändern?
Katinka: Wir haben immer eine Make-up-Person da, die trans*maskulines, trans*feminines und non-binäres Make-up schminken kann. Sie kann den Teilnehmenden auch zeigen, wie man das selbst zuhause macht. Wir haben eine große Bandbreite an Gender- Hilfsmitteln, zum Beispiel Binder, da, die auch unter Anleitung und entsprechender Beratung anprobiert werden können. Dann haben wir eine große Kleiderkammer, damit die Leute ihren Style auszuprobieren und finden können. Natürlich werden all diese Themen fachpädagogisch begleitet, damit wir immer die Möglichkeit haben, die Menschen hier aufzufangen.
Rani: Genau, das macht eben auch den Unterschied. Gerade von Mehrfach-Marginalisierung betroffene Personen haben manchmal Schwierigkeiten, Dinge auszuprobieren, weil Themen entweder Disphorie bereiten oder weil sie Angst haben vor Reaktionen ihrer Umwelt. Hier probieren sich die Jugendlichen immer mehr aus, weil sie wissen, sie werden hier aufgefangen. Und weil Menschen da sind, denen sie vertrauen können.


„Das ist der eine Ort, an dem ich mich gesehen und sicher fühle“
STROBO: Wie reagieren die Teilnehmer*innen dann, wenn sie sich zum ersten Mal ausprobieren?
Rani: Die krassesten Reaktionen kriegen wir immer bei den Gender-Hilfsmitteln zu sehen. Zum Beispiel sind das junge trans*maskuline Menschen, die hier reinkommen, mit gesenktem Blick und unsicher, denen es wirklich nicht gut geht. Wenn wir dann Binderberatung machen und sie den anziehen, dauert es in der Regel 15-20 Minuten und man merkt richtig, es verändert sich was im Blick. Die jungen Menschen sind auf einmal in der Lage, Blickkontakt aufzunehmen. Sie bewegen sich ganz anders im Raum und nehmen den Raum ganz anders ein, gehen ganz anders in Kontakt mit anderen Menschen. Das rührt mich immer noch, weil es so eine unfassbare Veränderung macht.
Katinka: Das haben wir zum Teil auch bei Menschen, die in Straßenklamotten ankommen, sich umziehen und es ist, als wäre der Mensch ausgetauscht worden. Da ist auf einmal wieder Lebensfreude. Es gibt dafür auch einen Begriff: Gender Euphoria.
Rani: Wir kriegen von den Jugendlichen immer wieder zu hören: „Das ist der eine Termin im Monat, auf den ich mich echt freue.“ Oder: „Das ist der eine Ort, an dem ich mich gesehen und sicher fühle.“ Das macht so einen riesen Unterschied und gleichzeitig macht es uns traurig, dass wir dieser eine Ort sind.
Katinka: Wir sind eben der eine Ort, wo die Eltern nicht misgendern, wo die richtigen Pronomen benutzt werden, wo der Name auch jeden Monat wechseln darf, wenn man noch nicht den richtigen Namen für sich gefunden hat. Das wird auch nicht hinterfragt. All diese Entwicklungen und Veränderungen bei Jugendlichen werden ständig von Erwachsenen negativ bewertet und bei queeren Menschen gibt es da noch eine Potenzierung. Einen Ort zu haben, an dem diese Menschen endlich mal aufatmen können und mal kurz Sicherheit haben, das ist so wichtig!

STROBO: Was hat euch gezeigt, dass es so einen Raum braucht?
Katinka: Aktuell gibt es meines Wissens in Deutschland zwei Orte, an denen Jugendliche Binder anprobieren können. Dabei ist es unfassbar wichtig, richtig zu beraten, damit keine gesundheitlichen Schäden entstehen. Daran sieht man schon, wie wichtig so ein Raum ist. Wir brauchen einen Ort, an dem sich Queere und Trans*jugendliche unter Gleichgesinnten öffnen können. Es ist eine der vulnerabelsten Gruppen, auch eine mit den höchsten Suizidraten. Es braucht im Leben dieser Personen einen erwachsenen Menschen, der ihnen zuhört und der sie ernst nimmt, dann kann sich das Suizidrisiko halbieren.
Rani: Im Leben unserer Jugendlichen sind wir das.
Katinka: Das sind für uns Punkte, die uns zeigen: Es braucht dieses Projekt sehr dringend. Außerdem ist die Besucher*innenzahl immer weiter gestiegen und wir haben hier standardmäßig 30 bis 40 Leute sitzen. Es ist für mich als pädagogische Fachkraft der Kern von Jugendarbeit, dass ich als erwachsene Person eine junge Person so stabilisieren kann, dass sie eine bessere und höhere Lebensqualität hat und dass es ihr besser geht in ihrem Leben.


