Zwischen Fotografie und Gedicht: Natalie Czech zeigt im Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr eine Ausstellung, die das Lesen selbst zur ästhetischen Erfahrung macht. Mit einfachen Gesten legt die Künstlerin Unsichtbares offen. STROBO-Autorin Anastasia liest zwischen den Zeilen und findet heraus, warum Lesen ein Akt des Widerstands ist.
Lesedauer: 6 MinutenIch habe es kaum ein paar Schritte in die Sammlung geschafft, als mir ein Mitarbeiter nacheilt, um von der Führung zu Natalie Czechs Ausstellung zu schwärmen. Es sei für ihn eine Offenbarung gewesen, einen Zugang zu den Werken zu finden. Seine Lieblingsarbeit sei die Pink Floyd Platte. Mit wärmsten Empfehlungen werde ich hochgeschickt, um es mit meinen eigenen Augen zu erleben. Natalies Arbeiten befinden sich ganz oben, verteilt auf zwei riesige Räume. Doch schon im Treppenhaus stoße ich auf die ersten Arbeiten: unleserliche Lyrics auf einer 80er Grafik und zwölf Notizzettel mit Variationen desselben Textes.

Natalie Czech nutzt das Prinzip des vergleichenden Sehens. Es geht dabei um ein System, welches vielleicht erst in der Wiederholung etwas Unsichtbares offenlegt. Nur, dass sie nicht mehrere Fotografien nebeneinander stellt, sondern Text und Bild. Es wäre treffender, bei Natalie Czechs Ausstellung von einem „vergleichenden Lesen“ zu sprechen. Schon der Titel „every window thinks of itself as being an opening“ verrät, dass es um die Spannung von begrenzter Offenheit geht. Er verrät außerdem, dass die Sprache über das Bild hinausgehen kann und auf etwas zeigt, das vielleicht nicht sichtbar ist. Wie bei ihrem Lehrer, Thomas Ruff und dessen Lehrern, den Bechers, entsteht die Bedeutung hier nicht im einzelnen Werk, sondern in der Wiederholung.
Die Bechers, Ruff und das Foto als Methode
Spätestens seit den 1970er Jahren wird das Foto nicht bloß als Abbild verstanden, sondern als Methode. Dafür verantwortlich sind vor allem Bernd und Hilla Becher. Sie haben es als ihre Lebensaufgabe verstanden, Fachwerkhäuser und Industriebauten fotografisch zu archivieren. Unter dem Titel „Anonyme Skulpturen“ wuchs die Sammlung des Künstlerpaars. Mit frontalen Schwarz-Weiß Aufnahmen etablierten die Bechers einen nüchternen, typologischen Blick. Der sogenannte sachliche Stil erlaubte eine Ordnung und Vergleichbarkeit zwischen einer Reihe an Fotografien.
Bernd Becher wurde 1976 erstmals Professor für Fotografie in Düsseldorf. Zusammen mit seiner Frau etablierten sie das „vergleichende Sehen“ und erhoben die Düsseldorfer Fotoschule zu internationaler Bekanntheit. Mit neuen technologischen Möglichkeiten hat Ruff das konzeptuelle Feld der Fotografie erweitert: Raster, Serien, digitale Bearbeitung und die Infragestellung von Authentizität – immer mit einem vergleichenden Blick. Auch wenn die Motive und Techniken sich verändert haben, der vergleichende Blick zählt auch hier.
Poesie & Fotografie – keine Hierarchie, please
Eine Reihe ihrer Arbeiten trägt den Titel „poems by repitition“. Doch was wiederholt sich? Auf den ersten Blick bin ich davon ausgegangen, dass Fotografie hier digital bearbeitet wurde, um vom selben Exemplar eines Pink Floyd Plattencovers verschiedene Textstellen hervorzuheben. Doch beim genaueren Hinsehen erkenne ich drei unterschiedliche Gebrauchsspuren auf den drei Fotos. Und auch der Text auf dem Album ist nicht digital bearbeitet, sondern handschriftlich übermalt. Natalie erzählt im Interview, dass sie immer auf der Suche nach bestimmten Exemplaren eines Albums sei und diese dann mehrfach besäße.
Das Prince Album “Purple Rain“ hätte beispielsweise nur in der kanadischen und jugoslawischen Version im Inner Sleeve Lyrics im Regen stehen. Auf der deutschen Version der Patti Smith Platte “Frederick”, sagt Natalie, gebe es gar keine Lyrics auf der Rückseite. Auch als ich vor den zwei Fotos des Albums “Frederick” stehe, wirken diese auf mich identisch. Bis ich merke, dass der rechte Rahmen oben wenige Zentimeter kürzer ist. Dann merke ich, rechts etwas mehr von der Lyrics überdeckt sind. Bis ich schließlich den Text vergleiche und sehe, dass rechts ganz andere Buchstaben übermalt wurden als im linken Exemplar.
Czechs handschriftliche Markierungen zeigen, dass in den Lyrics von Patti Smith ein Gedicht von Gregory Corso zu finden ist. Vielleicht zeigt es aber vor allem, dass Natalie Czech nach einem Text im Text gesucht hat. Mit ihren Aussparungen zeigt sie uns, wie wir lesen können, um auch das zu sehen, was sie gesehen hat. Ihren Leseprozess hat Czech dann fotografisch festgehalten. Oder anders gesagt: Ihr Lesen wird zur sichtbaren Handlung.
Lesen als Widerstand
Und genau hier beginnt ein leiser Widerstand. Ich ertappe mich dabei, wie ich denke: Ich will gar nicht lesen, was hier steht. Ich will lesen, was ich lesen möchte. Doch das Werk zwingt mich zur Aufmerksamkeit. Der visuelle Eingriff in den Text erschwert ein Überfliegen. Entweder ich ignoriere konzentriert die Übermalungen, oder ich folge der gelegten Spur. Genau da greifen auch Natalies Markierungen. Sie widersetzt sich der Begrenzung des vorhandenen Materials, der Text, der schon entschieden hat, was er sagt. Sie öffnet ein Fenster und plötzlich ist viel mehr zu sehen.
So grüßt direkt zu Beginn der Einzelausstellung eine Arbeit, die aus 12 gerahmten Notizzetteln besteht. Es handelt sich hierbei um einen Tagebucheintrag des 1931 denunzierten „antisowjetischen“ Dichters Daniil Charms. Darin schrieb er 1937: “TODAY I WROTE NOTHING. DOESN’T MATTER. JANUARY 9th”. Natalie Czech zeigt in 12 Variationen, wie diese wenigen Zeilen durch Auslassung einiger Worte in eine Vielzahl neuer Lesarten abgewandelt werden können: “I WROTE. DOESN’T MATTER. JANUARY 9th.” oder “TODAY MATTER. JANUARY 9th”.

