Mit Die gelbe Tapete am Schauspielhaus Bochum feiert Leonie Mevissen ihr Regiedebüt. Im Gespräch mit STROBO erzählt die Newcomerin, was ihr in ihrer Regiearbeit besonders wichtig ist und wie sie ihren Platz im Theaterbetrieb findet.
Lesedauer: 6 MinutenEin eigenes Theaterstück als Regisseurin zu entwickeln, klingt nach einem wahr gewordenen Traum. Dass die künstlerische Arbeit eine Vollzeitbeschäftigung werden könnte, steht für Leonie Mevissen anfangs aber nicht im Raum. „Ich wusste zwar, dass es geht, künstlerische Berufe zu verfolgen. Aber mir war klar, das ist für mich keine Option. Das war nur etwas, was andere machen.“ Die ersten Schritte ins Theater wagt Leonie während dem Studium.
Im Germanistik- und Anglistik/Amerikanistik-Studium bietet sich die Möglichkeit, selbst Theater zu machen und zu konzipieren. „Man startet mit einer Idee, überlegt dann, wie man sie vermitteln kann und sucht sich Leute, die das Projekt fördern.“ So einfach, wie das klingt, ist es in Wahrheit natürlich nicht. In diesen eigens kuratierten Projekten steckt viel Arbeit, Herzblut und auch die Suche nach dem richtigen Weg. Aber es trifft den Kern von dem, wie Leonie ihre Kreativität lebt: Sie nutzt die Ressourcen, die es schon gibt, um ihre Vision auszuprobieren. In den Räumen der Ruhr-Uni entwickelt sie 2019 das mehrsprachige Theaterprojekt Öthello, das sie gemeinsam mit Kommiliton*innen umsetzt.

Sowas machen doch nur andere?!
Am Schauspielhaus Bochum beginnt sie im gleichen Jahr. Eine Dozentin empfiehlt ihr eine Stelle für die Übersetzungen und Übertitel. „Die sagte zu mir ‚Du findest Theater doch so toll. Mach das mal!‘“ Zeitgleich macht Leonie bei der Produktion Iwanow unter Johan Simons ihre erste Regiehospitanz und bekommt danach eine Gastassistenz für Baroque von Lies Pauwels in der Spielzeit 2021/22 angeboten, die sie annimmt. „Dann hab ich mich gefragt, wie soll es jetzt weitergehen?“
mehr zu den Jobbezeichnungen
Regiehospitanzen sind unbezahlte Praktika am Theater, die ein erstes Kennenlernen des Theater- und Regiebetriebs ermöglichen. Gastassistenzen werden nur projektbezogen engagiert, während Regieassistenzen fest am Theater engagiert sind und für die jeweiligen Produktionen eingeplant werden.
Leonie geht überlegt an die Sache ran, sie hat gerne einen Plan. Klar ist, sie will ihr Masterstudium auf jeden Fall abschließen – als Absicherung. Trotzdem weiß sie, Theater und eigene künstlerische Arbeiten sind eben genau jetzt das Richtige.
Seit der Spielzeit 2024/25 ist sie fest im Schauspielhaus Bochum als Regieassistentin engagiert. Alle acht Produktionen, an denen Leonie bis jetzt als Regieassistenz mitgewirkt hat, leben von den verschiedenen Professionen, die am Theater auf und hinter der Bühne beteiligt sind. Als Regieassistentin kann Leonie mit kleinen Impulsen die Produktionen beeinflussen. „Diese Möglichkeit liebe ich und das macht mir einfach Spaß!“


Von der Assistenz zum Regiedebüt
Bei ihren vielfältigen Assistenzen merkt sie schnell, was ihr beim Regie führen wichtig ist: „Ich schätze die Zusammenarbeit sehr. Ich möchte, dass alle Beteiligten das Gefühl haben, etwas von sich in die Produktion einbringen zu können. Richtig spannend finde ich, was andere aus meinen Ideen machen. Ich glaube an das Zusammensetzen von Ideen.“
Die gelbe Tapete nach dem Roman von Charlotte Perkins Gilman umzusetzen, schwirrte ihr schon länger im Kopf: „Ich finde, der Text hat eine total theatrale Qualität und ich mag die Direktheit daran“. Das Oval Office, die kleinste Spielstätte des Schauspielhaus Bochums, ist für Leonie mehr als passend: „Der Text wird von dem Raum in seiner Enge und Beklommenheit unterstützt. Das arbeitet gut zusammen.“


