„Ich knall mein Leben lang durchs Ruhrgebiet“ – Eine Radtour durch den Pott mit mischalala

„Leute, wenn dat irgendwie geht, besorcht euch n Fahrrad, fahrt runter anne Ruhr, guckt euch dat an, dat is n Traum.“ Es ist der 4. März. Michael Höffken ist gerade 100 Kilometer durchs Ruhrgebiet gefahren – mit dem Rad. Handy raus, Querformat, One-Taker. Frei redet er raus, was ihm zwischen Espresso und Kippe durch den Kopf geht, und trifft damit tausenden Menschen ins Herz.

Lesedauer: 4 Minuten

Ein Mittwochmittag in Marl. Micha spielt Sprechtheater in einem Kindergarten, von halb 9 bis 12. Es geht um die Entdeckungsreise der eigenen Gefühle. Das Stück heißt „Die große Nein-Tonne“ und soll Kinder ermutigen, ihre Gefühle bewusst wahrzunehmen, ihnen zu vertrauen und sie klar auszudrücken.

Alles macht er mit dem Rad. Heute geht es von Marl-Hüls südlich Richtung Herten. Durch den Schlosspark, Gelsenkirchen streifend, auf der Erzbahntrasse ins Herz von Bochum. Aufgewachsen in Duisburg an der Sechs-Seen-Platte, lebt Micha seit 26 Jahren hier. In der Radtasche immer dabei: ein kleiner Gaskocher, Feuerzeug, Kippen, und: eine Bialetti. Der Coffeestop gehört genauso dazu wie die Pausenkippe.

Michael Höffken (mischalala) tourt mit STROBO-Autor Jon Knolle durchs Ruhrgebiet. Foto: Lennart Neuhaus.

Doch „mischalala2023“, wie er sich auf Instagram nennt, sitzt nicht erst seit diesem 4. März auf dem Fahrrad. Mit fünf beginnt er zu fahren, erst zur Schule, später zur Ausbildung. Auf Trails geht´s durch den Wald, mit dem Rennrad über die Straße. „Ich hab bestimmt acht Räder durchgerockt als Kind. Dat gehört komplett zu meinem Leben. Es ist die perfekte Reisegeschwindigkeit“, sagt er.

mischalala gegen das Auseinanderdividieren

An diesem Mittwoch im März erzählt Micha eine simple Geschichte. Eigentlich ist es doch ganz einfach. Rad raus, Helm auf, losfahren. „Ich bin kein besserer Mensch, weil ich n‘ Drop Bar (Rennradlenker) fahr. Wir sind alle partnerschaftlich da draußen unterwegs, das ist mir wichtig“, ist seine Message. Genau diese Mentalität mache für ihn das Ruhrgebiet so einzigartig. „Alle kommen von überall, haben zusammen malocht, sind kollegial gelesene Personen. Man kommt sofort ins Gespräch, auch wenn sich die Leute heutzutage manchmal etwas auseinanderdividieren.“ In seinen Videos versucht er diesen Geist zu reproduzieren, die Menschen da abzuholen, wo sie stehen. Ein Wort fällt immer wieder: Solidarität. „Mein Anliegen ist, das ein bisschen vorzuleben – in den kleinen Momenten des Alltags, Momente wie das Radfahren.”

Mittlerweile zählt sein erstes Reel über 300.000 Views. Micha scheint den Zeitgeist zu treffen. Er konstruiert ein Bild, das der High-Performance-Optik auf Social Media widerspricht. Kurze Sätze, Ruhrpott-Slang, ehrliche Emotionen, eine Spur Witz und Selbstironie. Menschen können sich damit identifizieren, vielleicht kitzelt er eine tiefe Sehnsucht in ihnen. Der Hype und die Community motiviere ihn sogar noch mehr Rad zu fahren. Gleichzeitig ist er realistisch: „Das alles kann morgen vorbei sein, aber ich steh voll im Leben, und kann einfach so weitermachen. Instagram verändert nichts“, erklärt Mischalala.

Ein Video für die Follower darf natürlich nicht fehlen. Foto: Lennart Neuhaus.

Seit 25 Jahren arbeitet er im Theaterbereich. Für die theaterpädagogische Werkstatt Osnabrück fährt er dreimal die Woche quer durchs Ruhrgebiet. Er spielt in Kindergärten, Grundschulen und weiterführenden Schulen. Die Themen sind Suchtprävention, sexualisierte Gewalt und die Wahrnehmung der eigenen Gefühle. „Früher bin ich mit dem Auto zu Theatern in ganz Deutschland gependelt. Der Familie und mir selbst zuliebe mache ich das heute aber am liebsten im Ruhrgebiet, erreichbar mit dem Rad“, sagt er.

Keine Tour ohne Campingset

Im Bochumer Westpark kommt es zum lang ersehnten Coffee Stop. Aus seinen Radtaschen holt Mischalala Feuerzeug, Campingkocher, Kaffeepulver und – eine kleine Bialetti. Wozu irgendwo anhalten, wenn alles aufs Rad passt? Mit Blick auf die alten Gleisanlagen, Klärbecken und Industriefundamente zaubert Micha schnell zwei Espressi – und natürlich eine Kippe.

Der 59-jährige beschreibt sich selbst als „komplett impulsgesteuert“. Wenn er eine Idee hat, macht er einfach. Und es kommt immer anders als man denkt: „Ich hab immer gesagt, mit 50 hör ich auf zu arbeiten und fahr aufm Rad um die Welt. Doch dann bin ich nochmal Vater geworden, und dat is auch herrlich.“

Für die Zukunft hat er dennoch einige Pläne: „Mein Traum ist, irgendwann in einer Kinoproduktion mitzuspielen, gern auch im Kinder- und Jugendbereich“. Auch Stand-Up-Comedy reize ihn sehr. „ich will Geschichten erzählen, manchmal singe ich auch in den Videos“. Die erste Bühne ist bereits geplant: Am 4.7. tritt er bei Bochum Total auf. Dort macht er zwei bis drei Stand-Up-Nummern, im Duo mit einem befreundeten Musiker. „Da will ich mich einfach etwas ausprobieren“, sagt er.

Bis es so weit ist, „knallt er weiter durchs Ruhrgebiet“. Egal ob am Kanal, auf Trasse, Trails oder Straße. „Irgendwann will ich nochmal ne Fahrradreise machen, gern auch mit der Community.“ Denn: die Leute auf der anderen Seite des Bildschirms kennenzulernen, erfülle ihn sehr. Oder mit seiner kleinen Tochter. „Wenn sie älter ist, und darauf Lust hat, kriegt sie ein Rennrad, und dann knallen wir gemeinsam los“, schmunzelt Mischalala zwischen Espresso und Kippe.

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