Ein Krug voll Albernheit: “Der zerbrochene Krug” am Theater Duisburg

Dieser Beitrag entstand im Rahmen einer Medienpartnerschaft mit: RuhrBühnen. Die RuhrBühnen haben keinen redaktionellen Einfluss auf die Rezension.

Unterhaltsam, lustig, oberflächlich. Mit “Der zerbrochene Krug” schafft es Michael Steindl, eine langweilige Schullektüre in eine äußerst unterhaltsame Komödie zu verwandeln – und lässt dabei keinen Platz für Nachdenklichkeit oder Tragik.

Lesedauer: 3 Minuten

Sitzend starrt der Richter Adam auf die junge Eve. Sein Blick ist lüstern, ihrer trieft vor Angst. Obwohl er sitzt und sie steht, liegt die Entscheidungsmacht über das, was als Nächstes passiert, eindeutig bei ihm. Mit ihren pinken Ballettschuhen, der Schleife vor der zartrosa Bluse und den nervösen Fingern sieht Eve aus wie ein Grundschulkind. Als sich der Richter auf sie stürzt, verfliegt mit einem dramatischen Donner die Spannung – die eigentliche Handlung beginnt. 

Schreiber Licht (Adrian Hildebrandt) glaubt den Lügen seinen Chefs nicht. Foto: Ole-Kristian Heyer.

Bei Heinrich von Kleists “Der zerbrochene Krug” kommen bei vielen wohl Erinnerungen von einem einschläfernden Deutsch-Unterricht und gelben Reclam Büchern auf. Die Geschichte liest sich aber auch wirklich absurd, zumindest für jede*n Zehntklässler*in: Eine Frau zieht vor Gericht, weil ein unbekannter Mann nach einem heimlichen nächtlichen Besuch bei ihrer Tochter Eve einen Krug zerbrochen hat. Der Richter, und eigentliche Täter, versucht seine Unschuld zu verbergen und einen Schuldigen zu finden. Während des gesamten Stücks beschuldigt sich die Dorfgemeinschaft gegenseitig den Krug zerbrochen zu haben, fremdgegangen zu sein oder unprofessionell zu arbeiten – oder, im Falle von Richter Adam, alles drei. 

In diesem Ballett aus Schusseligkeit, Lügen, Wahrheit und Beschuldigungen kommt schnell die Frage auf: Was soll das Ganze?  Dabei ist “Der zerbrochene Krug” mit seiner höchst relevant. Der Text thematisiert trotz der Absurdität die Folgen von Machtmissbrauch und Ungerechtigkeit. Es ist durchaus möglich, diese Komödie mit tragischen Elementen unterhaltsam und zeitgenössisch zu inszenieren. Ersteres ist dem Regisseur auf jeden Fall gelungen.  

Viel Gelächter, wenig Botschaft 

Das ganze Stück lebt von Beginn an vom Humor. Trotz Originaltext – oder vielleicht gerade deswegen wird die Absurdität der ganzen Geschichte sehr deutlich und das Publikum kriegt sich ab dem dritten Satz bis zum Ende des Stücks vor Lachen nicht mehr ein. Das Ensemble spielt perfekt die chaotische Dorfgemeinschaft, allen voran Patrick Dollas und Ulrike Volkers, die als Richter Adam und Mutter von Eve wunderbar überzogen ihre Charaktere spielen. Lediglich Eve, gespielt von Lulu Räuber, hat das ganze Stück über denselben betroffenen und traurigen Gesichtsausdruck.

Richter Adam vergeht sich an Eve. Foto: Ole-Kristian Heyer.

Zum Ende des Stücks wird mir die überzogene und dramatische Art der Charaktere dann doch etwas zu viel. Wie eine betrunkene Gruppe von Studenten tapsen und stolpern die Dorfbewohner synchron um Dorfbewohnerin Brigitte herum, als sie ihre Beobachtungen schildert und den wahren Täter entlarvt. Das Ganze wirkt sehr lächerlich. Als Rupert dem Richter zornig hinterherrennt und die beiden plötzlich über die Schöße des Publikums in der zweiten Reihe stolpern, fühlt es sich albern an. Auch der wiederkehrende Donner und die Lichteffekte wirken billig.

Und jetzt?

Obwohl ich 100 Minuten gut unterhalten war und herzhaft gelacht habe, ging mir am Ende des Stücks ein fragendes “Und jetzt?” nicht aus dem Kopf. Neben dem ganzen Witz bietet von Kleists Stück so viel Kritik an patriarchalen Strukturen, die in dieser Inszenierung leider kaum aufgegriffen wurden. Dem Mann, der sich an dem Kind vergreift und ihr mehrfach droht, gewinnt das Publikum eher Sympathie ab, spielt er doch erfolgreich den dümmlichen Kasper. Der Schreiber pocht zwar beharrlich auf Gerechtigkeit, aber nicht um Eve zu helfen, sondern um seinen Chef anzuprangern. Fast alle Personen im Stück instrumentalisieren Eve für ihre eigenen Interessen. Ihrer eigenen Mutter ist ein Krug wichtiger als die Tochter. 

In der letzten Szene des Stücks wird der Schreiber mit der wiedergefundenen Perücke zum Richter. Er lüstet genauso nach einer Haushaltsangestellten, wie zuletzt Richter Adam nach Eve. Immerhin wird damit der Kreislauf des Machtmissbrauchs thematisiert, doch als letzte und einzige Szene ist diese Kritik am System dann doch sehr oberflächlich. 

Dorfrichter Adam mit seiner wiedergefundenen Perücke. Foto: Ole-Kristian Heyer.

Insgesamt ist Michael Steindls Produktion von “Der zerbrochene Krug” ein sehr lustiges Stück. Äußerst unterhaltsam spielt das Ensemble des Theaters Duisburg die schusselige Dorfgemeinschaft. Obwohl der Täter von Anfang an dem Publikum bekannt ist, bleibt die Spannung doch die ganzen 100 Minuten aufrecht. Leider fehlt dem Stück die Tiefe und damit auch der Gegenwartsbezug, da kaum auf den systematischen Missbrauch an Eve eingegangen wird. 

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