Auch in diesem Jahr lädt die Ruhrtriennale nach Duisburg ein. Neben dem Landschaftspark, wird auch im Innenhafen Kunst und Kultur geboten. In der Ausstellung „Zwischen Erfinden und Erfassen“ von Urbane Künste Ruhr bekommen Besucher*innen Film, Performance, Installation und Fotografie zu sehen, die mit dem Hafenareal in Verbindung treten sollen. STROBO-Autorin Imke Rüße hat den Eröffnungstag begleitet und war am Ende sogar mitten in einer Performance.
Lesedauer: 6 MinutenEs ist eine kleine Schnitzeljagd, auf die ich mich mittags auf dem Gelände vom Duisburger Innenhafen begebe. Noch ist mir nämlich unklar, wo sich die Kunstwerke befinden sollen, die dieses Jahr Bestandteil der Ruhrtriennale sind. Ich bin zu früh. Das Team von Urbane Künste Ruhr, das hinter der Ausstellung steckt, arbeitet in den verbleibenden Minuten noch am Feinschliff: Wegweiser, Technik und das eigene Personal werden aufgestellt, bevor es für die Öffentlichkeit zum ersten Mal einige der Performances im Programm zu sehen gibt. Während einige Werke rund um die Uhr bei einem Hafenspaziergang bestaunt werden können, gibt es Arhun Aksakals „Eurogate“ oder Marlin de Haans „Practising Apokalypse“ nur an ausgewählten Tagen zu sehen – so wie heute zur offiziellen Eröffnung.

Der Innenhafen als Ausstellungsort
Zwölf Künstler*innen haben die Kuratorinnen Alisha Raissa Danscher und Britta Peters eingeladen, ihre Werke in den kommenden Wochen im Duisburger Innenhafen zu präsentieren. Auf den ersten Blick unterscheidet der sich nicht groß von seinen Pendants in anderen deutschen Großstädten, die zu Freizeitorten mit Café- und Restaurantangebot umgestaltet wurden und wo Bürokomplexe mit „Blick auf’s Wasser“ locken.
Trotzdem gibt es Hinweise auf die Vergangenheit des Hafens: Wie historische Zeugen ragen die Überreste von Kontoren und Lagerhallen einer ehemaligen Spedition in der Nähe des Hafenbeckens in die Höhe, die der Bildhauer Dani Karavan 1999 in sein Land Art Werk „Garten der Erinnerung“ integrierte. Unweit vom „Garten“ stehen – für das Ruhrgebiet einzigartig – letzte erhaltene Teile der mittelalterlichen Stadtmauer. Und wenn in der Vergangenheit im Radius des Innenhafens gegraben wurde, stieß man nicht selten auf Funde aus der Römerzeit. „Die Auseinandersetzung mit Geschichte und mit Geschichten ist ganz präsent im Innenhafen – nicht nur durch die archäologischen Sights, sondern durch Institutionen wie das Landes- und Stadtarchiv. An dieser gesamten Gemengelage kann man eine Geschichte des Ruhrgebietes ablesen und auch einen Umgang mit der Entwicklung von Städten und der Idee, neue Funktionen von Orten zu erfinden“, erklärt Danscher die Besonderheit des Ausstellungsortes.

