Das erste Rockkonzert in der Villa Hügel, ein einschlägiges Subkultur-Festival im Delta. Zinnober mischt die Kulturszene im Ruhrgebiet mit ihrer DIY-Mentalität ordentlich auf. Doch wer steckt hinter den lauten und provokanten Veranstaltungen? STROBO war mit auf dem Zinnober-Festival, um die Gründer näher kennenzulernen.
Lesedauer: 6 MinutenEine Stunde vor Einlass. Wo ist Reza? Die Security-Dame vom Delta-Musikclub in Essen kann nicht weiterhelfen. „Der rennt hier irgendwo rum. Ruf ihn an, wenn du seine Nummer hast, sonst findet du ihn eh nicht“. Reza, der gerade nicht zu finden ist, und Kai teilen denselben Musikgeschmack. Es geht um (Post-)Punk, Hardcore, Metal. Düstere, atmosphärische, laute Musik, teilweise mit politischer Haltung. „In Essen waren wir früher die zwei Personen, die solche Shows veranstaltet haben“, erinnert sich Kai. Reza im Hotel Shanghai und Kai im Goethebunker.

Dann kommt es zur, wie Reza sagt, „Schnapsidee“. „Wir haben schon Konzerte organisiert. Lass uns doch ein eigenes Festival machen, so wie wir uns das vorstellen“, erzählt er. Alles unter dem DIY-Ethos und für die Stärkung von Subkulturen. „Wir wollen aktiv werden und selbst etwas in der Szene gestalten. Wir sind ein kleines Team, aber dafür sehr schlagkräftig“, sagt Reza. Zum Kern von Zinnober gehören sechs bis sieben Personen. Auf dem Festival helfen rund 20 Leute. Niemand arbeitet in Vollzeit für den Verein. Niemand wird bezahlt. Alle machen es neben ihren Berufen.
Herzensprojekt: Zinnober-Festival
Das eintägige Zinnober-Festival bietet jährlich einen bunten Strauß verschiedenster Bands und Künstler:innen aus Punk, Metal, New Wave und Postpunk im Essener Nachtclub Delta an. „Alle Bands haben eine morbide Ästhetik und diesen Punk-Vibe. Aber es sind unterschiedliche Musikarten“, sagt Reza. Und Kai ergänzt: „Alles, was die Bands verbindet, ist so eine gewisse Außenseiterrolle. Die Unangepasstheit ist der rote Faden, der sich durch Zinnober zieht.“
Zinnober – ein Quecksilber enthaltendes, unvollkommenes Mineral
Im Duden wird Zinnober aber auch als Synonym für Blödsinn, Dreck und Firlefanz aufgeführt. In Redewendungen taucht das Mineral ebenfalls auf: ‚Mach nicht so einen Zinnober‘, bedeutet so viel wie ‚Mach nicht so einen Aufstand‘. Dabei wollen die Zinnober-Gründer Kai Suffa-Friedel und Reza Danaei genau das: Aufstand machen, laut sein, aus dem Raster fallen.
Die Premiere des Zinnober Festivals war 2024. Seitdem veranstalten sie immer wieder nischige Musikevents in Essen. Beispielsweise holten sie Madball in die Weststadthalle, organisierten das erste Rockkonzert mit ‚Die Sterne‘ in der Villa Hügel und gehen jetzt mit einem eigenen Kulturraum in Rüttenscheid an den Start. „Unser Herzensprojekt ist und bleibt aber das Festival“, sagt Reza.

Gerade eilt Reza durch die ehemaligen Fabrikhallen, die inzwischen als Veranstaltungslocation dienen. In den Hallen stützen schwere schwarze Stahlträger die gemauerten Wände und Decken. Ketten hängen von den Trägern herab. Das Gelände ist verwinkelt. Die Innenräume sind dunkel und nur spärlich durch Kerzenlicht, Neonröhren und das orange- rote Licht der zwei Bühnen beleuchtet. Optisch perfekt für Hardcore-, Punk- und Metalshows. Der Club ist als Großraumdisco bekannt. In der Punkszene daher eher verschrien. „Wir wollten das Festival nicht da veranstalten, wo man es erwarten würde. Zinnober kapert das Delta“, erklärt Kai.
Reza eilt also von der einen Stage zur anderen. Vom Tattoostand zur Kasse. Vom Siebdruckstand zum Backoffice. Er trifft die letzten organisatorischen Vorbereitungen für das Festival. Alles, was noch zu tun ist, hat er dabei genau vor Augen. Dauernd klingelt sein Handy. Auch jetzt wieder. Am Telefon ist der Manager der Band Temmis. Auf der Autobahn brennt ein LKW. Sie kommen zu spät. „Das muss ich gleich mit Kai besprechen. Vielleicht müssen wir spontan den Zeitplan umstellen“, sagt Reza.

