Wort für Wort. Schritt für Schritt. Julia Regnath zwischen Schreiben und Sprechchor

Julia Regnath schreibt Geschichten und singt im Theaterchor. Tagsüber päppelt sie eine Kunden-App auf. Abends füllt ihre Stimme Papier und Raum. Dafür wurde sie mit dem LesArt- und Literaturpreis Ruhr ausgezeichnet. Eine Rampensau ist sie nicht. Eher eine, die beobachtet. Und genau da beginnt ihre Kunst.

Lesedauer: 5 Minuten

1,85 Meter kommen auf mich zu. Der Wind zerrt an ihrem Zopf, während sie den Gehweg entlangläuft. Verpackt in Schwarz, Hände in den Taschen. Sie winkt vorsichtig, fast entschuldigend. Vor dem Schaufenster des Literaturhauses im Dortmunder Kreuzviertel bleibt Julia Regnath stehen. Betrachtet sich selbst nicht. Die Bücher aber schon. Jeden zweiten Monat trifft sie sich hier mit anderen Autoren zum Vorlesen eigener Texte.

Heute ist das Literaturhaus geschlossen. Wir gehen zu ihr. Julia Regnath ragt über die meisten Leute hinaus. Beim Sitzen krümmt sie ihren Körper nach innen. Macht sich kleiner, als sie ist. Ohrringe und Verlobungsring blenden nicht. Nur die blutroten Nägel stechen ins Auge. „War nur eine Laune“, sagt sie. Sonst lackiert sie ihre Nägel nicht. Während sie von ihrer Arbeit als Autorin erzählt, zupft Julia an ihrem Cardigan.

Julia Regnath sitzt im schwarzen Rollkragen-Pullover an ihrem Küchentisch.
Julia Regnath. Foto: Lena Liedmann.

Wie alles wieder anfing

Schon in der Grundschule schrieb die 31-jährige Dortmunderin gerne Aufsätze. Dann lange nichts. Ihr Geld verdient sie mit Texten für eine Versicherungsfirma, nicht mit Gedichten. Vor zwei Jahren wurde das Schreiben aber wieder zum Hobby. Irgendwann erinnert sie sich an das Literaturhaus, an dem sie seit Jahren vorbeiläuft. Sie meldet sich bei Text und Tacheles, einer lokalen Schreibgruppe. Leiter Ralf Thenior vergibt jede Stunde Hausaufgaben. Die werden dann beim nächsten Mal präsentiert. Und es wird ehrliche Kritik gegeben. Als Julia sich der Literatengruppe anschließt, halten die anderen ihr Feedback noch zurück. Doch mittlerweile sagen die Leute offen, was ihnen nicht gefällt.

„Komplett ins Leere schreiben ist, wie wenn du komplett ins Leere ein Bild malst“, sagt Julia. Deswegen mag sie die Hausaufgaben. So hat sie einen festen Rahmen fürs Schreiben. Und ihr größter Kritiker wartet zu Hause: ihr Freund. Der liest die Texte oft, bevor sie diese mit der Welt teilt. Schreibtisch als Schreibort? Bei Julia Fehlanzeige. Dort sitzt sie schon den ganzen Tag im Homeoffice. Sie wandert lieber mit dem Laptop durchs Haus. Mal aufs Sofa. Mal in die Küche. Und wenn das Wetter es erlaubt, auf den Balkon.

Ihre Texte zu lesen macht mich traurig. Verfall zerfrisst Räume. Wahnsinn stört Gedanken. Einsamkeit verfolgt die Figuren. In Feuchte Flecken steht: „Nichts bewegt sich, außer der Uhr. Und selbst die macht es nur aus Langeweile.“ Ihre Geschichten treffen nicht nur mich, erzählt sie. „Das möchte ich irgendwie auch nicht“, sagt Julia. In Zukunft sollen die Inhalte weniger deprimierend sein.

Erfolg, Zweifel, neue Wege

Donnerstagabend, 18 Uhr. Während andere ihr Feierabendbier trinken, steht Julia Regnath mit 40 Menschen in einer Reihe und schmettert antike Tragödien in die Luft. Sie probt jede Woche. An einem Samstag im Herbst begleite ich Julia im Dortmunder Schauspielhaus. Heute beginnt die 2. Spielzeit einer lang erprobten Tragödie. Sie betritt den Raum der Herrenmaske. Auf dem Schminkstuhl sinkt sie zurück. Die Make-Up-Artistin schminkt ihr ein Bühnengesicht. Normalerweise geht Julia in den kleinen Raum der Damenmaske. Doch weil heute eine Kamera dabei ist, geht sie ins Herrenzimmer. Das Make-Up ist schnell fertig. Nach wenigen Minuten gleitet sie in den Proberaum. Der liegt im obersten Stock. Für Julia ein gewohnter Gang. Zehn Minuten später sitzt ihr Kostüm. Dann wartet sie aufs Einsprechen.

