„Let’s give Moers a try “- der Schauspieler Florian Kager im Porträt

Gelbe Entenflossen, ein Kinderstück über Verlust und ein Schauspieler, der gerade ankommt. Florian Kager ist seit wenigen Monaten Teil des Ensembles am Schlosstheater Moers und probt zwischen Musik, Komik und seiner eigenen Haltung zur Bühne.

Lesedauer: 4 Minuten

Das Mikro locker in der rechten Hand wartet Florian Kager auf seinen Einsatz. Die Melodie von 99 Luftballons startet. In gelben Plüsch-Entenflossen tanzt er über die Bühne. Im Entenkostüm proben er und sein Team für das Stück „Anfall und Ente“. Kaum ist das Lied vorbei, bricht Florian aus seiner Rolle und fängt an zu lachen – das war noch nicht perfekt. Nach kurzer Besprechung nimmt er seine Rolle so schnell wieder ein, wie er sie vorher verlassen hat. Noch einige Male proben sie das Lied, schreiben den Text um, bauen einen neuen Tanzmove ein. Florians Performance im Scheinwerferlicht scheint selbstverständlich. Dabei war sie das lange nicht.

Florian Kager ist in einen glitzernden, grünen Stoff eingewickelt, nur sein Kopf ist zu sehen. Er schaut ernst in die Kamera.
Er schauspielert schon seit er ein Kind ist. Jetzt eben am Schlosstheater. Foto: Yakob-Aziz König.

Erst seit September arbeitet der 26-Jährige am Moerser Schlosstheater. Die Proben im Bollwerk sind die Vorbereitung auf sein zweites Stück in dem Ensemble und das erste Stück für Kinder. „Anfall und Ente“ beschreibt den Verlust eines Geliebten, verpackt in einer Suche nach dem Stofftier „Hundi“. Florian sieht eine prägende Geschichte in dem Stück. „Das ist eine schöne Konfrontation mit Realität, wo wir uns oft auch im Erwachsenenleben in irgendwelche Illusionen und in Märchen flüchten, wo die Sachen alle happy enden – und es ist ja trotzdem ein Happy End, denn das gestaltet man sich selbst.“

Erste Bühnenmomente

Geschauspielert hat Florian Kager das erste Mal in der Grundschule. Am meisten im Gedächtnis bleibt ihm aus dem Stück, dass der Schauspieler des Weihnachtsmanns bei jeder Vorstellung eine echte Pizza essen durfte. Dabei hat ihn die Realität im Bühnenkontext das erste Mal gecatcht: „Da ist wirklich eine Pizza. Sie ist wirklich da, er isst sie wirklich.“

Auch wenn Florian rückblickend eine erste Begeisterung für Theater verspürt, ist eine Schauspielkarriere für ihn damals noch undenkbar. Nach der Schule beginnt er zunächst ein Studium, das ist jedoch von kurzer Dauer. Florian merkt: Er möchte kreativ sein. In welcher Form, das ist zunächst offen. Dass er Schauspiel auch studieren könnte, weiß Florian lange nicht. Irgendwo hört er davon. Eine Zeit lang findet er Freude beim Radio, doch dann öffnet sich eine Tür für ihn: Er wird an der Kunstuniversität Graz angenommen. Als geborener Österreicher ist Graz ihm schon immer bekannt, die Schauspielausbildung vor Ort eine gute Gelegenheit, um seiner Kreativität freien Lauf zu lassen.

Florian Kager turnt auf der Bühne herum: Ein Arm zieht an einem Kabel, er guckt durch ein fenster, das andere Bein ist ausgestreckt.
Immer in Bewegung: Auf der Bühne, auf dem Weg zwischen Ruhrgebiet und Österreich oder an der Gitarre. Foto: Yakob-Aziz König.

Die Ausbildung ist ein Auf und Ab, doch Florian zieht durch. Ein Absolventenvorsprechen am Ende seiner Ausbildung verschlägt Florian ins Ruhrgebiet – er bekommt ein Angebot am Schlosstheater Moers. „Let‘s give Moers a try.“ Das Schlosstheater ist eines der kleinsten Theater Deutschlands, aber genau das schätzt Florian an seinem neuen Arbeitsplatz. Die Intimität sorgt für eine gute Atmosphäre im Team: „Ein so unfassbar freundliches und unterstützendes Team ist selten. Theater ist einfach sensibel und da braucht man auch Leute, die damit gut umgehen können.“ Moers wird schnell zur zweiten Heimat, dabei hilft auch die Mentalität des Ruhrgebiets. Was gefällt Florian am Ruhrgebiet am meisten? „Die Leute sind das Beste. Die Leute sind so geil, die Leute sind so nett. Also die meisten.“ Menschlich fühlt er sich im Ruhrgebiet fast mehr zuhause als in seiner Heimat.

Ohne Plan

Florians Kreativität endet aber nicht auf der Bühne. Auch abseits des Scheinwerferlichts tobt er sich kreativ aus – in Form von Musik. Er spielt Gitarre und Klavier, hat eine Band aus Schulzeiten. Einem roten Faden folgt er dabei nicht. „Ich weiß nicht ganz, was ich damit machen will. Ich weiß nicht, was ich damit ausdrücken will. Ich habe auch nicht so viel zu erzählen. Ich weiß nicht, was mein Klang ist, keine Ahnung.“ Das Ziel ist nur eins: kreieren. Jeden Mittwoch nimmt sich Florian vor, etwas zu erschaffen. Der Kreativkopf zeigt sich aber auch in anderen Bereichen seines Lebens: Florian ist ziemlich chaotisch. Dass er nun selbstständig allein lebt, ist für ihn eine Herausforderung. Seine Familie ist weiterhin in Österreich, so auch seine Freundin.

Doch dass er auf der Bühne das machen kann, was er liebt, spornt ihn an. Dabei ist es Florian wichtig, auf der Bühne seine eigenen Werte zu vermitteln. In seiner Ausbildung lernt er: „Lieber die eigene Scheiße ausbaden als die Fremdscheiße“ Genau danach versucht er zu handeln. „In so einer Zeit, in der man auch kritisch damit sein kann, was reproduziert und kommuniziert wird, ist es wichtig, dass man diese Stimme in einem Selbst findet.“

Florian Kager sitzt im Schneidersitz auf einer hölzernen Bühne vor grünen, glitzernden Vorhängen.
Auch mal Pause machen auf einer der kleinsten Bühnen im Ruhrgebiet… Foto: Yakob-Aziz König.

Diesen Ansatz konnte Florian nicht immer umsetzen, nicht immer ist er zufrieden mit seiner Performance. Umso wichtiger ist die Auseinandersetzung mit seiner Rolle „Ente“. Was für Florian die Pizza in einem Schulstück war, könnte für andere Kinder „Hundi“ in „Anfall und Ente“ werden: eine erste Begegnung mit Theater.

Die größte Freude findet Florian nach wie vor in der Komik: Bits nachspielen, Stimmen verstellen, imitieren. Darauf fokussiert er sich bei seiner Arbeit. Das ist bei den Proben kaum zu übersehen: Ein weiteres Mal startet „99 Luftballons“. Florian Kager ist bereit, schwankt melodisch mit. Langsam, aber sicher sitzt die Performance.

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