Wenn man verstehen will, warum manche Menschen Gelsenkirchen nicht aufgeben, muss man die Glastür der Bar „Eine gute Adresse“ in Ückendorf einmal hinter sich schließen.
Lesedauer: 5 MinutenDie Bar „Eine gute Adresse“ in Ückendorf soll Gelsenkirchen verändern. Der Mann dahinter ist überraschend unauffällig. Man stellt sich jemanden vor, der laut ist, präsent, immer vorne. Marius Rupieper ist das Gegenteil. Er trägt Sneaker und ein schlichtes Hemd, die Ärmel hochgekrempelt.
Die Glastür fällt zu, und der Lärm der Baustelle draußen wird leiser. Nur noch ein dumpfes Brummen dringt durch die vibrierenden Scheiben. Warmes Licht fällt von den tiefhängenden Lampen, die grünen Fliesen und goldenen Akzente der Bar spiegeln es zurück. Der Raum wirkt eher wie eine private Küche als eine Bar. Hier, in der Bar „Eine gute Adresse“, beginnt für Marius Rupieper fast jeder Morgen. Er arbeitet hier, führt Kundengespräche mit Kunden seiner Agentur und telefoniert. Manchmal bleibt er bis spät in die Nacht, wenn die letzten Gäste gegangen sind. „Ich wollte einen Ort schaffen, an dem man tagsüber arbeiten, reden und denken kann und abends zusammenkommt.“ sagt er.

Am Nachmittag richtet Marius den Raum her. Er rückt Stühle, sortiert Gläser und zündet Kerzen an. Keine große Vorbereitung, nur die täglichen Handgriffe, mit denen er den Raum bereit macht. Zum Schluss rückt er einen Tisch zurecht.
Zurückgekommen, um zu bleiben
Marius Rupieper ist 31 Jahre alt. Er ist Kommunikationsberater und Unternehmer. Aufgewachsen ist er in Ückendorf, nur ein paar Straßen weiter. Nach dem Abitur zieht er nach Magdeburg. Dort beginnt er zu studieren. Doch nach einem Jahr kommt er zurück nach Gelsenkirchen. In seine Heimat. „Viele ziehen weg, weil sie denken, hier passiert nichts. Aber genau deshalb wollte ich zurückkommen und etwas machen“, sagt er. Die Bar war kein Plan. Sie war eine Gelegenheit, die ihm vor die Füße fiel. Kulturprojekte in dieser Siedlung wurden gefördert. „Das passt perfekt“ ,sagt er. So entsteht „Eine gute Adresse“. Ein Ort, an dem Arbeit und Stadt ineinander übergehen. Ein Raum, in dem er bleiben kann, ohne stehenzubleiben.
„Eine gute Adresse“ als Treffpunkt
Tagsüber arbeitet Marius als Strategieberater. Er entwickelt gemeinsam mit seinem Team Kommunikations- und Markenstrategien für Unternehmen. Sein Laptop steht meist an derselben Stelle, auf dem Tisch mit perfektem Blick aus der großen Fensterfront, mitten auf die Baustelle. Sobald die Sonne untergeht, verwandelt sich der Raum in einen Treffpunkt. Junge Kreative, Nachbarn und Studierende kommen vorbei. Manche bleiben für einen Drink, andere für Gespräche. „Wir machen Abende zu Themen, die sonst nirgends stattfinden: Wie funktioniert Vermögensaufbau mit Mitte zwanzig? Wie geht nachhaltiges Unternehmertum in Gelsenkirchen? Das interessiert viele. Aber es gibt kaum Orte dafür“, sagt er.
Draußen brummt die Baustelle. Drinnen ist es warm und still. In Gelsenkirchen fehlen Räume, in denen aus einem Gespräch ein Projekt werden kann. „So fängt vieles an – mit einem Ort. Mehr brauche es am Anfang oft nicht“, sagt Marius. „Wenn zwanzig Prozent alkoholfrei bestellen, weißt du, dass die Leute hier sind, um zu reden, nicht nur um zu trinken“, sagt er.



Baustelle Ückendorf
Der Presslufthammer hämmert gegen Asphalt. Ückendorf verändert sich. Zwischen alten Fassaden und vielen Leerständen hängen neue Schilder. Vielleicht wirkt die Baustelle auf der Bochumer Straße wie ein Spiegel der Stadt. Vieles liegt offen, vieles wartet darauf, neu gemacht zu werden. Gerade im Bereich Kultur für junge Menschen sieht Gelsenkirchen oft aus wie dieser Straßenabschnitt: voller Absperrungen, aber kein fertiges Ziel, obwohl es viele Möglichkeiten gibt. Die Veränderung ist spürbar. Ückendorf gilt als unterschätztes Szeneviertel.
Eine gute Adresse ist Teil davon: eine Bar mit klassischen Cocktails und kleinen Snacks. Ein Ort, der zeigt, was hier möglich wäre. „Gelsenkirchen ist eine Großstadt, die keine ist.“ sagt Marius. Er glaubt, dass Stadt kleiner gedacht werden muss. Im Viertel. Im Gespräch. Im Miteinander. „Man muss die Leute zusammenbringen. Das passiert nicht von allein.“ sagt er.

Swiftkirchen – der bunte Fleck Gelsenkirchens
Im Sommer 2024 erlebt Gelsenkirchen einen besonderen Moment: Swiftkirchen, auch „Taylor Town“ genannt. Die Aktion, die Marius Rupieper gemeinsam mit seinem Team konzipiert, sorgt bundesweit für Aufmerksamkeit. Auslöser sei auch die EM gewesen, die der Stadt spürbar Auftrieb gegeben habe. Wichtig sei ihm dabei, dass es keine Einzelaktion gewesen sei, sondern Teamarbeit. Er sagt, zum ersten Mal seit Langem hätten Menschen offen gesagt, sie seien stolz, aus Gelsenkirchen zu kommen.
Was bleibt
Solche Momente zeigen, was möglich ist, wenn Menschen sich zusammentun. Der Ückmarkt, an dem Rupieper mitarbeitet, folgt demselben Prinzip. Mehrmals im Jahr öffnen die Cafés und Bars entlang der Straße ihre Türen, draußen gibt es Musik und kleine Programmpunkte. Leerstand wird zur Bühne, der Stadtteil kurz zum Treffpunkt. Menschen bleiben stehen, wo sie sonst nur vorbeigehen.
„Es gibt hier so viele Menschen, die großartige Dinge tun, und niemand sieht sie“, sagt er. Am Wochenende beteiligt sich die Gute Adresse an „Kommse Ücken“. Eine Aktion, bei der neue Orte entlang der Bochumer Straße gemeinsam Programm machen. Musik, Lesungen, offene Türen.

Freundlichkeit kostet nichts (vor allem in der guten Adresse nicht)
Ein paar Straßen weiter liegt die Himmelsleiter. Eine alte Zechenhalde mit Blick über die Stadt. „Hier ist eigentlich alles da. Es fehlt nur das Gefühl, dass es jemand zusammenhält“, sagt Marius.
Gegen Abend verändern sich am Wochenende die Geräusche in der Bar. Dann mischen sich Stimmen unter das Licht, Stühle werden gerückt, Gespräche füllen den Raum. An manchen Tagen bleibt es still, an anderen wird es voller. Drinnen glitzert das Glas im warmen Licht. Draußen bleiben nur die roten Lichter der Absperrzäune zurück. Der Baustellenlärm klingt dann wie ein fernes Rumpeln.„Freundlichkeit kostet nichts“, sagt Marius.
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