Barrierearm und offen für alle – Kostenloses Yoga am Phoenix-See

Michael Polte gibt Yoga-Kurse am Dortmunder Phoenix-See. Fast jeden Mittwochabend, sowie samstag- und sonntagmorgens steht er auf dem Anlieger am Südufer. Die einzigen Voraussetzungen sind gutes Wetter und genügend Teilnehmer. Jede*r ist willkommen.

Lesedauer: 4 Minuten

„Und mit jeder Welle lasse ich mich tiefer in den Sand fallen.“ Eine sanfte, aber klare Stimme erfüllt die Abendluft. Es ist das Ende eines warmen Sommertages. Das Wasser flimmert in der Sonne. Geduldig wiegen die Dünen im Wind. Auf dem weiten Holzsteg breiten sich Yogamatten aus – darauf konzentrierte Menschen, ausgerichtet zum Wasser. In der Mitte steht ein Mann in Sportkleidung, barfuß: Michael Polte. Ingenieur. Kabarettist. Und an diesem Tag: Yoga-Lehrer.

Trotz hochsommerlicher Hitze sind heute 16 Menschen gekommen. Nach einer intensiven HIIT-Session gibt es nun eine Stunde Hatha Yoga zum Ausklang. Matten und Getränke werden selbst mitgebracht. Auf dem weitläufigen Anleger ist genügend Platz für alle. Fokussiert beginnt Polte mit der ersten Asana (Yoga-Position): dem Sonnengruß.

Michael Polte auf dem Steg vom Dortmunder Phoenix-See
Michael Polte leitet die kostenlosen Yoga-Kurse. Foto: Celia Joy Homann.

Zwischen Bühne und Matte

Der erfahrene Personal-Trainer ist schwer zu greifen, im wahrsten Sinne. Zweimal die Woche arbeitet der studierte Architekt- und Bauingenieur in seinem Beruf. Dazwischen steht er auf Bühnen als Kabarettist, schreibt Bücher, reist als Event-Fitnesstrainer um die Welt, oder gibt Sportkurse. HIIT-Einheiten, Bauch-Beine-Po, Boxen, oder wie heute: Yoga.

„Früher habe ich mit Sport Geld verdient. Heute ist das hier alles nur noch zum Spaß“, sagt der gebürtige Dortmunder. Sein Leben wirkt wie ein Wechselspiel zwischen Anspannung und Entspannung, zwischen Showlicht und Seelentiefgang. Die Kurse am See begannen ohne großen Plan. Polte hatte Lust draußen zu unterrichten, in Bewegung zu bleiben. „Ich mag das Gefühl, mit einer Gruppe zu trainieren – die spürbare Energie.“ Was als spontane Idee entstand, wurde zur Konstante.

Bei den Yoga-Übungen haben die Teilnehmenden einen Blick auf die Dortmunder Skyline. Foto: Celia Joy Homann.

„Eine Anlaufstelle für Leute schaffen, die sich keinen Kurs leisten können“

Inzwischen kennt ihn fast jeder am Ufer. Auch die Security, die zu Beginn noch nach Gewerbeschein und Vereinsstatus fragte, grüßt heute freundlich. 

Der Kurs ist bewusst niedrigschwellig. Keine Teilnahmegebühren, keine Zugangshürden. „Ich wollte ursprünglich Kurse für Leute anbieten, die sich kein Studio leisten können. Es kommen viele, aber die meisten davon haben wahrscheinlich doch einen Studioausweis.“ Marginale Gruppen, für die er das Angebot damals auch schuf, erreiche er nicht zwangsläufig.

Warum das so ist, bleibt offen. Sprachbarrieren? Unsicherheiten? Kulturelle Distanz? „Ich dachte, ich erreiche noch mehr Teilnehmende aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen.“ Dabei spricht er mehrere Sprachen und bietet die Kurse auf Nachfrage auch auf Französisch oder Englisch an. Der gebürtige Dortmunder ist flexibel: „Ich hatte hier eine Zeit lang einen Franzosen dabei, für den ich den Kurs auf Französisch gemacht habe.“

Neben Yoga, bietet Polte auch Boxclasses und Fitnesstrainings am Phoenix-See an. Foto: Celia Joy Homann.

Die Teilnehmenden sind vom Alter her bunt gemischt, überwiegend weiblich, eine Hälfte kommt regelmäßig, die andere jede Woche neu. „Es ist ein sehr heterogener Mix von alt und jung, von Einsteiger bis passionierter Sportler ist alles dabei“, sagt Michael Polte.

„Beim Yoga rückt alles andere für einen Moment in den Hintergrund“

Die Hinwendung zum Yoga war kein Zufall. Nach jahrelangem exzessivem Training konnte er keine mehr 300 Meter mehr am Stück laufen – Knie kaputt. „Ich dachte, ich bin zu jung, um keinen Sport mehr treiben zu können und habe mein Training komplett umgestellt. So konnt‘s nicht weitergehen“, erinnert er sich.

Yoga war Teil seiner Ausbildung zum Personal- und Fitnesstrainer. Durch die Kurse wurde die Lehre zur regelmäßigen Praxis, dessen Faszination weit über die körperliche Wirkung hinausgehe: „Sobald wir beginnen, bin ich im Flow. Und dann rückt alles andere in den Hintergrund. Ärger, Stress, Arbeit. Ich weiß, dass das passiert. Und das macht es so wertvoll“, beschreibt Michael Polte seine Passion.

Matte, Handtuch und Getränk: Für Michael Poltes Yoga-Kurse braucht es nicht viel. Foto: Celia Joy Homann.

An manchen Tagen kommen bis zu 50 Menschen auf den Holzsteg. „Dann stehen die ersten bereits im Schilf. Mehr gibt meine Stimme auch nicht mehr her“. Und dennoch habe er bisher jeden Teilnehmenden unterbekommen. In diesen Momenten zeigt sich, was der Kurs wirklich ist: keine perfekte Yoga-Inszenierung, sondern ein gelebter, offener Raum für alle.

Ausklang in der Entspannung 

Und auf der anderen Seite sehe ich die rotglühende Sonne im Meer versinken.“ Die sanfte, aber klare Stimme findet ihren Schlussakkord in einer zehnminütigen Tiefenentspannung. Keine Musik , keine Bewegung. Nur das Wasser, das glitzert, und Menschen, die in dieser kurzen Auszeit ganz bei sich sind.

Michael Polte hat ein Angebot mit Tiefe geschaffen. Nicht, weil es laut dafür wirbt, sondern weil es Woche für Woche, Matte für Matte, Menschen zu sich selbst führt.

Bock auf mehr STROBO? Lest hier: Entschleunigung in der Deutschen Bahn – Ein Selbstversuch

Mein Bild