Aus der Musikszene des Ruhrgebiets entwickelt Paavo sein Soloprojekt: düsterer, verletzlicher Pop auf Deutsch, der Menschen erreicht, denen es schlecht geht und die verstanden werden wollen. Sein Weg begann früh in Rock und Punk und führte über Technikjobs und Touren zu seiner Debüt-EP. Doch wie läuft ein Release wirklich ab, wenn Leidenschaft auf die Realität des Musikgeschäfts trifft?
Lesedauer: 4 MinutenEs ist der Abend vor dem Release-Day von Paavos erster EP „Halt mich wach, oder fest“. In einer Bochumer Kneipe kommt eine kleine Runde zusammen. Gläser werden abgestellt, Stühle rücken. Paavo und sein Produzent bestellen Bier. Zum ersten Mal verbringen sie einen gemeinsamen Release-Abend. Paavos Debüt besteht aus sechs Titeln. Um Mitternacht erscheint mit ‚Planeten‘ der letzte Song der EP. Die übrigen Titel musste Paavo einzeln bei Streaming-Plattformen „pitchen“, wie es für Newcomer inzwischen Standard ist. Denn gerade über Playlist-Platzierungen entsteht Reichweite und damit die Chance, dass neue Musik wahrgenommen wird. Bisher haben Paavo und sein Team es immer verpasst, einen Release zusammen zu feiern.

Mitternacht rückt näher
Paavo muss nur noch den Post zur Veröffentlichung abschicken. Er sitzt mit seinen Ellbogen auf dem Tisch gestützt und schaut auf sein Handy. Seine Finger, geschmückt mit zahlreichen silbernen Ringen, arbeiten am Instagram-Entwurf und perfektionieren ihn für die Veröffentlichung um Mitternacht. Am Tisch Stille. „Die letzten zwei Wochen haben mich gebrochen“, seufzt er. Er schaut in die Ferne, lehnt sich in den Stuhl zurück. Er erzählt davon, 70 bis 80 Kurzvideos für seine Social-Media-Kanäle gedreht zu haben. Es folgen noch weitere. Ein Videograph ist abgesprungen. Deswegen musste er teilweise selbst drehen und sich um Ersatz kümmern. Denn der Release-Tag steht. Richtig unromantisch sei so ein Release. „Man muss irgendwie Influencer werden“, merkt er an. „Das ist ein bisschen nervig.“
Paavo richtet sich auf, um seine Oberschenkel zu reiben und sich dann wieder zurückzulehnen und die Arme zu verschränken. „Es nervt, dass immer direkt vor Releases Updates kommen und Workflows nicht mehr gehen.“ Er hält inne und schiebt nach: „Aber alles gut.“ Dann ist es soweit. Kurz nach Mitternacht postet er den Entwurf. „Happy Release!“, gratuliert ihm sein Produzent Leon. Sie nehmen sich in den Arm, dann ihre Freunde und stoßen gemeinsam an. „Ich find‘s schön, dass Release so loslassen heißt“, murmelt Paavo und grinst in die Richtung seines Produzenten.

