Graffiti spricht mehrere Sprachen – auch die von Joud

Graffiti ist für Joud (23) mehr als Farbe auf Beton. Früher blieben ihm Minuten, heute Stunden – sein Schritt vom illegalen zum legalen Sprühen wird zum Versuch, anzukommen und mit den Konsequenzen der Vergangenheit zu leben.

Lesedauer: 5 Minuten

„I don’t want to pause, but I have to “, sagt Joud Kiath. Sofort lässt er die Sporttaschen fallen. Metall stößt gegeneinander. Joud setzt sich auf die Bank. Von der Brücke aus sehen wir sein Ziel. Mitten in einem Park mit grüner Wiese, Spielangeboten und Parkbänken steht eine Mauer. Es ist eine besondere Mauer: Hier darf man Graffiti sprayen. Ganz legal. Deshalb fällt die bunte, besprayte und bildreiche Mauer sofort ins Auge. Von Orange und Lila über Schwarz und Weiß – hier treffen alle Kontraste aufeinander. An dieser Wand haben viele gearbeitet.

Heute wollen das auch Joud und Kate. Beide wollten früher da sein. Es ist fast halb eins. Ursprünglich wollten sie um 10 Uhr los. Das ist öfter so. Vor Ort werfen beide ihre Taschen einfach auf den Boden. Joud und Kate stöhnen. Aus den vier Taschen holen sie in wenigen Minuten 24 Spraydosen. „Most cans I have are mostly empty, but these are the cans we have for today “, sagt Joud, während er die Dosen sortiert. Die beiden Sprayer diskutieren, was übersprüht werden soll: „ATM“ in Verkehrsrot mit schwarzer und weißer Kontur auf azurblauem Grund oder „NRO“ in Mauve und Grasgrün mit gleichem Hintergrund. Beide Motive waren ihrer Meinung nach lang genug da.

Kate wählt ihre Farben. Sie fängt an mit Grün. Joud startet die Musik. Aus der Box schallt „Teenage Dirtbag“, danach „Piano Man“. „Music is part of the vibe“, sagt Joud – wobei er das „e“ von vibe in die Länge zieht. „Are you ready to begin?“, fragt er Kate. Sie skizziert ihr Graffiti. Er dreht sich eine Zigarette. Joud schaut rüber zu Kate und sagt: „You‘re already destroying ATM?“ Sie nickt ihm zu. Seine mentalen Vorbereitungen dauern noch an. Er isst ein Schokocroissant.

Sprühen, schreiben, schaffen

Die Vorbereitung ist beendet. Joud wird den NRO-Schriftzug covern. Mit Ziegelsteinrot skizziert er, dann zieht er die Linien dunkler nach. Joud arbeitet mit vielen Ebenen, indem er sein Werk immer wieder in unterschiedlichen Farben übersprüht. Das hat er nicht beim Graffiti-Sprühen gelernt, sondern als er angefangen hat, seine Schuhe zu bemalen.

Graffiti ist nur eine von vielen Ausdrucksformen: Joud schreibt, malt und bemalt Schuhe und Jacken. Er gestaltet Jacken nicht nur für sich, sondern auch für Freunde. Er hat auch schon als bezahlter Graffitikünstler gearbeitet. Harte Bässe wechseln zu ruhigen Gitarrenklängen. Joud hat sich durch viele Rottöne gearbeitet, seine Lieblingsfarbe ist es aber nicht. „My favourite colour is orange. It‘s the colour of chaos, you can say.“ Viele Menschen mögen Orange nicht – der Hass darauf wirkt für ihn fast generisch.

Seit anderthalb Jahren sprayt er legal – davor illegal. „I have to stay legal to get my Einbürgerung. Like if I do another Straftat I get kicked out of the country.“ Gebürtig kommt er aus Dubai. Dem legalen Sprayen kann der Essener einiges abgewinnen: Er kann seine Arbeiten online zeigen, länger vor Ort bleiben und ausgiebig an Projekten arbeiten. Heute hat er Zeit – früher waren es nur Minuten, um nicht erwischt zu werden. Die Geldstrafe hat ihn dazu inspiriert, nur noch legales Graffiti zu sprühen, sagt er.

