Der steile Aufstieg des Jetset Jourdain

Der 27-jährige Recklinghäuser DJ Jetset Jourdain erlebt seit letztem Jahr einen musikalischen Aufstieg und bespielt die ganz großen Bühnen. Dabei ist er trotz allem bodenständig geblieben, auch wenn sein prolliges Outfit und der sportliche Flitzer in der Garage was anderes sagen. Alles an Jourdain schreit nach Rampensau, aber durch seine Adern und sein Mundwerk fließt das Ruhrgebiet.

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Im Recklinghäuser Speckgürtel, zwischen Vorstadt und Landwirtschaft, bietet Jourdain Platz auf seiner Terrasse. Gerade eben noch saß der DJ in seinem roten Opel Kadett C Coupé in der Garage und hat sich ablichten lassen. Und da bleibt das Auto auch erst einmal. Angemeldet ist es nämlich nicht. Jetzt sitzt er vor seiner Gerstenkaltschale, wie er sein Bier liebevoll nennt. Jourdain ist Veranstaltungstechniker, gelernter IT-ler und seit letztem Jahr durchstartender DJ. Da passt der Name Jetset Jourdain wie die Faust auf’s Auge. Der 27-jährige beschreibt sich selbst als musikaffin. Früher war es neben dem Techno auch Rockmusik, die der Recklinghäuser hörte. Dann kam die Idee, selbst Musik zu machen. Zumindest als DJ, denn ein Instrument spielt Jourdain nicht. 

Anschnallen bitte: Der Opel Kadett C Coupé ist ein wahr gewordener Traum des DJs. Foto: Lennart Neuhaus.

Angefangen hat alles kurz vor und in der Coronazeit. Jourdain hatte viel Zeit, sich seinem neuen Hobby zu widmen. Er kauft sich alles zusammen, was der DJ braucht, um festzustellen, dass das, was er da tut, ziemlich scheiße klingt. Es braucht viel Übung, um den DJ-Controller unter Kontrolle zu bekommen. Dann, vor vier Jahren, kommt es zum ersten Gig, wenn auch sehr spontan, auf der Ruhr in Love. „Das war musikalisch noch eine ganz andere Geschichte. Was habe ich da gespielt?“ grübelt der DJ. „Das war Psytrance und Goa.“ Elektronische Musik, die ihren Ursprung in den 80ern hat: treibende Bässe und Synthi-Sounds. An dem Abend springt Jourdain für einen ausfallenden Kollegen ein. Auf der Bühne kommt der Gedanke auf: „Krass, könnte ich mich dran gewöhnen.“ Da nimmt die noch junge Karriere Fahrt auf.

Geburtsstunde eines neuen Type

Dann erzählt der DJ, wie er zu seinem Künstlernamen Jetset Jourdain gekommen ist. Angefangen hat es auf dem Heaven & Hill Festival, mit einem Stage-Manager. „Der hat mir gesagt ‚Ey, pass auf, du siehst voll aus wie mein Kollege. Der ist Tätowierer. Der Malediven-Mike.‘ Dann zeigt er mir ein Foto und ich denke mir ‚Boah krass, könnte mein Vater sein‘“. So kam es nicht nur zu dem Künstlernamen Jetset Jourdain, denn mit Malediven-Mike hing die Messlatte hoch in puncto Verrücktheit und Jourdain brauchte einen verrückten Namen. Es kam auch ein Brustblitzer-Tattoo hinzu: ein Totenkopf mit Doppelstegbrille und flammendem Haar, das an die Frisur des DJs selbst erinnert. Wie teuer das Tattoo war, kann er nicht sagen, weil er vom Malediven-Mike auch noch ein Paar Cowboystiefel und eine Jeansjacke mitnimmt. Es ist die Geburtsstunde des Jetset Jourdain.

Die Geburtsstunde des Jetset Jourdain oder auch: Besuch beim Malediven-Mike. Fotos: Lennart Neuhaus.