Performances genutzt. Foto: Lennart Neuhaus.
Auf Spurensuche begeben
„Erfinden“ – das sei laut Danscher in der Vergangenheit vom Ruhrgebiet oft in Top-Down-Manier passiert; nach einem großen gestalterischen Wurf sollte sich Veränderung einstellen. In der Ausstellung „Zwischen Erfinden und Erfassen“ zeigen die Künstler*innen verschiedene Annäherungsversuche und versuchen mit dem, was bereits vor Ort ist, zu arbeiten und Neues zutage zu fördern.
Research Artist Stella Flatten geht das in ihrer Arbeit ganz praktisch an. In „Die Halde“ dürfen Besucher*innen in einem abgesteckten Bereich in der Erde graben und sich überraschen lassen, was sie dabei finden. Dass die Künstlerin die öffentliche Fläche vor der Stadtmauer für ihr Vorhaben gewinnen konnte, bedurfte viele Gesprächen mit den zuständigen Behörden: „Es gibt vielleicht ein Interesse daran, dass man Boden begeht, aber nicht, dass man ihn berühren, geschweige denn nutzen darf. Im Kontext vom Ruhrgebiet ist das doch paradox: Hier wurde immer von vielen Leuten in unglaublich harter Arbeit abgebaut – und dennoch darf hier keiner wieder suchen? Boden sollte nichts sein, was weiterhin verschlossen wirkt, sondern etwas, wo sich wieder herangetraut wird,“ findet die Künstlerin. Kunst ist in Flattens Ausgrabungsstätte eine spürbare gemeinschaftliche Erfahrung, deren finale Werke unterschiedlich ausfallen können – etwa als bunte Keramikscherbe, Reste einer Eisverpackung oder Kieselsteinen im Erdsieb. Was dafür definitiv überwunden werden muss, ist die eigene Sorge, sich mit Händen in der Erde lächerlich zu machen. Dabei sei das Graben „nichts, was dir beigebracht wird“, unterstreicht Flatten – Jeder Mensch habe schon irgendwann irgendwo gegraben.

Am Ende der Ausstellung soll – passend zum Titel von Flattens Werk – die Grube wieder verschlossen werden. Wer will kann Gegenstände in einer „Zeitkapsel“ verschließen und mit in die Erde geben. In 30 bis 50 Jahren soll an selber Stelle wieder gegraben werden.
Wie schmeckt Duisburger Luft?
Dass sich „Zwischen Erfinden und Erfassen“ organisch in das Hafenareal einfügt, liegt auch an der Zusammenarbeit mit bestehenden Institutionen vor Ort. Für ihr Projekt nutzen Franziska Pierwoss und Jonas Leifert Räumlichkeiten des Kultur- und Stadthistorischen Museum Duisburg.

In „Soft Smoke“ haben sich die Künstler*innen mit der Luftverschmutzung im Ruhrgebiet beschäftigt und stellen ihre Archivfunde im Mercator-Saal aus. „Als klar wurde, dass die Ausstellung in Duisburg stattfinden wird, war das für uns ein kleines Geschenk. Weil die Luftverschmutzung im Ruhrgebiet allgemein schon ziemlich schlecht war, aber in Duisburg immer noch schlimmer als im Rest der Region“, erzählt Leifert. Wer heute im Ruhrgebiet unterwegs ist, der kennt die intensiven orangenen Sonnenuntergänge, die in der Vergangenheit noch deutlich dunkler ausfielen und Geschichten der Groß- und Elterngeneration von schwarzen Fensterbrettern. Mit einem Stufenplan reagierte die Landesregierung damals auf die hohe Luftverschmutzung und die steigenden Zahlen von Atemwegs- und Krebserkrankungen. Nur langsam besserte sich die Luft im Ruhrgebiet. In ihrer Ausstellung richten Pierwoss und Leifert ihr Augenmerkt deshalb auf den Protest der Zivilbevölkerung, der in Konkurrenz mit Industrie-Interessen oft ungehört blieb und einen langen Atem brauchte.