Julia Regnath in der Maske. Foto: Lena Liedmann.

Ihr Talent fürs Schauspiel zeigte sich schon in der Schulzeit. Sie glänzte in der Theater-AG. Überlegte sogar, Schauspiel zu studieren. Sie wählte am Ende einen sicheren Beruf. Im Studium wurde Julia Teil des Sprechchors. Und sie blieb hängen. Auch nach dem Umzug von Wuppertal nach Dortmund. „Die haben sich dort sehr über mich gefreut“, sagt sie. „Denn ich sag’s mal so: Der Altersdurchschnitt ist dort eher so 65.“

Julia Regnath zwischen Wellensittichen und Weltliteratur

Am 25. Oktober 2025 läuft im Dortmunder Schauspielhaus Antigone. Julia betritt die Probebühne mit Fotografin und Journalistin im Gefolge. „Es ist ganz komisch, so viel Aufmerksamkeit auf mir zu haben“, sagt sie. Julia schaut ihren Kollegen beim Fertigmachen zu. Dutzende Frauen und Männer schlüpfen in Kostüme. Rennen umher. Wirbeln über Skripte. Während sie auf das Einsprechen wartet, quatscht Julia mit einer Freundin über Wellensittiche.

Dann eröffnet die An-Atmerin die Generalprobe. So heißt die Person, die unauffällig einatmet, damit die Gruppe ihren Einsatz synchronisiert. Julia holt tief Luft. Und dann summt sie. Und brummt. Und bellt. Und hüpft durch die Gegend. Peinlich ist Julia das nicht. Auch aufgeregt ist sie nicht. Sie kennt ja den Ablauf. Beim Vorsagen des Textes konzentriert sich Julia. Auf der Bühne verschmilzt ihre Stimme mit allen anderen.

Julia Regnath im Sprechchor. Fotos: Lena Liedmann.

„Vielleicht ist das ja doch nicht so schlecht, was du hier machst.“

Ich frage sie, ob sie Texte für die Bühne schreiben will. Sie erzählt, dass ihre preisgekrönte Kurzgeschichte Erosion bald auf die Bühne kommen soll. 2024 gewann sie damit den LesArt-Preis. Ein Jahr später den Literaturpreis Ruhr. Absurd, sagt sie. Denn sie schrieb erst seit einem Jahr. Und direkt fließt Preisgeld. Sie hält Lesungen und Interviews. Ein großer Check wird ihr überreicht, wie in Filmen. Zum ersten Mal spürt sie: „Vielleicht ist das ja doch nicht so schlecht, was du hier machst.“

Und trotzdem bleibt dieses Zögern. Erfolg jage ihr fast einen Schauer über den Rücken. Als sie damals vom zweiten Preis erfuhr, war ihr erster Gedanke: „Das muss ein Fehler sein.“ Noch heute arbeitet sie daran, ihr Talent selbst anzuerkennen. Dabei hilft ihr eine Notiz neben der Preisurkunde überm Schreibtisch. Ein Post-It: Ich bin Autorin!

Trotz ihrer Prämien rückt Julia sich nicht in den Vordergrund. Kein Insta-Feed voller Lesungs-Selfies. Kein quirky Profil auf TikTok. Julia hat nichts gegen die Öffentlichkeit. Doch bisher hat sie Social Media genutzt, um sich über Schreibstile zu informieren oder mit Freunden zu chatten. Ihre Texte verschickt sie lieber per E-Mail. Ihr Instagram-Profil trägt nicht ihren Namen. Und Kontakt zu ihr bekommt man bisher nur über Umwege. Doch mittlerweile überlegt sie, ihren Account in ein Schaufenster für ihre Texte zu verwandeln.

Julia Regnaths Literaturpreis häng im silbernen Rahmen an der Wand, direkt darunter ein rosa Post-it mit dem Schriftzug "Ich bin Autorin!".
Die Affirmation klebt gut sichtbar über Regnaths Schreibtisch. Foto: Lena Liedmann.

Julia Regnath schreibt Debütroman

Sich stärker zu zeigen, ist nur eines ihrer nächsten Projekte. Bei der Preisverleihung 2025 verkündet sie, dass ein Debütroman in Arbeit ist. Prompt drückt ihr eine Agentin ihre Karte in die Hand. Fast wie ein Ritterschlag für die Newcomerin aus Dortmund. Der Roman erzählt von einem Paar, das zwischen Schrebergärten und Beziehungsproblemen schwebt. Beide müssen lernen, mit harten Zeiten umzugehen.

Also doch wieder triste Themen? Julia bittet mich später, nicht so viel vom Roman zu schreiben. Die Handlung überhaupt preiszugeben, sei schon ein großer Schritt für sie. Und während sie das Manuskript überarbeitet, denkt sie darüber nach, junge Menschen fürs Schreiben zu begeistern. In einem Literaturhaus, so wie es bei ihr angefangen hat.

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