„The Ruhrgebiet is moving Germany. It‘s kinda big and they‘re not realising it.“

Das Land möchte er nicht verlassen, denn das Ruhrgebiet ist für ihn ein Zuhause geworden. Seine erste Station in Deutschland war Sachsen-Anhalt im Jahr 2015. „They have great architecture, but the people are suffering and depressed. In the Ruhrgebiet it‘s different.“ Er hat viele Freunde gefunden und eine Ausbildung zum Metzger. Hier fand er Heimat – wegen der kulturellen Vielfalt und der Lebendigkeit. „The Ruhrgebiet feels like what the core of Germany is.“ Er sagt, mit den Bahnverbindungen kommt man problemlos in andere Städte – das sei nicht überall so. „The Ruhrgebiet is moving Germany. It‘s kinda big and they‘re not realising it.“

Ins Ruhrgebiet ist der Emirati gekommen, um sich intellektuell weiterzubilden, aber er sagt, der Zug sei mittlerweile abgefahren. „You get set back so it‘s a bit demoralizing. It has to be like this because of the system, but you mostly get set back to 0.“ Auch wenn er Englisch spricht, nimmt er gerne die deutsche Sprache für sich an. Englisch fällt ihm leichter – trotzdem profitiert er auch vom Deutschen. „The perfect thing about German is that it‘s very direct. I don‘t know where I wanted to go with it, but it helps to tell people what I exactly want them to do.“

Joud hockt vor der legalen Graffiti-Mauer und hält eine rote Sprühdose in der Hand.
Heute nutzt Joud fast ausschließlich rote Dosen. Foto: Sarah Smeets.

Die letzten Sprüher

Joud rückt mit seinem Graffiti immer mehr an Kates heran. Mittlerweile ist er mit seinen ersten Arbeiten fertig und hat weiter skizziert, gelayert und gesprüht. „It‘s a fight to mix people‘s styles together.“ Mit Kate geht das allerdings, sagt er. Er schaut zu ihr rüber. „You know what‘s good about the Vice-Cans? They cover much and dry fast.“ Sie stimmt zu. Die Dosen wurden ihm vom Sprayer-Laden „Crazy 8“ zum Testen zur Verfügung gestellt.

Viele Dosen sind fast leer – für Joud ein Vorteil bei Linien und Details. Langsam ist das Kunstwerk vollendet. Mittlerweile ist er von Rot auf Türkis gewechselt. Damit sprüht er eine Figur. „Text artist is just doing text and the character guy is just doing the characters. To do something else is not their job“, sagt er. Bei nur fünf Minuten Zeit spezialisieren sich Künstler meist auf eine Sache – Kate und Joud auf Charaktere.

Um 17:37 Uhr sind sie fertig. Joud fotografiert sein Kunstwerk. Dabei meint er, sein Kunstwerk wirke aus der Nähe besser. Er ist unzufrieden mit der Leistung. Das negative Gefühl schüttelt er immer wieder mit der Phrase „It‘s alright“ ab.

Nach dem Sprühen ist vor dem Posten

Am nächsten Tag, zurück in der vertrauten Umgebung seiner Wohnung, bereitet er den Post für die Bilder vor. Mitten im Gespräch sagt er: „Fuck it, I post for what I believe in.“ Joud fängt an, die Fotos auszuwählen und zu editieren. Das Posten fällt ihm allerdings seit Längerem schwerer. Letztes Jahr hat er sein iPhone verloren. Jetzt hat er ein Google Pixel. Das Bearbeiten damit ist anders. Er redet mit sich und kichert. Er ist in seinem digitalen Sog.

„AAAAAAA“, schreit Joud leise. Sein Handy schließt Instagram aufgrund des überschrittenen Zeitlimits. Er schlägt mit der Faust auf seine Knie. Er krümmt sich. Joud ändert die Einstellungen, öffnet Instagram und – alle Änderungen sind weg. Der Sprayer fängt von vorne an. Er flucht. Er findet es unfair, dass ab einer gewissen Größe eines Künstlers so viel Equipment nötig ist, um größer zu werden. Für Aufträge und Bildbearbeitung bräuchte er einen guten Laptop oder ein zweites Handy mit mehr Speicher. Er lädt den Post hoch, seufzt und legt sich auf den Boden. Danach kommt aber die Angst hoch: „Is it really posted? I should check!“ Es ist da. Aber nicht so wie er wollte. „It‘s so different all the work for nothing.“ Sein Kunstwerk nennt er: Fire through it.

Bock auf mehr STROBO? Lest hier: Ein Besuch im Atelier No. 70 im PACT Zollverein

Mein Bild