Viele Geschichten von Betroffenen sind bis heute unbekannt. Die Künstler*innen setzen deshalb auf ihr zweites Standbein, ihren Zuckerwattewagen, mit dem sie auf dem Johannes-Corputius-Platz ins Gespräch kommen wollen. Im Angebot haben sie ungewöhnliche Sorten: Besucher*innen können zwischen Koksstaub, Duisburger Luft und Smog auswählen – alle in grauer Farbe, versteht sich. „Uns hat diese Ambivalenz zwischen Zucker geben, aber dabei einen bitteren Beigeschmack haben, interessiert. Geschichten, die an einem Zuckerwattewagen geteilt werden – vielleicht auch nicht aufgeschrieben werden – sind äquivalent zu Geschichten, die man im Stadtarchiv findet“, meint Leifert. Für alle Interessierten: Duisburger Luft schmeckt lieblich-süß, nach kurzweiligem Vergnügen und Sommergefühlen – man will auf jeden Fall mehr.
Rückeroberung des öffentlichen Raumes
Aus der Ferne sieht der Platz mit Zuckerwattewagen fast nach Straßenfest aus. Trotz bescheidener Wetterverhältnissen hat sich das Areal zwischen Schwanen- und Schifferstraße mittlerweile mit Besucher*innen gefüllt. Dass „Zwischen Erfinden und Erfassen“ von Urbane Künste Ruhr kostenlos angeboten wird und überwiegend im Freien stattfindet sei eine bewusste Entscheidung gewesen, wie Alisha Raissa Danscher klarmacht: „Der öffentliche Raum ist immer weniger öffentlich und es geht mehr darum, Räume und Zugänge wieder neu herzustellen und Menschen einzuladen, an diese Orte zu gehen“.

Dazu gehöre auch, die vermeintlich bekannte Umgebung in einem neuen Licht zu zeigen. Ohne bewusst darüber nachzudenken, finde ich mich an diesem Tag oftmals in Karavans „Garten der Erinnerung“ wieder. Für mich ist er das Durchgangszimmer, um von Kunstwerk A nach Kunstwerk B zu gelangen. Richtig wahrnehmen tue ich ihn nicht und wenn, dann spüre ich doch eher eine Distanz: Zu weit und unberührt wirkt der weite Flur vor mir. Ändern wird sich das mit der Performance „Eurogate“ von Arhun Aksakal, der den „Ruinengarten“, wie er ihn nennt, mit Parkour und Tanz wiederbelebt. Aksakal hat selbst Erfahrungen im Parkour-Milieu gesammelt – beschäftigt sich mittlerweile aber vorrangig künstlerisch mit der Sportart: „Es sollte nicht mich in den Vordergrund bringen, sondern eine Community, die global vernetzt ist und einen Versuch darstellen, städtische Räume wieder anzueignen“, sagt Aksakal über die Performance.
Dabei schaut das Publikum nicht aus entfernter Sicht von Sitzbänken auf die Performance, sondern verteilt sich in der Halle zwischen den Darsteller*innen. Dass sich die Performance im 360-Grad-Radius entfaltet – ist intensiv und ungewohnt. Es fühlt sich fast verboten an, wie der Abstand zwischen Kunst und Betrachter*innen aufgehoben wird und instinktiv bleibe ich noch etwas zurück. Immer schneller und mit steigendem körperlichem Einsatz nehmen die Darsteller*innen das Vakuum des Raumes ein und arbeiten sich an Pfeilern und Vorsprüngen ab. Beton und Stein wird zur Übungsfläche. Abrupt endet das Spektakel und die Performer*innen kehren dem Publikum den Rücken zu; kurz darauf verlassen sie den Raum gänzlich. Als ich eine halbe Stunde später vorbeischaue, wirkt das Denkmal wieder unberührt. Auch diese kurzen Interventionen hinterlassen einen bleibenden Eindruck.

Zwölf Ausstellungen in Einer
Es grenzt an Unmöglichkeit, die Arbeiten der zwölf Künstler*innen zusammenfassen zu wollen. So unterschiedlich ihre Hintergründe und Bezüge zur Stadt, so unterschiedlich ihre Blicke auf das Ruhrgebiet und Duisburg. Für eine Duisburg-Fremde und Ruhrgebiets-Zugezogene wie mich, hat der Tag einige erhellende Momente über meine Wahlheimat bereitgehalten und den Eindruck verfestigt, dass man an manchen Orten länger verweilen muss, um sie gänzlich zu verstehen.
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