Ich mache mir Gedanken über die Autor*innenschaft. Wenn Daniil Charms die Grundlage geboten hat und Natalie Czech mit Rekombinationen neue Bedeutung schafft, wer hat dann eigentlich den Text geschrieben? Ist das schon eine Kollaboration? Ist das, was die Musik mit Sampling und Remixen schon lange beherrscht, auch in der Fotografie mit Gedichten möglich?
Natalie erwähnt, dass sie an der Poesie schätzt, dass sie immer wieder neu gelesen und erfahren werden kann. Besonders, weil ein Gedicht keine klare Aussage hat und kein Bild benötigt. Diese Arbeit, sagt Natalie, sei der Ausgangspunkt für ihre Frage gewesen: Wie kann ich Poesie und Fotografie zusammenführen, ohne dass ein Medium dem anderen schadet? In dieser Ausstellung zeigt sich, eine Fotografie besteht aus vielen Autor*innen: die Dichter*innen, die Grafikdesigner*innen, und natürlich Czech selbst, die alles neu rahmt. Autor*innenschaft ist hier kein Solo, sondern ein Chor.

Wo ist Natalie?
Normalerweise ist eine Einzelausstellung dezidiert einer künstlerischen Position gewidmet. Die Malereien haben dann oft alle einen ähnlichen Strich, die Skulpturen eine ähnliche Form, dann ist es leicht, der Kunst einen Menschen zuzuordnen und dem Menschen einen Stil vorzuwerfen. Bei dieser Ausstellung fällt es mir nicht so leicht. Hier arbeitet jemand mit Texten, die andere Leute bereits geschrieben haben, Texte, welche Natalie teilweise in Auftrag gegeben hatte, Gedichte und Popkultur, auf die sie nur verweist. Ich fragte mich: Wo ist Natalie? Also fragte ich auch Natalie: “Wo bist Du?”
Natalie Czech liest. Wahrscheinlich ziemlich viel. Sie schreibt Gedichte nieder. Ihr Interesse am Text scheint weniger aus dem Bedürfnis nach Selbstausdruck zu kommen, sondern aus Neugier. Sie sucht nach Spuren, nach Systemen, nach Sätzen, die sie rahmen kann. Ihre Stimme ist subjektiv, aber nicht autobiografisch. Sie organisiert die Begegnungen zwischen Bild und Sprache und bleibt selbst als Spur dazwischen. Sie formuliert nicht selbst, und doch versteckt sie sich nicht. Ihren Markierungen auf der Spur zu sein zeigt: Lesen heißt auch Umschreiben. Und Sehen heißt oft erst Suchen.
Letzte Worte
Wenn man Kunst will, die sich in einem Satz erklären lässt, ist man hier falsch. Wenn man Lust hat, sich zwischen Bild und Sprache treiben zu lassen, Spuren auszuhalten und Autor*innenschaft neu zu denken, dann ist diese Ausstellung ein guter Grund, nach Mülheim zu fahren – „every window thinks of itself as being an opening“ läuft noch bis zum 12. April 2026.
Wo findet ihr also Natalie Czech? Ja, in Suchmaschinen taucht sie auf. Aber ihr analoges Suchen, dass uns zum Mitlesen und zum Neuentdecken einlädt, das gibt es nur vor Ort. In den Plattencovern und Gedichten, die sie auswählt, zwischen den Zeilen taucht sie auf. Um das zu Sehen, reicht kein schweifender Blick. Natalie Czech arbeitet gegen das Gefühl, ohnehin schon alles gesehen zu haben. Und vielleicht ist genau das die radikalste Geste: sich Zeit zu nehmen.
Dieser Beitrag entstand im Rahmen einer Medienpartnerschaft mit dem Kunstmuseum Mülheim. Das Kunstmuseum Mülheim hat keinen redaktionellen Einfluss auf den Beitrag.
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