Zwischen Bühne, Hockeykabine und Hörsaal: Sängerin Mia Marissa im Porträt

Sie spielt Hockey in der Bundesliga, studiert Psychologie und macht Musik. Mit 19 unterschreibt Mia Marissa nach ihrem ersten Release einen Vertrag. Trotzdem setzt sie nicht alles auf die Musik. Ein Porträt über ein Leben zwischen drei Welten.

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Mia kramt in ihrer Tasche nach ihrem Schlüssel. Klimpernd fischt sie ihn schließlich aus der grauen Jogginghose. Wir betreten die Umkleide des Deutschen Sportklubs Düsseldorf. Es riecht ein wenig nach Abfluss. „Aber das ist eigentlich immer so“, sagt Mia. Zwischen den roten Spinden des Düsseldorfer Bundesligisten setzt sie sich auf eine der schmalen Bänke, die Tasche neben den Füßen. Hier zieht sie sich sonst um, hier dreht sie manchmal TikToks, hier bündeln sich alle Emotionen von Wut bis Freude. Heute erzählt sie. Von Musik. Von Entscheidungen, die schneller kamen, als sie gedacht hatte.

Ihre Single „Limoncello“ ist mit 47.000 Klicks Mia Marissas meistgehörter Song. Foto: David Peters.

2023 lädt sie ihren ersten Song hoch. „Limoncello“. Ohne großen Plan, ohne Release Strategie. Kurz danach meldet sich ein Label per Instagram. Ob sie sich eine Zusammenarbeit vorstellen könne? Mia fährt alleine nach Berlin. Sie ist 19, unterschreibt einen Vertrag über drei Jahre, zwei weitere als Option. Zurück in ihrer Heimat Dinslaken weiß sie: Ab jetzt wird sie sich öfter entscheiden müssen.

Mia Marissa ist sowohl ihr richtiger Name als auch ihr Künstlername. Marissa, ihren Zweitname, lässt sie lange weg. Ihr Bruder benutzt ihn trotzdem. Irgendwann bleibt er hängen. Auf TikTok und Instagram ist sie Mia Marissa, auf der Bühne ebenfalls. Auf dem Hockeytrikot in der Bundesliga steht dagegen nur ihr Nachname: Rossa. Nummer 24.

Kurz vor dem Spiel

Eine Minute Zeit, um so viele Pässe wie möglich zu schaffen. Es ist die letzte Trainingseinheit vor einem wichtigen Spiel am Sonntag. Der Ball geht schnell hin und her, fast hektisch, von Schläger zu Schläger. Noch 15 Sekunden. „Stopp“, ruft der Trainer. Die Spielerinnen halten die Bälle an. Er geht von Team zu Team. Alle nennen ihre Anzahl an Pässen. 56. Mia jubelt, ihre Partnerin auch. Sie gewinnen. Später sagt sie: „Viele unterschätzen meinen sportlichen Ehrgeiz. Auf dem Feld ist alles dabei, von Schreien bis Weinen.“

Feldhockey begleitet sie, seit sie denken kann. Angefangen beim TV Jahn Hiesfeld. Mittlerweile Bundesliga beim Deutschen Sportklub Düsseldorf. Die Musik läuft immer mit, aber sie bleibt lange im Hintergrund. Erst später verschiebt sich etwas.

Beim Hockey spielt Mia Marissa im Sturm. Foto: David Peters.

Mitten in Corona, mit 16 Jahren, im Kellerstudio von ihrem Kumpel Tim, besser bekannt unter OTPendia. Anfangs habe es sie viel Überwindung gekostet zu singen, aber ihre Freunde gaben ihr den kleinen Schubser, den sie brauchte. Heute gibt es das Kellerstudio in der Form nicht mehr. Alles ist ein wenig professioneller geworden. Denn nicht nur Mia hat Erfolg als Sängerin, auch die Jungs von OTPendia holen Hörer*innen mit ihrem Ruhrpott-Flair ab.

Anstelle des Kellerstudios dient nun die alte Zeche in Dinslaken als Aufnahmeort, selbst renoviert und als Studio umgestaltet. „Das Gefühl, einen fertigen Song zu haben, ist einfach Hammer. Es ist wie dein eigenes kleines Baby“, sagt sie über den Prozess des Musikmachens.

