Durchgetakteter Stundenplan, Detailgenauigkeit, Druck – von der salonfähigen Diagnose der Perfektionistin kann sich STROBO-Autorin Lea Szymanski wohl nicht ganz freisprechen. Gerade deshalb hat sie das „Unperfekthaus“ in ihrer Heimatstadt Essen schon immer neugierig gemacht. Ein Besuch, der das Verständnis von Leidenschaft und Erfolg neu erkundet.
Lesedauer: 5 MinutenDas Unperfekthaus ist für mich ein interessantes Rätsel, an dem ich ab und zu in der Innenstadt vorbeilaufe. Warum ich dann noch nie drin war, fragt mich Reinhard Wiesemann, Erfinder und Gründer des Unperfekthauses. Ich überlege. „Ich konnte mir nie so richtig vorstellen, was das überhaupt ist.“
Was ist das Unperfekthaus?
„Das Unperfekthaus ist ein Freiraum für Menschen, die ihren eigenen Zielen und Projekten nachgehen“, erzählt Wiesemann. „Es heißt Unperfekthaus, weil ich davon überzeugt bin, dass alles Neue unperfekt anfängt.“ Das ist auch in der Ausstellung gescheiterter Ideen, im „Fuckup-Museum“ des Hauses zu sehen. Die zelebriert, wie man aus solchen Ideen weiterlernen und wachsen kann. „Im Unperfekthaus gibt es auch keinen Unterschied zwischen Arbeit und Hobby“, sagt Wiesemann, denn er kenne es von sich selbst und seiner Begeisterung für das Tüfteln in der Computertechnik. „Es hat als Hobby angefangen, daraus ist ‘ne Firma geworden, mit der ich riesen Geld verdient hab. Das ist fließend übergegangen.”

Und genauso fließend ging es auch über zur Gründung des Unperfekthaus. Denn: „Ich hab dann irgendwann den Gedanken gehabt, dass man dieses Ausprobieren mal im größeren Umfang für andere machen müsste.“ Et voilà. Die Leute, die hier sind, gehen ihren Projekten und Tätigkeiten aus Eigeninteresse nach, Vorgaben oder sonstige Rahmen brauche es deshalb nicht. Nur die Ressourcen, die Creator*innen untereinander, den Raum. „Es gibt hier drei Kriterien: Es muss kreativ sein, interessant, und legal“, lacht er, „dann mach, was du willst.“
Wenn ich den Leuten im Unperfekthaus beim Bemalen, Schrauben oder beim Podcast aufnehmen zusehe, werde ich melancholisch. Es erinnert mich an eine kindliche, unberührte Leichtigkeit von früher, in Faszination an einer Sache aufzugehen. Ich lerne selbst täglich, was es heißt, die eigene Leidenschaft zum Beruf machen zu wollen. Aber in To-Do-Zettel, Abgaben und Kritiken gepresst, erkennt man sie manchmal schlecht. Nicht aber hier, und vor allem nicht bei Khadije.
„Ich wusste, dass es für mich schwer wird“ – von Motivation gegen alle Widerstände
Im zweiten Stock legt die 38-Jährige gerade Stoffe für ein nächstes Abendkleid zusammen. Seit zweieinhalb Jahren hat sie ihren Tisch hier im Unperfekthaus, der von Stoffen und bekleideten Mannequins umrandet ist. „Ich möchte mein Label gründen, ich arbeite daraufhin.“

