Was passiert, wenn man die männlich dominierte Eventbranche aufbricht und neu denkt? Wenn man Platz für Menschen schafft, die sich ihn oft hart erkämpfen müssen? Das erste FLINTA*-Festival in Dortmund liefert Antworten. STROBO-Autorin Anna war zu Besuch.
Lesedauer: 4 MinutenAuf der sonst befahrenen Straße an der Dortmunder Hafenkante stehen an diesem Samstag Absperrungen. Zusammen verbinden sich die Kulturorte Kieselwiese, Speicher100 und Maschinerie zu einem verwinkelten Festivalgelände. Am Eingang liegen Pronomen-Sticker und Ohrenstöpsel aus. Wer nicht auf Fotos landen will, bekommt ein pinkes Armband. Der Eintritt ist kostenlos. Ich klebe mir den grünen she/her Sticker sichtbar auf mein T-Shirt und schaue mich erst einmal um: An ein paar Plakatwänden hängen Programm, Awareness-Konzept und Code of Conduct, der Verhaltenskodex, aus. Daneben ein Zettel mit der Botschaft: „Take care of yourself. Take care of each other“. Und irgendwie fühlt es sich direkt auch so an, als ob hier alle ein Stück mehr aufeinander achten.




Zwischen Masterarbeit und FLINTA*-Netzwerk
Die Idee für das Festival kommt von Lisa: „Für mich war das eine ganz neue Vorstellung im Kopf: Wie ist das auf ein Festival zu kommen und es sind nur FLINTA*-Personen auf der Bühne, an den Ständen, und die ganze Struktur dahinter besteht hauptsächlich aus FLINTA*- Personen?“. Diese Vorstellung wird zum Masterarbeitsprojekt für ihr Szenografie und Kommunikationsstudium. Gemeinsam mit ihrer Freundin Jana und einem großen Team von verschiedenen FLINTA*-Personen aus Vereinen und Kollektiven lässt sie das ganze Realität werden.
Das Programm für den Tag verspricht einen Mix aus Musik und Kunst, aus Zuschauen und Mitmachen: Immer wieder sehe ich Menschen mit kunstvollem Make-Up im Gesicht, das sie im Workshop von DJ und Tattoo-Artist @climannax designt haben. Vom Rappen lernen bis zum selbstgestalteten Magazin, von der Tischtennisplatte bis zur Photobooth. Hier können sich alle auf ihre eigene Weise (kreativ) ausleben. Nachmittags sitze ich gemeinsam mit Freund*innen am Tisch und mache mir am Stand der Frauenberatungsstelle Dortmund ein Armband. Aus der Idee von Lisa ist zusammen mit ihrem großen FLINTA*-Netzwerk ein Tag und ein Raum entstanden, der neben Kreativität viel Liebe mit sich trägt.
„Ketten, Grillz und Mädchensachen“
Um 18 Uhr versammelt sich ein Großteil der Festivalbesucher*innen vor der Bühne direkt am Wasser. Darauf performen Katanna und Isi I von Patina Records. In der Abendsonne drehen sie die ruhige Energie vom Nachmittag auf. Während Katanna auf der Bühne springt, lösen sich auch die Besucher*innen und tanzen mit. „Zeigt mal eure Mädchensachen“, fordern die beiden das Publikum auf. In den Händen der Menschen sind Drehzeug, Lippenstifte, Schlüssel und Pfefferspray zu sehen.

Das Pfefferspray wirkt an diesem Tag zeitgleich fehl am Platz und doch irgendwie bezeichnend. Im Vorgang des Festivals wurde vom rechten Lager dazu aufgerufen, dagegen vorzugehen. Lisa, Jana und ihr Team bauen daraufhin ihr Sicherheitskonzept aus. Da der Rechtsruck gerade für queere Menschen sichtbar sei, ist Ihnen ihr Projekt nochmal wichtiger: „Es war uns von Anfang an klar, dass das, was wir machen, ein politischer Akt ist. Kultur muss politisch sein. Und sie ist halt gerade in solchen Zeiten einfach noch politischer“. Mit dem Tag geben sie ein Statement zurück, dass sie sich nicht einschüchtern lassen und, dass Safer Spaces für FLINTA*-Personen stabil bleiben.
We can be nice to each other
Auf dem Festival komme ich mit ein paar der Artists des Blend Bazars ins Gespräch und im Vorbeigehen lächeln mich die meisten Menschen direkt an. Jana und ihr Team wollten an diesem Tag ebenfalls einen Gegenentwurf zum Stress in der Eventbranche liefern: Ein respektvolles und liebes Miteinander. Und meiner Meinung nach, färbt dieses positive Gefühl auch auf die Besucher*innen ab.
Meine Freund*innen und ich suchen uns eine der versteckten Ecken. Dort machen wir es uns mit einer Auswahl an Getränken und Pizza gemütlich, sprechen darüber, wie wohl wir uns an diesem Tag fühlen. Gerade die sauberen Dixis stechen im Vergleich zum bekannten Festivalltag heraus. Der Tag vergeht heute besonders schnell, wie immer, wenn man eine gute Zeit hat.

Am Abend schweben bunte Luftballons durch die Luft, während die Spätsommersonne untergeht. In der Ferne kann man das Dortmunder U leuchten sehen. Vor der mit Blumen und Tüchern geschmückten Bühne tanzen Menschen zu dem Techno-Set des DJ Duos Serving Cunts. Die Stimmung im Flintasialand ist ausgelassen und friedlich. Ein „Festival für Sichtbarkeit und Empowerment von FLINTA*- Künstler*innen“, so die Webseite. Ich finde, das hat es geschafft und hoffe bereits auf eine zweite Ausgabe im nächsten Jahr.
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