Mehr als Tanzfläche: Die Arc Gallery erkundet Clubs als neue Ausstellungsräume

Einmal im Jahr verwandeln sich die Gewölbe, Nischen und Floors des Tresor.West in eine Kunstgalerie: die Arc Gallery. Nach einjähriger Pause zeigen zehn Künstler*innen und Kollektive in diesem Jahr unter dem Motto „There is not them in here – just an awful lot of us“, wo sie Gemeinschaft finden.

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Die Tanzfläche des Tresor.West wirkt hypnotisierend – aber statt Techno, der aus den Boxen dröhnt, flackern Insekten, KI-generierte Köpfe und Videosequenzen über große Bildschirme. Nebel zieht durch die Gänge des Clubs, in denen statt tanzenden Raver*innen zwei Menschen mit blau bemalten Gesichtern an einem pinken Gokart schrauben. Die Arc Gallery ist zurück im Tresor.West.

„Built a Face, Forgot the Rest“ (l.) und “Miles Down Under – fragments of a new dawn” (r.). Fotos: Monika Hanfland.

Gemeinschaft im Club – und darüber hinaus

Das Besondere an der Arc Gallery ist ihr Austragungsort – der Tresor.West, in dem die Ausstellung auch während des Clubbetriebs weiterlaufen kann. “Eine Kunstausstellung in einem Club zu machen, ist nicht so easy”, erzählt Viv. In den kleinen Nischen mit ihren Gitterstäben und den verwinkelten Gängen bietet der Club die perfekte Fläche für die Kunstwerke.

Im Jahr 2022 verwandeln die Kuratorin Viv Lennert und ihr Team den Tresor.West zum ersten Mal in ein Labor für digitale und experimentelle Kunst. Dieses Jahr untersuchen die ausstellenden Künstler*innen, wie Gemeinschaft auch in digitalen und virtuellen Räumen entstehen kann. Dabei verhandeln die Werke die Grenze zwischen online und offline, Individuum und Gesellschaft immer wieder neu und verknüpfen dabei die Clubräume mit neuen Medien: VR-Brillen, KI-Experimente und interaktive Spiele, die das Publikum selbst zum Teil der Ausstellung machen.

Kuratorin Viv Lennert (v.l.) und die Künstlerinnen Agnetha Jaunich und Rebekka Jochem. Foto: Monika Hanfland.

“There is no them in here – just an awful lot of us”

Gerade weil es besonders um den Gedanken von Communities geht, gefällt der Tresor.West Viv als Bühne für die Arc Gallery: „Beim Feiern konstituiert man ja eigentlich wie so eine kleine Mikrogesellschaft. Alle passen auf sich, aber auch aufeinander auf. Man lässt einen gemeinsamen Moment entstehen. Und das ist ja auch ein bisschen diese Techno-Idee.“ Diese Idee der Gemeinschaft erlebt sie aber nicht nur auf der Tanzfläche. Auch online entstünden schon heute solche kollektiven Erlebnisse: „Im Internet hast du nicht mehr diese physische Co-Präsenz, aber du findest trotzdem deine like minded people. Und da finden wir so eine total klare Parallelität zwischen dem Nightlife und den neuen Medien.”

Junge Künstler*innen aus dem Ruhrgebiet

Diese neuen Medien werden aber auch mit alter Technologie kombiniert: Zum Beispiel bei der Performance „Rave Pattern“ von Rebekka Jochem und Agnetha Jaunich. Für diese verteilen die beiden Künstler*innen Gurte an drei Besucher*innen und messen damit den Schweiß, der beim Tanzen entsteht. Die Daten werden noch vor Ort in ein Strickmuster übersetzt und mit einer Strickmaschine aus den 90ern umgesetzt. „Dann ist es so ein gemeinsames Gewebe, also richtig on the nose. Das ist unser gemeinsamer Moment, visualisiert als 0,1-Pattern“, erzählt Viv.

Jaunich und Jochem tragen die Schweiß-Messgeräte an der rund 30 Jahre alten Strickmaschine. Foto: Monika Hanfland.

Rebekka Jochem und Agnetha Jaunich kommen selbst aus dem Ruhrgebiet. Lokale Perspektiven mit einzubeziehen und jungen Künstler*innen eine Stimme zu geben, war Viv und ihrer Kollegin Linda Singer bei der Kuratierung der diesjährigen Ausstellung besonders wichtig. Dafür haben sie Anfang April einen Open Call gestartet. Eine formelle Ausbildung oder Erfahrungen mit neuen Medien waren dabei nicht relevant: „Teil des Open Calls war: Okay, wir laden jetzt die Artists ein, die vielleicht auch irgendwie noch so ein bisschen, sagen wir, pädagogischen Input brauchen – Hilfe zur Selbsthilfe, um ihre Ideen zu realisieren“.

Arc Gallery als Kunst-Labor

Die Arc Gallery unterstützt die Künstler*innen nicht nur, indem sie ihnen eine Ausstellungsfläche bietet: Viv und ihr Team möchten sie auch in ihrem Werdegang fördern. Dazu kooperieren sie mit dem Koproduktionslabor Dortmund, das den Gewinner*innen des Open Calls ein umfassendes Mentoring bietet. 3D Design, Video oder VR – seit diesem Mai bildet das Koproduktionslabor die Künstler*innen weiter und unterstützt sie bei der Realisierung ihres Projektes.

Im Tresor können die Künstler*innen ihre Konzepte dann zum ersten Mal ausprobieren. Eine Chance, die vor allem jungen, experimentellen Künstler*innen oft noch verwehrt bleibt, wie Viv beschreibt: „Es gibt selten Orte, an denen man sowas möglich machen kann. Gerade der Tresor hier, der selbst noch total jung ist, und sich in seiner Community, aber auch in seinem Image, noch finden muss – das ist halt perfekt.“

Die Vernissage der Arc Gallery fand Ende August im Tresor.West statt. Foto: Monika Hanfland.

Von Dortmund nach Berlin

Am Abend der Vernissage ist auch Dimitri Hegemann da. Er hat nach dem “Mama-Tresor” in Berlin auch den Tresor.West eröffnet. Weil der Club wegen der Corona-Pandemie immer wieder zu kämpfen hat, will er den leerstehenden Raum nutzen – am liebsten, indem er „Allianzen mit anderen Kunstformen bildet“. Zusammen mit Viv Lennert entstand so die Arc Gallery.

Die Ausstellung kann noch bis Samstag, 6.9., im Tresor.West besucht werden. Dann reist die Arc Gallery im November weiter nach Berlin – als neues Format „arc gallery export“. Einige Arbeiten, darunter auch das Rave Pattern, wandern in den legendären Tresor. Die Basis der Arc Gallery bleibt aber das Ruhrgebiet mit seinen Clubs und seiner Community, das ist für Viv ganz klar – oder wie sie es mit einem Augenzwinkern zusammenfasst: „Ruhrgebiet forever“.

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