Gegründet zur letzten Europawahl und inspiriert vom ersten Wahlrecht ab 16, macht die Initiative Ruhrpott für Europa (RfE) seitdem Politik für junge Menschen im Ruhrgebiet erlebbar. Im STROBO Interview sprechen Gründer Milad Tabesch und Head of Communications Selvican Sahin über ihre bisherigen Meilensteine, warum ihr Engagement gerade für junge Menschen so wichtig ist – und den Launch ihres neuen Magazins „Junge Ruhrpott Agenda“ kurz vor der Kommunalwahl.
Das alles machen sie mit hunderten Workshops an Schulen, einem erfolgreichen Podcast (Auf einen Çay mit…), Auszeichnungen und zuletzt einer Einladung zum Austausch mit dem Chef des Bundeskanzleramts. Und das immer mit einem klaren Antrieb: Junge Stimmen aus dem Ruhrgebiet sichtbar machen.
STROBO: Wer macht euch nervöser – eine Schulklasse oder der Chef des Bundeskanzleramts?
Milad: Ich hatte einmal am Europatag einen Termin vor 300 Schüler*innen der 10.-12. Klasse, also das war richtig spicy. Aber, Termine mit dem Chef des Bundeskanzleramts machen mich dann doch nervöser.
STROBO: Wer steht in eurer neuen „Junge Ruhrpott Agenda“ im Fokus?
Milad: Die Perspektive von Erstwähler*innen zwischen 16 und 20 Jahren, die zum Teil gedenken, zur Wahl zu gehen und zum Teil auch noch grübeln, warum sie dann zur Kommunalwahl gehen oder nicht gehen sollen. Es ist auch eine Perspektive einer jungen Stimme dabei, die nicht wahlberechtigt ist, weil ihre Perspektive ebenfalls wichtig ist.

STROBO: Wieso möchtet ihr genau diese junge Gruppe über die Kommunalwahlen aufklären?
Milad: Ich glaube, es war mein Klassenlehrer, der mal gesagt hat: „Der Stuhl auf dem du sitzt, ist Kommunalpolitik.“ Klar, Ausstattung, Gebäude und Toiletten von Schulen oder ÖPNV – die Themen junger Menschen sind Kommunalpolitik und werden nicht auf Landes- oder Bundesebene entschieden.
STROBO: Warum ist das Ruhrgebiet der perfekte Ort für eure Initiative?
Selvican: Als wir mit RfE angefangen haben, hat mir das voll das Gefühl von Ruhrpott gegeben. Für mich war Politik immer nicht fern, ich war immer politisch engagiert, aber es war immer so Politik gleich Berlin oder gleich Vereinte Nationen. Durch RfE kam eine erste Community-Verbindung von Zuhause und auch hier können wir halt viel bewirken, indem wir eben in Klassen gehen und Inhalte weitergeben. Aber eben auch durch unsere Öffentlichkeitsarbeit, wo wir nicht nur lustige Reels posten, sondern auch Stimmen aus dem Ruhrgebiet porträtieren.
STROBO: Und wie würdet ihr das Ruhrgebiet in einem Satz beschreiben?
Milad: Concrete jungle where dreams are made of.


