Keine großen Bühnen, keine fetten Gagen, kein Profit: Im Essener Emokeller organisiert die DIY-Punkszene ihre Konzerte selbst. Zwischen Solidarität, Selbstausbeutung und der Angst um immer weniger Räume stellt sich die Frage: Wie lange kann eine Subkultur vom Idealismus leben?
Lesedauer: 7 MinutenDer Eingang liegt fast verborgen, kaum sichtbar für die stereotypen Rüttenscheid-Gänger*innen. Viele Leute in gedeckten Farben und entblößten tätowierten Beinen sitzen vor der Tür zum Emokeller. Einige davon sind Bandmitglieder, zwei von der Emokeller-Konzertgruppe. Unweit der offiziellen Ausgehmeile Essens existiert ein Ort, der Konzepten wie überteuerten Drinks und Mainstream-Musik entgegensteht. Hier veranstaltet das zugehörige Kollektiv regelmäßig Do It Yourself-Konzerte.
Das bedeutet nicht, dass die Bands ihre Instrumente selbst basteln und ihren eigenen Merch stricken, also im handwerklichen YouTube-Tutorial-Sinne. Vielmehr geht es um eine Haltung, die aus einem Bruch mit dem kommerziellen Mainstream stammt. Also Veranstaltungen von der Subkultur für die Subkultur außerhalb kommerzieller Verwertungslogiken. Mit dieser Einstellung kann man an ganz verschiedene Themen herangehen: Labels, freie Radiosendungen, Küche für alle oder Magazine. DIY-Konzerte werden hier vom Booking bis zur Beherbergung selbst erledigt.
Gleich drei Punkbands, Wau Miau, Theilen und Gedrängel, sind heute Abend angereist, um die Besucher*innen ins Schwitzen zu bringen. Um 18 Uhr, zwei Stunden vor Einlass, kommen die Bands an und machen Soundcheck. Das Emo-Team unterstützt beim Aufbau, während andere das Essen vorbereiten. Den Ablauf vor dem Einlass können alle auswendig. Immerhin werden hier seit über zwanzig Jahren Konzerte veranstaltet.

Die Grenzen, was DIY genau ist und was nicht, sind schwammig und werden oft individuell gezogen. Vor allem ist DIY aber eine Haltung, die auf Werten des Zusammenhalts innerhalb einer Subkultur basiert und auf diese angewiesen ist.
Solidarität als Grundprinzip
Wer die Treppen zum Emokeller heruntersteigt, bekommt einiges zu lesen. Um alle Slogans und Aufschriften an den Wänden zu entziffern, bräuchte man vermutlich selbst den ganzen Abend. Dazu zieren glänzende Luftballons, die verschiedene antifaschistische Akronyme oder Zahlenkombinationen bilden, den Raum. Aktiv sind plus/minus 14 Leute in die Planung von Konzerten und Events involviert. Marta (37) und Marius (33) sind beide Teil des Emo-Teams. Sie haben durch ihr Interesse an Punk- und Hardcoremusik früh in der Subkultur eine Community gefunden und irgendwann mit angepackt.
Marta hat früher selbst in Bands gespielt. Als Kind in Lettland wollte sie irgendwann keine Geige mehr spielen. Dann kam der Umzug nach Deutschland. Dort, sagt sie, „war es eine Fifty-fifty-Chance, ob ich ein Gabba-Kind werde oder ob ich Punk werde. Beides wurde mir quasi zur gleichen Zeit mit einer Pulle Bier angeboten.“ Es wurde nicht Techno, sondern Punk. Im Philosophiestudium an der RUB kam sie durch einen Professor dann selbst zum DIY. Er war der Gründer ihres ehemaligen Kollektivs Fiducia, das damals in Locations im ganzen Ruhrgebiet Konzerte veranstaltete.
Auf die Frage „Wofür steht DIY für dich?“ antwortet Marta direkt mit „Solidarität!“ DIY-Events wie die VoKü, die Volxküche, ein regelmäßiges offenes Buffet, sind immer vegan und spendenbasiert, weil „die Solidarität der Konsens ist, dass alle mitessen können.“ Während kommerziell organisierte Konzerte immer teurer werden, wirkt dieses Konzept fast radikal und ist politisch zu verstehen. „DIY-Spaces schaffen Raum für Menschen, die es sich nicht aussuchen können, ob sie politisch sind oder nicht“, sagt Marta. Damit das funktioniert, müssen alle anpacken. Es geht um ein solidarisches Miteinander in Bezug auf Gäst*innen und auf den Umgang untereinander in den DIY-Gruppierungen.


