Keine Szene, kein Laufweg, trotzdem Heirloom – Streetwear im ehemaligen Industriegebiet

Zwischen grauen Wohnblocks und verlassenen Industriehallen entsteht etwas Unerwartetes: Heirloom, ein Streetwear-Label. Die drei Designer beweisen: Man muss nicht nach Berlin, um kreativ zu sein. Sie bedrucken in einem Kellerraum in Bochum ihre eigenen Kollektionen – und bauen dabei mehr als nur eine Marke auf. Sie schaffen eine Community.

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Das Lab von Heirloom versteckt sich in einem Mehrfamilienhaus zwischen Schauspielhaus und Bar-Ecke. Ich folgen den Stimmen und dem kleinen Lichtschein die Treppe nach unten und betrete den kompakten Raum. Es riecht ein wenig nach Rauch. Regale, die bis unter die Decke mit Shirts und Pullis gefüllt sind, Farben neben der Tür gestapelt und die Siebdruckmaschine, die die Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Die Heirloom Jungs vor dem Eingang zu ihrem Keller. Justin lehnt im Türrahmen. Neben ihn steht ein blauer Aschenbecher/Mülleimer. Die Wand ist voller Graffitis.
Das ist Heirloom: Habien (v.l.), Justin und Zion. Foto: Jorid Disteldorf.

Heirloom zeigt das Ruhrgebiet

Bochum ist kein Ort, der sich durch Klasse auszeichnet. Keine Szene, kein Laufsteg, kein Hotspot. Wohnblocks, eine zerfallende Universität und die Zeugen einer längst vergangenen Industriekultur. Aber genau hier passieren die Dinge, die man sonst in Berlin-Mitte erwarten würde. Trotz allem, oder eben wegen all dem, haben sich die Macher von Heirloom für Bochum entschieden.

Zion, Justin und Habien machen alles selbst: vom ersten Entwurf bis zum fertigen Druck. Jedes Design durchläuft ihre Hände, jede Farbe wird von ihnen aufgetragen, jeder Hoodie einzeln bedruckt. Die Siebdruckmaschine ist ihr wichtigstes Werkzeug – hier entsteht jedes Teil in Handarbeit. Keine Massenproduktion, keine Outsourcing. Nur sie drei und ihre Vision von Streetwear, die den Ruhrpott nicht versteckt, sondern zeigt.

Das ‚Danach‘

Es gibt Momente, die das Leben in ein Davor und ein Danach teilen. Für die drei war es ein normaler Tag vor zwei Jahren: „Es gab so einen Tag, wo wir uns zusammengesetzt haben und gesagt haben, okay, wollen wir das Ding jetzt wirklich richtig durchziehen? Oder soll das weiterhin ein Nebenbeilaufen und ein Hobby sein?“ erzählt Justin. Die Antwort war klar. Sie ziehen durch. Für einen Moment hängt dieser Satz im Raum und keiner sagt etwas. Die Stille wird nur von leisem Jazz unterbrochen.

Diese Antwort hat ihre Leben geformt. Mit dieser Entscheidung kam eine Karriere, ein sozialer Kreis, das Studium. Alle studieren Kommunikationsdesign. Zion im siebten Semester, Justin im fünften und Habien im ersten. Sie lachen kurz. Wenn man es so schlicht aufsagt, wirkt es doch etwas absurd. Aber letztendlich macht es Sinn. „Kommunikationsdesign ist halt genau das, was wir hier machen“, sagt Zion. Er ist der ruhigste von allen. Er sitzt entspannt am Tisch und hört zu, bis er den Moment findet, in dem er sich einklinken kann. Jeder seiner Sätze wirkt gut überlegt.

(Kommunikations-)Design

„Wir haben uns kennengelernt, weil wir in der gleichen Area gewohnt haben. Über so eine Freundin von mir. Und relativ schnell hat man gemerkt, dass man gleiche Interessen hat“, erzählt Justin. Heirloom war da noch ein Magazin auf Instagram und hatte eher weniger mit Mode zu tun. Ganz wurde die Idee nie abgelegt – auf der Website sind immer noch Artikel zu finden, die Heirloom und anderen Kreativen eine Plattform geben.

„Mit der Zeit ist das dann so aus sich heraus entstanden, weil man halt irgendwie gesagt hat, man hat Bock, Kleidung zu machen. Und das kommt so sehr organisch von sich selbst.“ Heute macht jeder von ihnen alles, die meisten Designs kommen aber von Habien. Im Vergleich zu den anderen wirkt es so, als wäre er in einer nie endenden Bewegung. Einige Tage später sehe ich, wie er auf seinem Skateboard durch die Innenstadt rast. So schnell, wie er auftaucht, ist er auch wieder weg.