„Da habe ich jedes Mal Gänsehaut“

Seit vergangenem Jahr, Oktober, spielt der DJ groß auf. Sehr zu seiner Überraschung, denn seine Erwartungen und Ansprüche waren niedrig angesetzt. Er wendet sich ab von seinen musikalischen Ursprüngen und seinem Vollzeitjob. Denn dadurch, dass Jourdain mit Psytrance und Goa angefangen hatte und daraufhin immer mehr Anfragen aus diesem Bereich bekam, kam der DJ kaum dazu, sich seiner Musik zu widmen. Und seine Musik heißt: klassische 80s, 90s und Neue Deutsche Welle. Musik, mit der Jourdain aufgewachsen ist. Ganz vorne mit dabei sind Lieder wie Ruhrgebiet von Wolfgang Petry und Sternenhimmel von Hubert Kah. „Da habe ich jedes Mal Gänsehaut.“

Und nicht nur da bekommt der DJ Gänsehaut. Jetset Jourdain liebt es, auf der Bühne zu stehen und die Menge zu bespaßen. Da kommen ihm die vielen Auftritte gelegen, auch wenn er es selbst nicht so richtig verstehen kann, woher auf einmal der Hype um seine Person kommt. Abgezeichnet hat sich das nämlich nicht, so der Recklinghäuser. Zumindest aber hat sich dadurch der berufliche Alltag gewandelt, weil Jourdain nun Veranstaltungstechniker in Teilzeit ist, um den vielen Anfragen aus der Musikszene gerecht zu werden.

„Hier wird lecker Pils getrunken, Ruhrgebiet halt.” Foto: Lennart Neuhaus.

„Wenn ich spiele, dann muss das scheppern.“

Neben seinen Auftritten in Clubs sind dieses Jahr eine Reihe an Festivals Teil von Jourdains Arbeitsalltag, wie Ruhr in Love, die Kieler Wochen, Parookaville, Heaven & Hill, San Hejmo und das Heile-Welt Festival. Dort wird es dann laut.. „Wenn ich spiele, dann muss das scheppern“, so Jourdain. Zuhause, im beschaulichen Recklinghausen, sind dann die Nachbarn die Leidtragenden. „Ich kann nicht auf Kopfhörern spielen, das muss einfach knallen.“ Die Polizei stand schon häufig vor der Tür des DJs, Lärmbelästigung, egal ob Hausparty oder „Ich-nehme-mal-kurz-ein-Set-auf“. Und wenn es nicht die Polizei ist, kommen die Nachbarn selbst vorbei. „Einmal stand ein Nachbar hier im Keller, der hat zehn Minuten geklingelt, aber du kannst dir ja vorstellen, dass ich die Klingel nicht gehört habe.“ Seit sechs Jahren herrscht Funkstille zwischen den beiden. Immerhin kann sich der DJ mit seinen IT-Künsten bei Computerangelegenheiten in der übrigen Nachbarschaft wieder gut stellen.

Wir sind das Ruhrgebiet

Wenn Jourdain die Grenzen der Ruhrmetropole verlässt, nimmt er immer ein Stück Heimat mit und trägt es in die Welt: „Mir ist schon klar, dass das Ruhrgebiet von Wolfgang Petry andere Gefühle in mir auslöst, als in dem Publikum, aber die kriegen das trotzdem zu hören. 600 Kilometer von zuhause weg und du tüdelst halt den Song.“ Es schwingt immer ein bisschen Stolz mit, wenn Jourdain den Pott repräsentiert oder auch von seinen Besonderheiten erzählt. So auch seine Geschichte vom Taxiteller, der bis zu seinem Auftritt bei Neubrandenburg unbekannt war und seitdem dort auf der Karte zu finden sei, so der DJ. 

Neben dem Taxiteller ist das Ruhrgebiet für den DJ aber in erster Linie eins: ehrlich. „Es ist aber auch richtig kernig. Trocken, wie eine Scheibe Brot. Hier wird malocht, hier wird lecker Pils getrunken, Ruhrgebiet halt“, schwärmt der Recklinghäuser. Es ist eine Verbundenheit, die bleibt und prägt. Dabei ist Jourdain gerne mal in Berlin oder Köln, auch für längere Zeit, aber es zieht ihn immer wieder zurück in den Pott. Dorthin, wo der DJ alles hat, was er braucht. „In Berlin fressen sie Currywurst ohne Darm. Wo fangen wir denn da an?“ Ironische Bemerkungen gehören ebenso zum Typen Jetset Jourdain, wie seine Ruhrpott-Schnauze.

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