Da müssen Kollektivmitglieder für die Bands auch mal ihre eigene Couch hergeben. Marius erzählt fast ungläubig: „Wie viele Leute bei mir über die Jahre auf meiner Couch gepennt haben oder wie vielen wildfremden Leuten ich meine Wohnung überlassen habe und woanders geschlafen habe, bei Freunden, damit die da zu sechst aus Spanien in meinem Zimmer pennen können. Ich habe diese Leute das erste Mal vier Stunden vorher getroffen und ihnen einfach meinen privaten Raum überlassen, weil ich durch dieses Netzwerk und diese Überzeugung immer die Sicherheit hatte, dass wir einen Wertekompass teilen.“
Aber dieses Netzwerk von Gleichgesinnten geht weit über Deutschland hinaus. Marta konnte Bands aus Singapur, Kanada und Mexiko kennenlernen. „Es ist voll schön, so weit weg zu sein, auf anderen Kontinenten, und trotzdem sofort zu merken, auch wenn du die nicht kennst, dass sie die gleichen Grundwerte haben: Gleichberechtigung und Solidarität.“ Mit ihrer „DIY-Familie“ kommen Möglichkeiten von Wissenstransfer und Skillsharing. „Man hat Zugriff auf ein ganz großes Archiv, weil die Leute zueinander stehen und sich gegenseitig aushelfen“, meint Marius.

Trotzdem gesteht Marius eine gewisse Skepsis, die am Anfang vorhanden ist. „Nicht jeder kommt rein, weil es einen bestimmten Szenekurs gibt und das so eine immanente Problematik von Subkultur ist, auch wenn sie sich offen gibt und offen sein möchte.“
Selbstausbeutung
Der Mehraufwand, der durch Fragen wie „Wo schlafen die Bands?“ und „Wie kommen sie nach dem Konzert zur Wohnung dieser Person?“ entsteht, geht in den Raum des Privaten über. Dadurch kommen – wie in jedem Zusammenschluss, der auf Freiwilligkeit beruht und zusätzlich unkommerziell stattfinden will – Risiken auf, dass ungleich gearbeitet wird und einer mehr macht als der*die andere. Marta erzählt, dass sie in ihrem vorherigen Kollektiv sogar kurz vor dem Burnout stand.
In der Regel lässt sich hier aber miteinander reden. „Es gibt immer wieder Momente, wo nochmal kritisch darüber gesprochen werden muss, dass andere Leute sich mehr einbringen, weil wir da zu zweit abends noch standen und den Hof fegen, Kippenstummel einsammeln und Flaschen ausleeren mussten und das mit sechs Leuten einfacher gewesen wäre“, so Marius.