Was Mia Marissa veröffentlicht und was nicht

Ihre Musik will sie nicht fest verorten. Kein Genre, kein klarer Rahmen. In ihren Songs singt Mia von all dem, was sie umgibt und bewegt. Häufig über popkulturelle Themen, aber auch über Freundschaft, Liebe, Lebenseinstellungen. Zwischen Leichtigkeit und Melancholie liegt dabei oft nur eine Zeile.

Mittlerweile wohnt Mia zwar in Düsseldorf, aber der starke Bezug zum Ruhrpott ist geblieben und taucht auch immer wieder in Songs auf. „Ausm Pott“ gehört zu den Tracks, die viele kennen. Als sie davon erzählt, lehnt sie sich zurück. Es freut sie, dass ausgerechnet der Song, der sie so stark repräsentiert, so gut angekommen ist. „Du kriegst das Girl aus dem Pott und mich dann nicht aus dem Kopf“, lautet die Zeilen der einprägsamen Melodie des Refrains. Auch einer ihrer neusten Songs „Kleinlaut“ greift den Ruhrpott Flair auf: „Big city dreams direkt aus dem Pott.“

Die letzten beiden Releases zeigen eine andere Seite. Eher privat, eher emotional. Sie spricht darüber, dass es Überwindung kostet, Dinge preiszugeben, und darüber, dass nicht alles gesagt werden muss. Sie nimmt einige Songs auf und schreibt Texte. Dann verschwinden sie auf ihrem Handy. „Diese ganz privaten, unveröffentlichten Songs laufen bei mir öfter als die veröffentlichten“, sagt Mia. Ihre eigene Musik hört sie sonst kaum. „Es ist irgendwie unangenehm, die eigene Stimme zu hören, genau wie bei Sprachnachrichten.“

Ganz Privates darf privat bleiben. Einblicke in ihren Alltag gibt sie trotzdem gerne: Get-ready-with-me fürs Training, Spielvlogs, Challenges, Lipsyncs zu ihrer Musik. All das findet man täglich unter dem Namen Mia.Marissa auf TikTok. Mehr als 12.000 Menschen schauen zu. „Irgendwie so reingerutscht“, sei sie da zusammen mit ihrer besten Freundin. Videos habe sie aber schon immer gerne gedreht.

Kurz vor der Bühne

Was sie schätzt, ist Austausch. Sozialer Kontakt. Online, offline, aber vor allem live. Bei ihrem ersten Auftritt 2023 trägt sie eine Sonnenbrille, um die Leute weniger zu sehen, weil sie so nervös ist. Nach diesem Auftritt folgen fünf weitere. Ob sie vor einem wichtigen Spiel oder einem Auftritt nervöser ist, kann sie nicht so richtig sagen. „Wenn ich beim Hockey den ersten Pass spiele oder auf der Bühne den ersten Ton treffe, dann verfliegt alles von selbst.“ Mittlerweile erkennt sie Gesichter im Publikum. Menschen, die wiederkommen, die sie mit Namen kennt. „Ich mag das, wenn Leute wegen meiner Musik kommen“, sagt sie. „Nicht wegen irgendeinem Hype.“

Neben Bühne und Bundesliga sitzt sie im Hörsaal. Psychologie. Früher in der Schule interessiert sie sich für Pädagogik, heute für Therapieformen. Kindertraumatherapie zum Beispiel. Musik, Hockey, Studium – Dreifachbelastung. Manchmal verzweifele sie daran. Ihre Mutter sagt, wer alles macht, macht nichts richtig. Mia meint, damit habe sie irgendwo recht.

Hannah Montana nur aus dem Pott? Mia Marissa lebt verschiedenste Leben. Foto: David Peters.

Aufgeben will sie trotzdem nichts. Das Studium bleibt ihre Zukunft. Zwischen Hockey und Musik entscheidet sie sich nicht. Hockey war schon immer ihr Anker, Musik die Leidenschaft, die dazugekommen ist. Beim Hockey lässt sie Frust raus. Verarbeitet Wut. Schaltet den Kopf aus. In der Musik geht sie in die Emotionen. Verarbeitet Trauer, Freude. Denkt nach. Beides sind Ventile.

Für die Zukunft wünscht sie sich keine schnellen Zahlen, keine Schubladen. Lieber eine coole Fanbase. „Die Leute sollen meine Musik für mich hören, weil sie mich und das, was ich mache, feiern“, sagt Mia. „Ich mache keine Songs, um der Branche zu gefallen oder irgendwo reinzupassen.“

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