Khadije ist Modedesignerin mit Bachelor of Arts, Damenschnitttechnikerin und staatlich geprüfte bekleidungstechnische Assistentin – „mir geht die Luft aus, wenn ich das sage“, lacht sie. Trotz allem kann sie nicht vom Schneidern leben und arbeitet stattdessen bei einer Modekette im Verkauf. „Aber das hier ist meine große Leidenschaft“, sagt sie über ihre Nähmaschine gebeugt. Sie entwirft und bietet maßgeschneiderte Kleidung an. Aber sich selbstständig zu machen, sei heikel. „Entweder, du kommst aus einer Familie mit großem finanziellen Rückgrat, dass du dir direkt was aufbauen kannst, oder es wird schwer”, erklärt sie. „Ich wusste, dass es für mich schwer wird.“
Im Unperfekthaus kann sich Khadije nicht nur dem Druck, sondern auch dem Konkurrenzdenken entziehen. Khadije erzählt mir offen, dass sie im Unperfekthaus noch nichts verdient hat – und im selben Atemzug schwärmt sie davon, wie gerne sie ihre Arbeit hier tut, dass sie das „mit Herz und Liebe macht“.
Wer kann im Unperfekthaus mitmachen? Und wie viel kostet das?
Die Türen des Unperfekthauses sind für jede*n offen. Eintägig dort zu sein kostet ab 7 Euro Eintritt, für 18,50 Euro kann man sich den ganzen Tag am Buffet bedienen, ab 30 Euro im Monat kann man dort fest als Künstler oder Künstlerin seinen Platz haben (wie z.B. auch Khadije), „wenn du ein bisschen anpackst, kostet es auch gar nichts“, meint Reinhard Wiesemann.
Im dritten Stock hinter dicken Türen schmettert Andreas den Rhythmus mit seinem Schlagzeug, Felix‘ Hände wandern über die Tasten des Keyboards rauf und runter, und Marion‘s Finger gleiten von oben bis unten über die Saiten beim E-Gittarren-Solo. Einmal die Woche spielt und improvisiert die Band „Bluez Beaz“ hier – jedes Outcome ist ein Unikat. Im Unperfekthaus haben sich der ehemalige Lehrer Andreas, Jongleur Felix und Zeitungszustellerin Marion kennengelernt und die Band zusammen mit Sängerin Sarah vor etwa einem Jahr gegründet.

„Ich brauch’ die Freiheit“ – von der Freude, zu improvisieren
„Für mich ist es erstmal ein Hobby, aber ich würde mich freuen, wenn vielleicht mal mehr draus wird”, meint Felix. Am wichtigsten beim Musikmachen ist ihm aber, „dass ich mich da nicht verbiegen muss!“ Marion nickt. „Ich hab Erfahrungen in Cover-Bands gemacht, das ist für mich wie ein Korsett, so eingezwungen. Das macht einfach keinen Spaß.“ Hier mit der Band zu spielen, gebe ihr genau das, was ihr gefehlt hat: „Ich brauch’ die Freiheit.“
Am Schluss der Probe philosophieren die drei über das Konzept des Hauses. „Die Welt hat ja so einen Verkaufstick, und die verkauft dir alles perfekt“, meint Andreas. Im Haus aber herrsche ein anderes Klima. Andreas bringt es auf den Punkt: “Das ist eigentlich ein hochpolitischer Akt, den Reinhard da angeht. Er bietet eine Plattform, wo Konkurrenz keine Rolle spielt, wo Fehler erlaubt sind, wo Entwicklung möglich ist, ohne andauernd Druck zu haben. Würden wir das so in die Gesellschaft bringen, hätten wir eine schönere Welt.“”






Davon was Erfolg eigentlich ist
Zum Ende des Besuchs kommt mir das Unperfekthaus wie ein sicherer Kokon für die bedingungslose Hingabe zu einer Sache vor. Und natürlich denke ich da auch an das, was meine Nähmaschine ist, mein Instrument. Ich laufe etwas betrübt am heute leeren Raum der Schriftsteller-Community vorbei, hätte ich doch so gerne gesehen, wie sie sich hier nur reiner Freude mit ihrer Leidenschaft auseinandersetzen, mit meiner Leidenschaft.
Aber vielleicht passt es genau ins Bild dieses Ortes, dass ich nur genug Anregungen bekommen habe, um das Rätsel des Unperfekthauses für mich selbst zu lösen. Denn ich bin mir sicher, dass jede*r – von den Computer-Enthusiast*innen, Pinsel-, Wort-, Klang- und allen weiteren Künstler*innen – es hier im eigenen Freiraum, auf eigene Weise entschlüsselt hat: Dass Erfolg hier möglich, unwahrscheinlich oder quasi vorprogrammiert ist, je nachdem, wie man ihn definiert. „Traditionell wird Erfolg ja am Geld festgemacht“, meint Reinhard Wiesemann, „aber das ist nur eine Art von Erfolg, auch das „Nicht-Geld-Verdienen“ kann ja ein Erfolg sein.”
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