Zusätzlich machen das alle nebenbei. Die meisten DIYler*innen haben Jobs, die Lebenshaltungskosten decken, denn der Profit des Einzelnen ist nicht das Ziel der Szene. Wie anstrengend das sein kann, weiß Marius zu gut. „Ich bin nach einem acht Stunden Arbeitstag, der so schon viel zu lang war, auf Konzerte gefahren, hab Kasse gemacht, hab nachts abgespült bis um 2 Uhr und bin dann morgens um 7 Uhr wieder aufgestanden, um um 8 Uhr am Schreibtisch auf der Arbeit zu sitzen. Manchmal ist man einfach fertig von der Lohnarbeit.“ Ein gewisses Maß an Idealismus schwingt also immer mit. Philipp, auch aus dem Emokeller, fasst es passend zusammen: „Die Leute, die DIY machen, die leben nicht davon, die leben dafür.“
Im Emokeller muss der Eintritt für Konzerte die Kosten für Getränke, Essen und Bands decken. Gäst*innen zahlen an der Tür, je nach eigenem Ermessen, zwischen 5 und 15 Euro.
Marius kümmert sich um die Kasse. Nach den Konzerten kommen die Bands zu ihm in die Küche, die kurzzeitig zum Büro umfunktioniert wird, um ihre Gage abzuholen und die GEMA-Gebühren zu klären. Sein Weg in die Szene begann auf dem Land, wo er mit dem Fahrrad zu Konzerten in lokalen Jugendzentren fuhr. Später ging es ins AZ Mülheim oder das AK 47 in Düsseldorf. Ins Tun kam er dann erstmals „in verschiedenen antirassistischen, antifaschistischen Bündnissen“.
Räume schaffen
In der DIY-Szene kennt man sich untereinander – auch über den Ruhrpott hinaus. Der Fakt, dass an diesem Abend gleich drei Punkbands spielen, ist also keine Seltenheit. Auch die musikalische Ausrichtung ist nicht willkürlich: „Die Punk- und Hardcore-Szene ist so eng mit DIY verbunden, wie wenige andere Subkulturen.“ Unter den zahlreichen Anfragen für Auftritte fallen dann auch einige raus, die musikalisch einfach nicht reinpassen, erklärt Marius. Aber die klare Linie kommt gut an. Die Leute moshen und tanzen, trotz zunehmend stickiger Luft. Die Sängerin von Wau Miau nutzt dabei den ganzen Keller und rempelt beim Singen munter gegen die Gäst*innen.
Das Emo-Team schätzt sich glücklich, diesen Raum bespielen zu dürfen. Denn sogenannte Dritte Orte, die für Gemeinschaft und Freizeit, abseits von Familie und Arbeit, gedacht sind, sind wichtig. „Die größte Gefahr sieht Marius darin, dass man Räume braucht, um DIY im Sinne einer Subkultur auszuführen, Räume, um Organisationsstruktur und Austausch zu ermöglichen, und die sind in Gefahr.“
Marta schaut positiv auf die Zukunft der Szene, trotz Weltschmerz. „Ich glaube, Leute haben Bock, was zu machen, wollen laut sein und wollen sich eben nicht alles gefallen lassen.“


Aber die Szene hat die Pandemie und die Diversifizierung von sozialen Medien überlebt. Die Menschen scheinen fast mehr Lust auf Events zu haben. Marius merkt das besonders in der Punk- und Hardcore-Szene. Dort kämen junge Menschen nach, die eigene Sachen auf die Beine stellen. Marius größtes Anliegen ist genau das, „Räume zu schaffen, in denen Austausch, Vernetzung und Organisation möglich ist, abseits von Logiken kommerzieller Verwertung.“ Im Emokeller gelingt das. Dank der langjährigen Unterstützung des gleichnamigen Jugendzentrums bleibt er eine Konstante und wurde mittlerweile in eine Vereinsstruktur überführt.
Anfang 2024 hat nach zehn Jahren auch der Rekorder in Dortmund seinen Raum aufgegeben und neue Konzepte für subkulturelle Events finden müssen, damit es weitergeht. Erst kürzlich bangte auch die freie Kulturszene Essens noch um Fördergelder, die gekürzt werden sollten. Aus der Community entstand die Petition „Erst stirbt die Kultur, dann die Stadt. Stoppt die Kürzungen bei der freien Kulturszene Essen.“ Zu den Kürzungen kam es letztendlich nicht, dennoch müssen Räume meist bezahlt werden und wo Geld fehlt, fehlen irgendwann auch Räume.


Marius fasst es zusammen: „An allen Ecken und Enden sterben Räume weg, ob es der AStA-Keller ist, der schimmelt oder ob es die subkulturellen Räume im ländlichen Raum des Ruhrgebiet oder in den Großstädten sind, die aufgrund von Lärmbelästigung, Wohnraummangel, Abriss oder finanziellen Engpässen schließen.“
Nach dem letzten erfolgreichen Auftritt von Theilen leert sich der kleine Kellerraum langsam, während die Emo-Leute im Keller anfangen, die Technik aufzuräumen und Marius den Kassensturz macht, um zu sehen, wie viel die Bands bekommen. Die letzten Essensreste werden untereinander aufgeteilt und der Abwasch gemacht. Im Bühnenraum kommt verschiedenste Musik aus den Boxen. Das nächste Konzert mit einer Punkrock-Band aus den USA und einer spanischen Hardcore-Band steht in drei Wochen an.
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