Getragen von diesen ersten Ideen geht sie mit den ersten Mitarbeitenden von Bühne und Kostüm und Schauspielerin Abenaa in Kontakt: „Ich bin da sehr offen rangegangen, habe meine Ideen vorgestellt und dann kamen sie mit ihren Ideen dazu. Daraus haben wir dann eine gemeinsame Linie entwickelt.“
„Regie heißt für mich: Ideen zusammenführen“
„Ich würde sagen, das ist momentan so ein sweet spot. Wir können hier etwas Tolles gestalten, aber es ist noch ein bisschen under the radar. Das ist gerade ganz schön!“ Wichtig in ihrer Regiearbeit sind Mevissen gemeinsames Arbeiten und Zusammenhalt untereinander. „Gleichzeitig brauche ich auch eine gewisse Ruhe und Klarheit. Man muss Sachen in Relation setzen können. Es tut gut, ehrlich zu sein, um ein Stück zu navigieren.“
Das erste Mal die Person zu sein, auf die sich alle verlassen und an die alle ihre Fragen richten, war neu für Leonie. Sie sieht es als Möglichkeit, daran zu wachsen. Vor allem auch unangenehme Momente auszuhalten und weiterzumachen: „Klar ist es ein bisschen unangenehm, wenn man sagen muss, ‚Moment Leute, ich brauche kurz Zeit, weil ich mir damit gerade nicht sicher bin‘ und es ist auch unangenehm zu merken, dass das, was man sich überlegt hat, gerade nicht funktioniert. Aber mit jedem Mal wird es leichter und man merkt, da ist nichts Gefährliches dran, man kann damit umgehen.“ Aus diesen Erfahrungen zieht Leonie Kraft, weil sie immer wieder lernt, sich auf sich selbst verlassen zu können.
Assoziationsräume öffnen
Die Stückentwicklung auf einer kleinen Bühne wie der des Oval Office birgt begrenzte Möglichkeiten und Ressourcen. Darin liegt für Leonie aber gerade auch die Kraft, als kleines Team innig zusammenzuarbeiten: „Das war definitiv sehr Interessant und wir alle haben das Gefühl, ganz viel für uns dabei gelernt zu haben.“

Gerade in der Regieposition ist es Leonie wichtig, Dinge aus der Hand geben zu können: „Man kann nicht alles beeinflussen. Es ist ein erster Versuch und ich bin gespannt, was das bei den Leuten auslöst. Darin liegt ja die Qualität: Man gibt etwas raus und dann schaut man, was das für Assoziationsräume aufmacht.“ Das Bühnenbild von Die gelbe Tapete besteht aus vielen Spiegeln, die jeder Person eine einzigartige Perspektive auf das Bühnengeschehen ermöglichen.
„Ich brauche Theater nicht, um glücklich zu sein“
Was genau ihr weiterer Weg für sie bereithält, ist für Leonie noch nicht gesetzt: „Klar hoffe ich auch nochmal die Gelegenheit zu bekommen, hier in Bochum etwas zu inszenieren.“ Die Stelle als Regieassistenz wird sie auch in der kommenden Spielzeit 2026/27 weiterführen. Erstmal geht es also darum, ihren Weg weiterzugehen: „Man wächst ja auch Schritt für Schritt da rein. Man ist ja nicht auf einmal Regisseur*in“. Ob sie auf dem richtigen Weg ist, erkennt sie daran, ob sie die Arbeit wie bisher spannend findet und ob sie sich dabei gut aufgehoben fühlt.
Dazu gehört für Leonie aber auch, dass sie Theater nicht braucht, um glücklich zu sein. Dadurch erlebt sie die Freiheit, immer wieder in Frage zu stellen zu können, ob sie das wirklich will. „Ich möchte Theater so lange machen, wie es aufregend ist, und ich immer noch vor jeder Produktion ein bisschen Angst habe. Das ist gut, denn es hält mich konzentriert und ich weiß, dass ich daran wachse.“

Wie Leonie aus einer tiefen Begeisterung ihren eigenen Weg gestaltet
Gerade im Theater wird häufig auf das Ende einer Produktion hingefiebert – auf die Premiere. und damit auf das Ergebnis eines Prozesses. Mitgenommen auf dem Weg ihres Regiedebüts hat Leonie vor allem die Erkenntnis, wie wichtig es ist, den Prozess mitzudenken und nicht nur das Ergebnis. Gedanken daran, dass ein Stück funktionieren muss, die Besucherzahlen stimmen und es vielen Leuten gefällt, sind zwar auch Teil davon. Aber umso wichtiger für ihre eigene kreative Arbeit ist es, Ambivalenzen auszuhalten und zu überlegen, unter welchen Bedingungen sie kreativ arbeiten möchte. „Wollen wir mit dieser Skala von Messbarkeit arbeiten oder gehört nicht vielmehr dazu, dass wir unsere Arbeitsweise selbst gestalten dürfen und in diesen Räumen unsere Ideale umsetzen? Diese Erfahrung jetzt hat mir gezeigt, dass es geht und dass es immer einen Versuch wert ist und auch der Weg dahin schon ganz viel bewirken kann. Und ich glaube, dass man das auch am Ende im Ergebnis spüren kann.“
Ihr Debüt Die gelbe Tapete hat Leonie nun einige Zeit lang intensiv in ihrem täglichen Leben begleitet. „Wir haben das große Privileg, Theater zu machen. Und ich glaube, dass wir das jetzt für Die gelbe Tapete echt schön zusammen umgesetzt haben!“ Jetzt, nach der Premiere, geht es ums Loslassen, aber auch darum, schon wieder von anderen Projekten für die Zukunft zu träumen.
Bock auf mehr STROBO? Lest hier: Diese Events dürft ihr im Juli nicht verpassen

