Haschi ist Rapper, Erzieher, Duisburger – und eine feste Größe in seiner eigenen Subkultur. Zwischen Kneipentresen, Musikvideos und politischer Haltung bewegt sich der 27-Jährige mit Gelassenheit. An einem Abend in der Kneipe zeigt er, wie selbstverständlich sich Kunst, Alltag und Überzeugungen bei ihm vermischen.
Lesedauer: 5 MinutenHaschi steht nicht auf der Bühne, aber irgendwann schauen trotzdem alle zu ihm. Angelehnt ans Eingangstor der Duisburger Kneipe Pampus, zieht er an einem Joint und gibt ihn an die Runde weiter. Das Kiffen gehört zu ihm, genauso wie Duisburg und der ganze andere „Subkultur-Shit“, wie er sagt. Sprühen, Demo, Antifa, Hip-Hop.
Vier Alben in den letzten vier Jahren hat Haschi veröffentlicht. Sie tragen Namen wie „Duistopie“ und „Was anderes brauch ich nicht“. Dazu kommen Singles und Features mit anderen Rappern. Sichtbarkeit verschafft man sich als Newcomer vor allem über Auftritte. Und richtig gut läuft es, wenn man den Voract bei Bekannteren spielt. Vor einer Woche stand er noch in Leipzig auf der Bühne, als Support für Waving the Guns, erzählt der Duisburger. Keine kleine Nummer, das ist ihm klar: „Als ich die Jungs von WTG gesehen habe, hatte ich einen richtigen Groupie-Moment.“ Damals bei seiner Zeugnisverleihung hat er sich beim Einlaufen einen Song von Waving the Guns ausgesucht; inzwischen rappt er auf derselben Bühne.

Seine Musik entsteht überall, sagt er: ein Beat, der während der Bahnfahrt plötzlich in seinem Kopf auftaucht. Oder ein einzelnes Wort wie „Pssst“, das wie das Zischen einer Sprühdose klingt. Im gleichnamigen Song bekommt das Wort eine weitere Bedeutung: „Pssst“ als Schweigen vor Gericht. „Der Rest kommt wie ne Art Psychose – ein Strom aus Bildern, Gedanken und Bruchstücken.“ Nur eines möchte er immer vermeiden: Dass sich seine Texte wie eine Vorlesung anhören. Und fairerweise: Das Risiko besteht nicht wirklich.
In seinen Texten macht er seine Position deutlich. Besonders dann, wenn er von „Faschos und Bullen“ spricht. In seinem Song „Wer geht wo raus?“ rappt Haschi: „Ich find harte Drogen fast so sehr wie Polizisten scheiße. Bullen suchen immer unsere Nähe, aber wir reden nicht.“ In einem anderen Song heißt es: „Das ist Hochfeld und nicht Chorweiler. Hier trägt man Krokodil und nicht Thor Steinar.“ Was bedeutet es für ihn, links zu sein? Haschi antwortet knapp: „Alle Menschen sind gleich. Punkt.“
Der Joint hat seine Runde gedreht und ist heruntergebrannt. Die Gruppe verlagert sich nach innen. Die Kneipe, von außen recht unscheinbar, entpuppt sich innen als Raum, in dem mehr passiert, als hineinpasst. Über dem Tresen schwebt ein Fischernetz mit Kuscheltieren, an den Wänden hängen vergilbte Fotos von früheren Party-Gästen. Vieles ist älter als die meisten Besucher. Die Tische sind abgewetzt und im Hintergrund läuft Musik, die heute kein Mensch mehr kennt. An einer Wand sammeln sich Albumcover von den Beatles und den Rolling Stones. Dazwischen klebt ein schwarzer Sticker. Darauf steht: „Haschi“. Heute soll in dieser Kneipe auch sein neues Musikvideo gedreht werden.
Haschi, Marry und die Kneipendiplomatie
Er geht zum Tresen. „Ein großes Bier, bitte.“ Natürlich ist es ein Köpi, das ist Familientradition: Sowohl Haschis Oma als auch beide seiner Großväter hätten bei König Pilsener gearbeitet, erzählt er. Die Bestellung nimmt eine ältere, blonde, geduckt laufende Frau entgegen. Sie heißt Marry.
„Zwischen ihr und mir – das ist eine Art Hassliebe. Sie weiß, dass ich zu den Leuten gehöre, die hier immer auf den Toiletten rumschmieren.“ Mittlerweile sei es ein ungeschriebenes Gesetz, dass Marry zuliebe nicht mehr auf den Fliesen getaggt wird, sondern nur noch auf der Wand darüber. Seine Einstellung zu diesen Dingen habe er in den letzten Jahren geändert: Er könne es nicht verantworten, wenn Marry wegen so einem Scheiß früher in Rente gehe.
Er zeigt auf eine Ecke, in der eine Pflanze steht. In dem Topf sitzt ein großer Teddybär mit Strickpulli und kleinem Hut. Vor ein paar Jahren sind er und seine Freundesgruppe nach einigen Runden Köpi auf die Idee gekommen, diesen einzustecken. Am nächsten Tag habe sich das schlechte Gewissen eingeschaltet. Der entführte Bär wurde mit einer Entschuldigung zurückgebracht. Im Gegenzug zu den anstrengenden Faxen, die Haschi und Co. der älteren Dame bescheren, erledige er des Öfteren kleinere Gefälligkeiten für sie. Erst neulich hat er eine Glühbirne ausgewechselt.