STROBO: Was macht RfE für junge Menschen besonders?
Milad: Wir haben den Anspruch, Anwalt für junge Menschen im Ruhrgebiet zu sein und zwar für ihre politischen Belange und Sichtweisen. Überparteiliche Interessen von jungen Menschen im Ruhrgebiet müssen lautstark adressiert werden in Richtung Politik. Nicht nur, weil wir irgendwie schlecht gehört werden, sondern weil wir in ganz Deutschland als junge Generation eine krasse Minderheit sind. Plus, wir sind so eine Community, die total bunt zusammengewürfelt ist und irgendwie das Gefühl hat, dass wir so ein bisschen zwischen den Stühlen stehen.
STROBO: Ihr seid damals mit Ruhrpott für Europa vor der Europawahl 2024 gestartet, aktuell liegt euer Fokus auf den Kommunalwahlen im September 2025. Wie passt das „Europa“ in eurem Namen heute noch ins Konzept?
Milad: Weil es europäische Herausforderungen und Gefahren sind, mit denen wir konfrontiert sind – Rechtsruck, Leistbarkeit des Lebens, Krieg und Frieden, soziale Gerechtigkeit, Bildung und das Märchen der „gleichen Chancen ab Geburt“. Deswegen heißen wir weiterhin Ruhrpott für Europa, weil der Pott mit Kohle und Stahl wegweisend für die europäische Einigung war. Wir sind die europäischste und vielfältigste Region Deutschlands. Europas Motto United in Diversity ist hier gelebte Realität. Also, let’s be european im Ruhrgebiet.
STROBO: Am 27. August ist der Launch eures Magazins „Junge Ruhrpott Agenda zur Kommunalwahl“. Wenn ihr euch eine Person aussuchen dürft, die diese Agenda unbedingt lesen sollte, wer wäre das?
Milad: Der 16-jährige Milad, mein früheres Ich. Die junge Person, die zuhause Fragen, die in ihm schlummern, nicht am Esstisch besprechen kann, weil es andere Themen und Sorgen gibt. Aber es kribbelt in einem und man hat mega Lust, mitzuwirken. Man fragt sich, wie es dazu kommt, dass der Stadtrat oder Oberbürgermeister so heißt, wie er heißt, warum die Welt so funktioniert oder nicht funktioniert. Diese Fragen müssen beantwortet werden. Deshalb ist es gut, wenn Menschen in diesem Alter eine Agenda sehen, viele Porträts beispielhafter Menschen finden und sich darin hoffentlich wiedererkennen.
„Let’s Talk about Kommunalwahl, Habibi“: Veranstaltung mit Agenda Launch
Die „Junge Ruhrpott Agenda“ wird am 27. August im PACT Zollverein Essen vorgestellt. Zu Gast sind u. a. der Rapper Dein Couseng, das Rap-Kollektiv PATINA RECORDS und der Wissenschaftler Narku Laing.
Du möchtest beim Launch dabei sein? Dann melde dich hier kostenlos an. Personen zwischen 16 bis 25 Jahren werden bei den begrenzten Plätzen bevorzugt.
STROBO: Was war bislang bei der Entwicklung von RfE die größte Überraschung?
Selvican: Ich hatte am Anfang nicht gedacht, dass es so krass und schnell wachsen wird. Damals waren wir zu dritt, haben selten Leute gefunden, die sich engagieren wollten. Dann wurde es immer mehr, gerade beim Thema Workshop.Wir sind eine kleine Initiative, arbeiten aber inzwischen mit Schulen aus fast ganz NRW. Zudem haben wir so gute Podcast Gäste und mittlerweile auch viele Auszeichnungen bekommen, unter anderem den TalentAward Ruhr 2024.

STROBO: Wenn RfE ein Song wäre, welcher wäre das?
Selvican: Humble von Kendrick Lamar. Weil ich finde, alle aus dem Ruhrgebiet, egal wie cool die sind – Milad ist da mein Lieblingsbeispiel – bleiben immer bodenständig.
STROBO: Was wünscht ihr euch für die Zukunft von RfE?
Milad: Dass wir ein überparteiliches Forum für junge Menschen im Ruhrgebiet bleiben können, trotz Förderschwierigkeiten und Gegenwind. Egal, ob es Ruhrpott für Europa heißt oder anders – ein Ort, an dem man ohne Parteifarbe mitreden kann, der niedrigschwellig ist, ohne unsichtbare Codes, und wo man beim Betreten offene Hände findet und Teil von etwas Größerem wird. Wenn es das in fünf bis zehn Jahren noch gibt, ist viel erreicht.
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