„Ruhrpott ist halt auch einfach geiler als Berlin“

„Bochum ist nicht die City für Entrepreneurship oder Mode. Also warum Bochum?“, diese Frage steht im Raum. Nur einer von ihnen hat den Schritt aus dem Pott gemacht. Ganz klassisch nach Berlin. „Alle meine Leute sind hier. Ich war der Einzige, der in Berlin war.“ Erzählt Justin. Er verzieht das Gesicht etwas, als er erzählt, weswegen er nicht in der Hauptstadt geblieben ist. Berlin sei schön, aber passte für ihn nicht. Und vor allem sei Berlin überfüllt mit Kreativität. Er spricht enthusiastisch und pragmatisch: „Wir sitzen hier gerade im Lab, wir können uns das leisten von dem, was wir hier irgendwie machen. Und das wäre wahrscheinlich in Berlin nicht so leicht möglich.“

„Ruhrpott ist halt auch einfach geiler als Berlin“, schiebt er noch hinterher. Das hier ist Heimat und sie zieht sich wie ein roter Faden durch alles, was Heirloom ausmacht. Wenn man sich den Instagram-Account von Heirloom anschaut, sind die Überreste der Industrien und Brutalismus in fast jeden Foto und Video zu erkennen. „Wir sind jetzt nicht wie jedes Brand, das irgendwie über Nacht aufgepoppt ist und auf einmal da ist und super viele Follower hat. Sondern es geht jetzt seit ein paar Jahren und wir lernen jeden Tag was dazu und es ist sehr organisch und passiert von allein und das können wir hier halt mit Ruhe machen.“

Keiner ist bei Heirloom je alleine

Auf die Frage, ob sie nicht irgendwann genug voneinander haben, kommt von Justin nur: „Dadurch, dass wir uns auch früh kennengelernt haben und dass wir alle drei so die wirklich dieselbe Vision haben und dasselbe verfolgen, kommt es selten zu Auseinandersetzungen.“

Was mir schnell auffällt, wenn ich bei ihnen sitze: Keiner ist je alleine. Sie arbeiten zusammen, verbringen ihre Freizeit und Urlaube miteinander und es geht außerdem die halbe Welt im Lab ein und aus. Mitten im Interview klingelt es. Habien springt auf und geht mit schnellen Schritten aus dem Raum, die Treppe hoch und öffnet die Tür. Er kommt zusammen mit einem Freund wieder rein, der jeden begrüßt und sich selbstverständlich auf eine kleine Couch in der Ecke setzt.

Später frage ich sie, was Heirloom so besonders macht und bekomme diese Antwort darauf: „Letztendlich liegt das Alleinstellungsmerkmal von Heirloom in der Authentizität und dem Community-Fokus.“ Ein Satz, der so sachlich ist, dass er nicht in das kleine, bunte, vollgestellte Zimmer passen will.

Die Heirloomjungs stehen in dunklen Oberteilen zueinander gekehrt und schauen sich an
Neben Design, Skaten die Heirloom-Jungs auch. Foto: Jorid Disteldorf.

„Nur wir drei und noch all unsere Freunde“

Alles, was die drei tun, ist Kollaboration. „Eigentlich ist die Essenz von Heirloom, dass wir nichts von irgendjemandem fernhalten wollen, sondern jeden miteinbeziehen wollen. Deshalb gibt es diesen Spruch: See the infinite. Und see the infinite soll genau das bedeuten, dass man unendliche Möglichkeiten hat, dass jeder verstehen soll, dass man kreativ sein kann, alles machen kann, was man möchte. Weil im Endeffekt machen wir genau das Gleiche. Wir sind ja nicht jemand Besonderes, es sind auch nur wir drei und noch all unsere Freunde“, erzählt Justin.

Diese Philosophie findet sich in jedem Aspekt ihrer Arbeit und in jeder Kollaboration. Mit Kinsey, einem Grafikdesigner, aus Berlin; mit Yola, einer Sängerin aus Essen; mit der Goldbar in Essen, wo sie eine Party veranstaltet und einen exklusiven Special-Pulli verkauft haben; mit Trop & Shorty aus Mülheim im AZ, einer Skate-Halle. Das Herz bleibt trotzdem das Lab, zusammen mit Farben, Siebdruckmaschine und allen Leuten, die ein und aus gehen.

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