STROBO: Welche gesellschaftlichen Erwartungen rund um das Thema Gender begegnen euch häufig ? Mit welchen Gedanken zu Gender kommen die Besucher*innen hier an?
Katinka: Wir merken oft, dass Jugendliche eher mit weniger Erwartungen hier hinkommen.
Rani: In der Regel kommen sie mit Leidensdruck hierher.
Katinka: Wir merken leider, dass sich gesellschaftlich gerade etwas ändert, was Erwartungen angeht. Das Klima wird rauer und die Gewalt gegen queere Personen und auch gegen Trans*personen in Deutschland nimmt wieder zu. Das sind die Erwartungen, mit denen wir Probleme haben: Dass bestimmte Teile der Gesellschaft erwarten, dass es das hier nicht geben darf. Oder mit Erwartungen von Eltern.
STROBO: Wie geht ihr gegen diese Vorurteile vor?
Katinka: Schön ist, dass wir oft zu Fachtagen eingeladen werden. Da können wir Genderhilfsmittel mitnehmen und zeigen, dass es fachpädagogisch begleitet ist und dass es sinnvolle Gründe gibt, warum man das macht. Du kannst Menschen am besten mit Fachlichkeit und Wissenschaft begegnen. Und wenn du darlegen kannst: Es gibt Untersuchungen, die zeigen, es ist sehr sinnvoll, was wir machen, und Menschen geht es sehr viel besser, dann ist das für mich immer die beste Reaktion auf Vorurteile.
Rani: Wir können zeigen, das ist einfach eine Form, um Dysphorie zu behandeln. Nach 19:00 Uhr können auch immer gerne die Eltern uns und das Projekt kennenlernen.
Katinka: Wir handeln da immer mit Wissen, Bildung und Wohlwollen. Ich versuche Menschen immer erstmal so zu begegnen, als ob es von ihnen keine Boshaftigkeit, sondern Unwissen ist. Wenn man diesen Menschen wohlwollend begegnet, sie bildet und ihnen ein paar wissenschaftliche Fakten an die Hand gibt, dann kannst du die meisten Vorurteile ausbügeln.

STROBO: Gibt es etwas, das ihr Menschen sagen wollt, die Interesse an euren Veranstaltungen haben, aber sich noch nicht trauen, vorbeizukommen?
Rani: Wer sich nicht traut, darf gerne vorher Kontakt aufnehmen zu uns. Über Instagram (1001plateau), die Website, die Beratungsmailadresse (beratung@1001plateau.com) zum Beispiel. Wenn es eine jugendliche Person ist, kann die Person gerne etwas früher kommen, damit die Person erstmal ankommen kann und das Projekt kennenlernen kann.
Katinka: Bisher haben wir alle Personen, die neu hier hinkamen immer sehr gut unterbekommen und auffangen können. Das hier ist kein Raum mit Erwartungen von uns an die Person.
STROBO: Wie blickt ihr in die Zukunft? Was wünscht ihr euch für das Transformations-Café?
Katinka: Wir wünschen uns vor allem, dass wir weiter existieren dürfen. Wir sehen, wie sich das politische Klima gerade verändert und wir wünschen uns, dass sich mehr Menschen überlegen, ob sie einen Zehner in Lotto stecken oder in ein Projekt wie uns. Wir haben auch eine Betterplace Seite zum Beispiel, das ist eine Spendenplattform. Solche Projekte wie unseres sind wichtig, weil sie Menschenleben retten.
Kymon (pädagogische Fachkraft): „Das Besondere an dem Ort ist: Wir merken die Wirkung unserer Arbeit hier direkt. Wir sehen wie junge Menschen hier reinkommen mit weniger Selbstsicherheit und mehr Selbstsicherheit, wenn sie wieder gehen. Wir sehen, wie sie Anschluss suchen und ein paar Stunden später mit erhobenem Haupt und ein bis zwei Kontakten mehr rausgehen. Hier können die Menschen so sein, wie sie wollen. Das ist das Schönste an dem Ort und für mich ist es schön, das zu beobachten. Da geht schon mein Herz auf.“
Sascha (Besucher*in): „ Für mich ist das hier ein Ort, zu dem man jeden Monat zurückkehrt, wo man Freund*innen trifft. Ein dritter Ort, an dem man entspannt oder was unternimmt. Es gibt hier auch sehr viele Sachen, die man machen kann, also langweilig wird es hier nicht.“


Anonym (Besucher*in): „Ich fühle mich hier sehr wohl, es ist sehr schön, mit anderen queeren Menschen hier zu sein. Das war hier mein erster Kontakt mit anderen Trans*menschen und ich habe mich weniger allein gefühlt.“
Anthony (Besucher*in): „Es ist so eine Art Rückzugsort, aber auch ein Ort, an dem man sich mal ausprobieren kann. Zuhause geht das vielleicht nicht so für alle und hier sind alle einfach offen, man wird nicht beurteilt. Dementsprechend ist es ein Comfort Place.“
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