Zwischen Schläger und Smartphone
Ein paar Tage später treffen wir uns in Wattenscheid. Wir sind morgens zum Badminton-Spielen verabredet. Am Abend vor dem Release hatte er mir schon von seiner neuen Leidenschaft berichtet. Die Halle ist leer und kalt. Unsere Schritte hallen. Wir blicken uns um. „So ein bisschen wie ein lost place“, kommentiert Paavo. Schnell noch ein Tiktok drehen, bevor es mit dem Aufwärmen und dem ersten Match losgeht. Nach einem verlorenen ersten Satz dreht Paavo auf, gewinnt den zweiten klar. Der dritte wird ein Duell auf Augenhöhe. Angriff und Verteidigung im ständigen Wechsel. So wie in seiner Single „Polareis“: „In meiner Brust sieht‘s wie bei einer Schlägerei aus.“
Die Musik war schon immer zentraler Bestandteil seines Lebens. Paavo ist seit zehn Jahren mittlerweile selbständig in diesem Milieu unterwegs. Tontechnik, Tourmanagement, Musikvideos, alles Mögliche hat er in dieser Branche schon gemacht und sich weiterentwickelt. So wie auch seine Musik. Angefangen hat es für ihn in einer Rock-Punk Band mit Schreigesang, die während der Pandemie auseinander ging. Doch dann wollte der Bochumer musikalisch etwas Eigenständiges starten. Post Malone, Billie Eilish, auch Sam Fender haben ihn dabei inspiriert.
Mehr als ein Newcomer
„Mit Leon, den ich in der Zeit richtig kennengelernt habe, habe ich dann den Sound meines Projekts entwickelt: Pop-Elemente kombiniert mit der emotionalen, düsteren Ästhetik, aus der ich komme. Der erste Song der EP knüpft sogar direkt an meine alte musikalische Welt an, mit Schreiparts am Ende“, erzählt er. Er bezieht sich auf den Song „Rote Augen, Euphorie“. So groß ist der Bruch zur Bandzeit gar nicht. „Die Texte sind immer noch ehrlich, persönlich und oft depressiv angehaucht. Viele schreiben mir, dass ihnen die Songs durch schwierige Zeiten helfen – das bedeutet mir viel.“ Dafür macht er Musik. Nicht für Playlists oder Radio-Tauglichkeit. Obwohl er weiß, dass Playlist-Erfolge Karrierehebel sind, bleibt die Priorität klar: Gefühle zuerst. „Business ist nur der Rahmen“, stellt er klar.

Seine Erfahrung im Musikbetrieb schützt Paavo dabei vor Illusionen. Und doch träumt er davon, sichtbarer zu werden, mehr Menschen zu erreichen, irgendwann von seiner Musik zu leben. Bisher investiert er jeden Cent aus seinem Technikjob in das Projekt. „Social Media, Videos, der ganze Aufwand. Das gehört dazu. Viele Leute würden meine „Seife“ wahrscheinlich mögen, aber sie sehen sie noch nicht. Also arbeite ich daran, dass sie sie überhaupt erst zu Gesicht bekommen“, erklärt er. „Seife“ – so nennt er seine Musik, sein Produkt, mit dem er Aufmerksamkeit erzeugt.
Mit dem Badminton-Schläger fährt er am Netz entlang und zeigt mir, wie groß diese „Seifenmenge“ inzwischen ist. Starthilfe von anderen Bands und Künstler:innen, für die er schon gearbeitet hatte, wollte er nicht. „Mir fällt es dabei schwer, Leute aktiv um Support zu bitten. Das fühlt sich schnell kriecherisch an. Ich möchte mir das lieber verdienen“, sagt er. Das Projekt Paavo erzählt viel über den Menschen dahinter: ein Junge aus Gelsenkirchen-Buer, der persönliche Erlebnisse in Metaphern übersetzt. Einer, der früh wusste, dass Musik sein Zuhause ist und der sich nicht scheut, innerhalb dieser Branche alles auszuprobieren. Einer, der Rückschläge hinnimmt und trotzdem weitermacht. Ein Stehaufmännchen, wie es besser kaum ins Ruhrgebiet passen könnte. Am Ende gewinnt Paavo auch das finale Match des Tages.
Nach dem Release ist vor dem Release
Draußen vor der Halle zündet er sich zur Belohnung eine Zigarette an.„Jetzt geht’s erstmal zurück an den Schreibtisch in die WG“, sagt er. Drei Wochen lang hat er gearbeitet wie ein Influencer, um seiner „Seife“ mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Das Projekt Debüt-EP ist abgeschlossen. Die Posts veröffentlicht. Das Spiel zu Ende. Für Paavo beginnt der Zyklus von vorn. Mit dem, was er am meisten liebt: Musik machen.
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