Tim Kramer hat aus seiner eigenen Vergangenheit einen Antrieb gemacht. Mit „Vereint Bochum“ ist ein „riesengroßer Schutzraum“ entstanden.
Lesedauer: 6 MinutenDinner. Es ist wuselig, ich finde keinen Parkplatz. Die Location ist modern, farbenfroh, hell. Die „kantine.wtf“ in Bochum. Die Hütte ist voll. Ich komme rein, Tim Kramer erkennt mich direkt, ein großer Mann. Braune Augen schauen mich an, er schüttelt mir in Vatermanier die Hand. Fester Handschlag, kurzer Zug, ein Nicken. Ich bekomme ein Namensschild. Wir quatschen kurz, er will weiter. Er hatte mich bereits vorher wissen lassen, er würde nicht viel Zeit für mich haben. Er hält Wort.
Ich schlängele mich durch, setze mich an die lange Tafel, werde nett begrüßt. Auf dem Tisch stehen Gläser in Kombination mit etlichen Getränken zur Selbstbedienung und Besteck, einsortiert mit dem funktionalen Vorderteil nach unten in undurchsichtigen Bechern. Tim ist Vorsitzender und Botschafter des Vereins „Vereint Bochum“. Ein Verein, der für Gemeinsamkeit steht, gegen Einsamkeit, für ein Miteinander, für ein Füreinander. Dazu gehören regelmäßige, gemeinsam organisierte Spaziergänge im Stadtpark Bochum jeden zweiten Donnerstag, aber auch besondere Aktionen wie ein „Speed-Kennenlernen“ in der U35 Straßenbahnlinie in Bochum, oder „Pläuschken mit Käffken“ in verschiedenen Cafés, um Menschen abzuholen, die den Anschluss verloren haben oder noch suchen. Tim ist Fotograf, jemand, der viel mit Fußball zu tun hat, mit dem VfL Bochum, mit der Öffentlichkeit, mit Bildern, die gesehen werden. An diesem Abend sind alle Plätze belegt, niemand sitzt allein.

Es ist laut, es wird gequasselt, Getränke werden eingeschenkt und immer mal wieder hört man ein Lachen. Inmitten des Getümmels rennt Tim durch die Gegend, quatscht mit allen, erkundigt sich. Ein Schulterklopfen. Er fragt nach, nickt, lacht. Manche kennen sich, andere nicht. Heute geht es darum, intern Institutionen miteinander bekannt zu machen. Man soll sich kennenlernen, miteinander Zeit verbringen, sich austauschen. In der Einladung steht: „Wir laden Menschen ein, die wir in den letzten Jahren bei unseren Aktionen kennenlernen durften und solche, die wir gerne noch kennenlernen möchten.“ Später wird er sagen: „Ich persönlich bin ja ein sehr introvertierter Mensch, der überhaupt nicht gerne spricht und gerne das Motto macht.“
„Ich bin immer nervös“, sagt er ein paar Tage später. „Ich bin der nervöseste Mensch aller Zeiten.“ An diesem Abend im Dezember merkt man davon nichts. Er erklärt mir, sobald diese Nervosität aufhören sollte, bedeutet es auch nichts mehr. Nervosität ist sein Antrieb, seine Spannung. Sein Geist, der ihn zwingt weiterzumachen. Sein Kompass, der ihm beweist, dass etwas gut ist und sich richtig anfühlt.
Der Abend sollte maximal herzlich sein, sagt Tim mir danach. Für manche sei das eine komplett neue Lebenswelt.
An den Tischen vorbei schlängelt sich auch Anthony „Toto“ Losilla, ehemaliger Kapitän des VfL Bochum, auch er unterstützt den Verein. „Ein ganz feiner Mensch, ich liebe ihn“, sagt Tim später. Tim begrüßt die Gäste, er steht vorne, groß, er lächelt, spricht mit lauter Stimme, bekundet seine Freude über das Erscheinen aller und wünscht uns einen schönen Abend. Im Nachhinein erzählt er mir, dass er nach solchen Veranstaltungen nachts nicht schlafen kann, er müsse in den Nächten alles verarbeiten. Das sei für ihn sehr intensiv. Dass ihn Erwartungshaltungen wachhalten würden, das Gefühl nie genug zu sein. „Für mich sind solche Termine wie so ein Fußballspiel, wenn ich das Gefühl habe der erste Pass kommt nicht an, dann kann ich die ganze Scheiße vergessen. Dann ist einfach alles katastrophal.“ Manchmal gäbe es aber auch Tage, da sei die Welt in Ordnung. Schlafen könne er dann trotzdem nicht. Aber er freue sich, wäre zwar nicht stolz auf sich, aber auf sein „richtig tolles Team“ und „wie das hier bei uns in Bochum funktioniert.“