Torben am Morgen, Haschi am Tresen
Hauptberuflich arbeitet Haschi als Erzieher an einer offenen Ganztagesschule. Dort heißt Haschi Torben. Die Arbeit sieht er vor allem als festes Einkommen. Sein Anspruch im Job ist es, eine Bezugsperson für die Kinder zu sein, die „einfach mal nicht scheiße zu ihnen ist“.
Rap sei dagegen bis jetzt eher ein Minus-Geschäft, ein sehr teures Hobby. Angefangen hat das Hobby früh: „Ich war ein extremes Deutschrap-Kind“. Irgendwann fing er selbst an Texte zu schreiben. Anfangs einfach nur so, dann kam ein Schubs – „ein Arschtritt“ – von Leuten, die mehr in ihm sahen. Jetzt macht er erst einmal so weiter, bis er 30 ist. Dann schaut er mal, wie groß das „Mucke-Ding“ geworden ist. Ein Typ für Bausparverträge sei er ohnehin nicht, sagt er schulterzuckend. Dann schweift sein Blick ab. Er fällt auf eine junge Frau mit braunen Locken. Es ist seine Freundin Derya. Auch Derya ist Rapperin. „Vielleicht wird auch sie fame und ich bin dann ihr Backup.“ Er sieht sie an und lächelt voller Stolz.

„Ich will, dass die dann denken: ‚Scheiße, ich feier’ den eigentlich, aber der ist doch links.‘“
Trotz einiger Bezüge zu politischen Themen in seinen Texten ist Politik nicht das zentrale Thema in Haschis Songs. Er geht davon aus, mit seiner Musik ohnehin eher Menschen zu erreichen, die ähnlich eingestellt sind. Seitdem er TikTok nutzt, fallen ihm jedoch häufiger Menschen auf, die politisch anders ticken. Ob diese Leute auf ihn aufmerksam geworden seien? „Nein“, sagt er. Und wenn doch? „Kommt drauf an, wen ich vor mir hätte. Wenn das irgendwelche 13-Jährigen mit Deutschlandflagge in der Bio sind, würde ich versuchen, die auf meine Seite zu ziehen und nicht direkt zu fronten. Man sollte immer korrekt bleiben.“ Denn dann löse das einen inneren Konflikt bei dem Gegenüber aus: „Ich will, dass die dann denken: ‚Scheiße, ich feier’ den eigentlich, aber der ist doch links.‘“
Den Rechtsruck nimmt er wahr, wenn er durch seine Stadt läuft und abgekratzte linke Sticker sieht – auch Haschi-Sticker. Ob ihm das Angst mache? Er zuckt mit den Schultern: „Nö.“ Und fügt hinzu: „Bis jetzt noch nicht.“ Das Glas ist leer. Haschi geht wieder an den Tresen, wieder nimmt Marry die Bestellung entgegen. Wieder ein großes Köpi. Heute ist er nicht nur zum Abhängen gekommen. Der Track ist eine gemeinsame Sache mit Derya.

Es geht nach draußen. Vor der Tür packt Haschi eine kleine Musikbox aus und drückt auf Play. Ein Freund hält eine Kamera bereit, sagt „Okay“. Das war’s mit der Regieanweisung. Haschi positioniert sich und hebt das Kinn. Mehr Vorbereitung braucht es wohl nicht. Er steht vor der Kamera genauso wie eben noch am Tresen. Die Schultern locker, der Blick leicht glasig – der Abend hatte schließlich schon einige Wege zum Tresen und zur Raucherecke hinter sich. Wenn überhaupt, ist der einzige Unterschied, dass er rappt statt zu reden. Seine Bewegungen bleiben minimal — kleine Handgesten, ein leichtes Wippen. Nach kaum einer Minute ist der Take durch. Haschi tritt an die Kamera, schaut sich das Material an. Keine Kritik, kein Feilen an Details. Er grinst: „Ja, Hammer. Musikvideo fertig.“
Bock auf mehr STROBO? Lest hier: „Ich wusste immer, dass ich jemand sein will“ – Der Rapper LinezPM im Portrait