Plattenfirma und Designagentur
Wenn er gerade nichts für Zinnober macht, arbeitet Reza im physischen Vertrieb einer Plattenfirma. In seinem Job beschäftigt er sich viel mit Rock-, Metal- und Indieartists. Das Line-Up auf dem Festival bucht Zinnober auf Basis ihres eigenen Musikgeschmacks. Dass Rezas Tätigkeit in der Plattenfirma für das Booking aber auch hilfreich ist, leugnet er nicht. Durch seine Kontakte in die Musikbranche sind auf dem Festival auch Menschen aus Labels oder Vocalcoaches vor Ort. „Damit wollen wir jungen Künstler:innen eine Möglichkeit bieten, sich niederschwellig in der Branche zu vernetzen und Tipps zu bekommen“, sagt Reza.
Kai arbeitet hauptberuflich als Grafikdesigner in einer Agentur. Kurz vor Einlass steht er an einem Getränkewagen. „Ich brauche jetzt ein Akklimatisierungsbier und eine Zigarette, um runterzukommen“, sagt er. Eine therapeutische Menge Bier helfe gegen die Aufregung. Reza tickt anders. „Ich kann mich erst entspannen, wenn alle Artists da sind. Vielleicht trinke ich dann ein Bier“, sagt er. Kai, der kreative Kopf und Reza, das Orga-Genie.
Der Eintritt in die Szene
Die Faszination für die Punk- und Hardcoreszene finden beide schon früh. Bei Kai war es im Griechenland-Urlaub mit seinen Eltern und seinem Cousin. „Auf der Rückbank haben wir auf seinem Walkman ‚Planet Punk‘ von den Ärzten hoch und runter gehört“, erzählt er. Durch ein älteres Mädchen, das er „sehr, sehr gut“ fand, wird er dann zum Punker. Auf einer Klassenfahrt rasiert sich Kai einen Iro. „Meine Eltern waren begeistert“, sagt er ironisch.
Reza kommt über Freunde an Hardcore. Ein ehemaliger Schulfreund spielt ihm einige Platten vor. Reza findet schnell Gefallen an den Werten der Hardcoreszene. „Zu der Straight-Edge-Szene gehören Leute, die nicht trinken und nicht rauchen. Obwohl ich das anders gelebt habe, fand ich die Haltung sehr cool“, erläutert Reza seine Affinität zu dem Genre.


„Ich werde von allen nach allem gefragt“
Der Einlass hat begonnen. Die Punkband Poor Kids O.C. eröffnet das Festival. Kai wuselt durch den Backstagebereich und verteilt Verzehrkarten an die Bands. Darunter Mia Morgan, die Punkband Grenzkontrolle und die Metalband Tristis. Auch sein Handy klingelt ständig. „Ich werde von allen nach allem gefragt“, sagt er. Reza ist am Telefon: Treffen im Backoffice – asap.
„Wir müssen den Timetable nochmal anpassen“, sagt Reza. Das Backoffice sieht aus, wie der Masken- und Kostümbereich in einem Theater. Helles, kaltes Licht beleuchtet den Raum. Kai klappt seinen Laptop auf. Schnell bearbeitet er das orangene Design in Photoshop. „Temmis schieben wir in den Slot von Ditz, die haben leider gestern abgesagt“, schlägt Kai vor. An die ehemalige Stelle von Temmis schreibt Kai ‚Pause (keine Band)‘. „Pause könnte auch ne Punkband sein“, scherzt Kai.





Jeder hat seine Aufgabe
Die beiden Gründer haben für ihre Events eine klare Rollenverteilung. Reza übernimmt das Booking, die Kommunikation mit Bands, Gagenverhandlungen oder Finanzen. „Ich bin einfach, ganz ehrlich, ein bisschen zu chaotisch, um solche Sachen zu machen“, sagt Kai. Um die Kommunikation nach außen und auf Social Media, um das Design, die Publikums-Ansprache und somit auch um die Identität des Festivals und des Vereins kümmert sich Kai. „Ich bin nicht wirklich kreativ begabt, meine Fähigkeiten liegen eher im organisatorischen Bereich“, sagt Reza.
Die junge Künstlerin Beaks plus Band kommt im Delta an. Reza führt sie zur Bühne, wo sie später auftreten sollen. Grenzkontrolle spielt noch. Der Frontsänger singt einen ihrer gesellschaftskritischen Songs. Reza voran quetscht sich durch die tanzenden Menschen und winkt mit der Hand. Es ist zu laut, um sich zu unterhalten. Beaks und ihre Band kämpfen sich, mit Gitarrenkoffern bepackt, durch die Crowd. Immer Reza hinterher. Es geht eine Treppe hoch. Direkt neben der Treppe pogen die Zuschauer:innen im Moshpit. „Jetzt fehlt nur noch The Chisel. Wenn die hier sind, schaue ich mir auch mal einen Auftritt an und trinke vielleicht mein erstes Bier“, sagt Reza.
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