Vorspeise. Diverses, für jeden was dabei. Wir reden, seine Freundin erzählt mir, dass Tim übermorgen Geburtstag hat, es geht nach Holland. Ich quatsche mit dem Vereinsvorstand, sehr viel über Vereinsarbeit, über Außenpräsenz, über das Fundament einer Gemeinschaft: Zusammenhalt. Hauptgang. Hühnerfrikassee oder veganes Thai Curry. Tim wuselt immer noch. Rauchen, Weg zurückfinden. Frida Lou singt. Applaus. Nachspeise. Nicht identifizierbare, aber leckere Pralinen. Die Stimmung ist locker, Plätze werden gewechselt.
Der Abend endet, für die meisten ist es ein gelungenes Dinner. Für Tim beginnt jetzt erst der Teil, der sich nicht zeigen lässt. Deswegen haben wir uns nochmal getroffen, im Hi Kalle, in Bochum, seinem Lieblingscafé.
Alleinsein, Zugehörigkeit, Reflexion: Tim Kramer und seine Geschichte
Über die Entstehung des Vereins spricht Tim nämlich nicht an diesem Abend. Er sieht die Gesellschaft an einem Punkt, an dem alle auseinanderdriften, auf die Andersdenkende draufhauen würden. „Einsamkeit ist wirklich richtiger Dreck.“ Es gab Momente, in denen er heulend auf dem Boden liegend das Vertrauen in die Menschheit verloren hätte. Denn „Einsamkeit ist ja, wenn die Qualität der Begegnung sich nicht mit den Wünschen deckt.“

Dieses Gefühl habe er schon lange nicht mehr gehabt. Er hat gelernt allein zu sein, erzählt er mir. Früher sei die Anzahl der Kontakte wie eine Art Währung für ihn gewesen: „Je mehr Follower du hast, ein desto geilerer Typ bist du.“ In seiner Schulzeit war Tim stark übergewichtig, ist irgendwann gar nicht mehr zur Schule gegangen. Er spricht von einem „geschenkten Realschulabschluss“. Daraus resultiert für ihn der große Wunsch, Teil einer Gruppe zu sein. Das sei bei ihm stärker ausgeprägt, erklärt er. Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Zentrales Leitmotiv des Vereins. Damals dachte er, wenn man allein ins Kino oder Essen gegangen ist, denken die Leute, man wäre ein absoluter Looser. Tim hat seine Ansprüche gesenkt, er freut sich eher über die Menschen, die sein Umfeld sind, als traurig zu sein, über diejenigen, die ihm gar nicht nah sein wollen.
Das Fotografieren hat ihm dabei sehr geholfen: Die Kamera kam in einer „richtig beschissenen Dreckslebensphase“ in sein Leben, wie er sagt. Das war vor 15 Jahren. Er sagt: „Künstlerisches Interesse war da schon so ein bisschen, aber ich komme aus einer Familie, da hat Kunst überhaupt keine Relevanz, ist absoluter Quatsch.“ Tim ist Arbeiterkind. Er kommt nicht aus den „aller super duper weltbesten Verhältnissen“, wie er sagt. Sein Vater habe alles versucht, dass Tim nicht in diese Welt der Kunst reinrutsche. Sein Anker war allerdings sein Onkel: Der habe ihn an die Hand genommen und ihm eine Kamera in die Hand gedrückt. Seitdem sei die „Kamera eine Eintrittskarte in alle Lebenswelten“. Dabei gilt es für ihn nicht in die große, weite Welt hinauszugehen. Er fotografiert lieber sein Bochum. Trinkhallenkultur, Kneipenwirt*innen, Fußball. Trotzdem hatte er auch lange damit zu kämpfen, dass er dann „der Trottel ist, der das Foto macht“. Genau das decke sich nicht mit dem starken Wunsch nach dem Dazugehören.


„Bochum ist eine Stadt für den zweiten Blick“
Sein Bochum wäre für ihn aber super spannend: „Warum nicht mal in seinen eigenen Reihen rumlaufen?“ Musiker und Fußballer freuten sich nicht mehr, wenn einer Fotos machen würde. „Normale“ Menschen würden sich viel mehr freuen: Die „machen sich die Haare schön, nehmen sich Zeit und sind ganz aufgeregt.“ Das bringe das Ehrliche an der Fotografie. Aber lieber keine Analogfotos, dafür sei Tim zu ungeduldig. Er mag das Gefühl nicht, dass Sachen getrennt wären, das würde sich anfühlen wie „antizyklisches Arbeiten“. Fotografie sei lange eine Hassliebe gewesen, sagt er. Denn es habe eine Schwere, mit der er nie zufrieden ist. Unzufriedenheit und Perfektionismus treiben ihn an.
Durch all das würde man die Welt nicht retten, aber in einem kleinen Wirkungsfeld zumindest ganz kleine Ziele erfüllen. Einsamkeit ist ein Gesellschaftsproblem, wo alle mitanpacken müssten. Die Vereinsarbeit soll Menschen helfen, die das Vertrauen in die Gesellschaft verloren haben. An diesem Abend in der „kantine.wtf“ sagt er das nicht. Hier sorgt er dafür, dass niemand allein am Tisch sitzt.
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