Was ändert sich bei Interkultur Ruhr? Neue Leitung Megha Kono-Patel im Interview

Nachdem Interkultur Ruhr in den letzten Jahren durch Förderung von BIPoC und migrantisch positionierten Kunst- und Kulturschaffenden bekannt wurde, stehen nun neue Projekte vor der Tür – darunter ein neues Festival und Fellowship-Programme. Im STROBO-Interview spricht Leitung Megha Kono-Patel über die anstehenden Veränderungen.

Megha Kono-Patel im schwarzen Rollkragen-Pullover mit verschränkten Armen an einer Fensterfront und lächelt in die Kamera.
Letzten Sommer hat Megha ihren Vorgänger Can Gülcü abgelöst. Foto: Carmen Körner.

STROBO: Einmal zu Beginn, was ist eigentlich Interkultur Ruhr?

Megha: Interkultur Ruhr ist 2015 aus der Europäischen Kulturhauptstadt heraus entstanden, mit dem Ziel, künstlerische Projekte mit geflüchteten Menschen zu fördern. Dafür wurde ein Förderfonds aufgebaut, der Einzelpersonen, Initiativen, Kommunen und Kultureinrichtungen unterstützte. Dadurch sind dann Projekte entstanden, die sich zum Beispiel explizit mit postmigrantischen und postkolonialen Blickwinkeln auseinandergesetzt haben.Seitdem haben sich ein paar Dinge geändert. Wir werden jetzt zum Beispiel von der Regionalen Kulturstrategie Ruhr finanziert. Und wir haben seit 2025 zwei neue Förderprogramme. Einmal die Projektförderung und einmal das Time To Breathe Fellowship. Die Idee kam von meinen Vorgängern, ich habe sie jetzt umsetzen dürfen.

STROBO: Wie unterscheiden sich die Förderungen voneinander und an wen richten sie sich?

Megha: Erstmal ist besonders wichtig, dass die Förderungen die kulturelle Vielfalt des Ruhrgebiets sichtbar machen. Bei der Projektförderung muss die antragstellende Person wissen, was das Ziel des Projektes ist. Beim Fellowship ist es offener: Als antragstellende Person kann ich eine Vorstellung davon haben, dass ich meine künstlerische Arbeit weiterentwickeln, ein künstlerisches Produkt entwickeln oder eine Recherche starten möchte. Das Time To Breathe Fellowship Programm wird zehn Monate lang jeweils neun Künstler*innen und Kulturschaffende aus dem Ruhrgebiet mit 1.500 Euro monatlich fördern, damit sie ihre künstlerische Arbeit weiterentwickeln können. Das Ganze hat eher den Charakter einer Fort- bzw. Weiterbildung und einer Community-Building-Maßnahme. Diese neun Personen werden sich über zehn Monate immer wieder treffen, um gemeinsam das Festival zu entwickeln und dabei eine Arbeitsweise entwickeln, mit der sie dadurch langfristig vielleicht auch zusammenarbeiten. Das gibt es bei der Projektförderung in dem Sinne nicht. Da gibt es natürlich die Einladung, dass Menschen zu den Qualifizierungs- und Vernetzungsangeboten kommen können. Aber bei den Fellows sind die kuratorischen Sitzungen, das Begleitangebot und auch die Teilnahme am Festival fester Bestandteil der zehn Monate.

Die neue Time To Breathe Fellowship soll eine nachhaltige Basis für die eigene künstlerische Arbeit schaffen. Foto: Carmen Körner.

STROBO: Was meinst du mit Begleitangebot?

Megha: Es gibt beim Fellowship drei Begleitangebote: systemisches Coaching, Mentoring und die Organisation einer Hospitanz. Davon können die Fellows aussuchen, was sie gerade brauchen. Und die Organisation kümmern wir uns. Beim Mentoring geht es zum Beispiel darum, von einer berufserfahrenen Person in der eigenen Professionalität begleitet zu werden. Und bei der Vermittlung der Hospitanz war ein Hintergedanke, dass vor allem geflüchteten Kunst- und Kulturschaffenden der Weg in Institutionen oft erschwert wird. Das wollen wir ändern!

STROBO: Du hast gerade ein Festival erwähnt. Was können wir uns darunter vorstellen?

Megha: Das Festival ist quasi das Finale. Die Fellows kuratieren gemeinsam mit uns das dreitägige Programm der ersten Ausgabe, die wir im November ausrichten werden. Die Fellows können dabei eigene Kunst miteinbringen oder auch andere Kunst kuratieren. Uns ist wichtig, dass alle Zugang zur Kunst haben sollen, deshalb wechseln wir jährlich die Stadt. Wo wir 2026 sind, bleibt noch eine Überraschung!

STROBO: Was steht neben den zwei Förderprogrammen dieses Jahr noch auf dem Plan?

Megha: Einiges (lacht). Letztes Jahr haben wir für ein Forschungsprojekt nach Künstler*innen gesucht, die sich mit den Attributen Schwarz, of Color, (post-)migrantisch und/oder mit eigener Fluchterfahrung identifizieren. Wir haben jetzt viele Gespräche geführt, einfach, um rauszufinden, welche Bedürfnisse diese Menschen haben und wie wir sie unterstützen können. Die Auswertung dieser Forschung veröffentlichen wir dieses Jahr. Außerdem planen wir Antragswerkstätten und eine Hilfestellung, die Gruppen bei der Organisation ihrer Arbeit und der Antragstellung unterstützen soll. Zusätzlich wollen wir die Arbeit, die ohnehin passiert sichtbarer machen. Wir wollen noch stärker Lobby für interkulturelle Kunst und Kultur im Ruhrgebiet sein.

Ein weiterer Anspruch: Zusammenhalt für Kunst- und Kulturschaffende im Ruhrgebiet fördern. Foto: Carmen Körner.

STROBO: Welche Strukturen oder Unterstützung würdest du dir zusätzlich wünschen, um die kulturelle Vielfalt im Ruhrgebiet zu stärken?

Megha: Kunst- und Kulturschaffende brauchen eine verwaltungsarme und möglichst barrierearme Antragstellung und Abwicklung. Wenn das einfacher wäre, würde es, glaube ich, schon für viel mehr Vielfalt sorgen. Und egal bei welcher Förderung ist auch ausschlaggebend, wie divers die Jury besetzt ist. Was können Kunst/Kultur-Institutionen machen, um mehr marginalisierte Kunstschaffende einzubinden? Und was sehen sie eigentlich als Kunst und Kultur an? Das sind grundlegende Frage, die immer wieder gestellt werden müssen. In diesen Zeiten wünsche ich mir aber vor allem, dass die Vielfalt an Perspektiven weiterhin sicht- und hörbar bleibt.

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