Runde Sache, diese Runde Ecke

Seit zwei Jahren veranstalten die Mitglieder der Runden Ecke Diskussionen, Workshops und Ausstellungen, um in der Fotografie-Szene mehr Austausch zu schaffen. Im Moment findet eine Ausstellungsreihe im Showroom-Kunst in Bochum statt, die vor allem Newcomer*innen eine Bühne bietet.

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Die Geschichte der Runden Ecke beginnt – wie soll es auch anders sein – mit einer runden Ecke. Mit einem dunklen, runden Holztisch in der WG-Küche von Celia Homann und Cynthia Ruf. Die Fotografiestudentinnen der FH Dortmund saßen mit ihrer Freundin Catharina Cerny beim Frühstück. Es ist die Zeit, in der Social Distancing und Online Uni noch nicht lange her sind. Die drei wünschen sich mehr Kontakt mit ihren Kommilitoninnen, Fotografiekolleg*innen aus dem Ruhrgebiet und Experten aus der Szene.

„Non-Spontaneous Combustion“ wurde mit einer Kamera aus gebrauchten Materialien fotografiert. Foto: Paul Herberg.

Eine Plattform für mehr Austausch

Das erste Konzept wird noch an diesem Morgen beschlossen: „Wir sind dann auf den Namen Runde Ecke gekommen. Wir wollten quasi als Zusammenschluss an einem Tisch sitzen, der keine Ecken hat, keine Kopfseite – sondern an dem man sich im Einklang gegenübersitzt“, erzählt das Gründungsmitglied Celia Homann zwei Jahre später im Interview.

Seitdem organisiert und führt die Runde Ecke Veranstaltungen durch. Im Moment läuft eine Ausstellungsreihe im Showroom-Kunst in Bochum. Und an diesem Samstagabend eröffnen die beiden anderen Mitglieder Paul Herberg und Ricardo Dumsch die Ausstellung „Abstract and Experiment“. Insgesamt besteht die Runde Ecke aus sieben Mitgliedern, neben Paul und Ricardo und den Gründerinnen Celia, Cynthia und Catha sind auch Oxana Guryanova und Rebecca Schell dabei.

Fotografin und Gründungsmitglied der Runden Ecke Celia Hohmann in einer bunten Bluse steht vor einer orange und blaufarbenen Wand und lächelt in die Kamera.
Die Runde Ecke Mitglieder Celia Joy Homann (l.) und Paul Herberg (r.) studieren an der FH Dortmund. Fotos: Ricardo Dumsch.
Fotograf und Runde Ecke Mitglied Paul Herberg steht vor einer blau- und orangefarbenen Wand im schwarzen Sakko.

Teil der Kunst werden

Heute präsentieren in der Nähe des Bochumer Schauspielhauses vier Künstler*innen der jungen Fotoszene aus dem Ruhrgebiet ihre Kunst. Der Raum ist relativ klein, in jeder Ecke steht oder hängt ein Werk. Zwei sind auf Bildschirmen zu entdecken, zwei auf eine Leinwand projiziert. Wenn man als Zuschauer*in durch den Raum läuft, kann es schon mal passieren, dass man auf die Leinwand einen Schatten wirft. Aber genau das sei auch gewollt: Man werde so Teil des Kunstwerks, erklärt Paul Herberg bei der Begrüßung in die Runde.

Auch Anne Braun ist eine der Ausstellenden hier. Sie ist dem Open Call der Runden Ecke gefolgt und darf ihre Arbeit „HYDROREALNESS“ ausstellen. „Für mich ist die Ausstellung hier gut, um eine Gemeinschaft zu bilden, damit ich mich austauschen kann. Gerade weil ich ja nicht in Dortmund wohne, empfinde ich den Austausch mit anderen Künstler*innen und dem Publikum an meinem Studium als das Wichtigste.“, sagt die aus Berlin nach Dortmund pendelnde Künstlerin. „Davon profitieren wir alle.“

Die Künstlerin Anne Braun steht vor ihrem Werk, das sie bei der Runden Ecke ausstellt - das Wasser wird auch auf Sie projiziert.
Fotografin Anne Braun pendelt regelmäßig für ihr Studium aus Berlin ins Ruhrgebiet. Foto: Paul Herberg.

Anne Braun studiert an der FH Dortmund den Master Photographic Studies. Die 40-jährige kommt eigentlich aus dem Filmbereich und will jetzt in ihrem Master im Ruhrgebiet tiefer in die Fotografie einsteigen: „Gerade in Dortmund war ich letztes Jahr total überrascht von dem vielfältigen Angebot, von den vielen Möglichkeiten, für uns in der jungen, kreativen Szene.“ Auch solche Angebote wie die Runde Ecke seien Gold wert, die eigene Kunst zu zeigen und Feedback vom Publikum und anderen Fotograf*innen dafür zu bekommen.

Zusammen Kunst gestalten

„Wir wollten bei dieser Veranstaltungsreihe vor allem jungen Künstler*innen einen Raum geben.“, erzählt Paul Herberg über das Konzept der laufenden Serie. „Wir haben uns überlegt, welche Themen die größtmögliche Vielfalt bieten und welche relevant und interessant sind.“ Herausgekommen sind insgesamt vier Ausstellungen im Showroom-Kunst in Bochum bei denen jeweils vier Künstler*innen ausstellen: Im September und Oktober zeigten Fotograf*innen ihre Kunst in den beiden Ausstellungen “Zeig Haltung: Politische Positionen” und “Over and Overwhelmed”. Im Dezember folgt dann noch die letzte Ausstellung der Serie “Money Money”.

Besonders für die beiden Runde Ecke Mitglieder Celia und Paul an dieser Veranstaltungsreihe ist, dass sie nicht allein bei der Planung der Ausstellung waren: „Wir haben uns drei Szenografen dazugeholt, mit denen wir den kleinen Raum zusammen gestalten können.“ Das Konzept der Runden Ecke geht also auch in ihrer eigenen Arbeit auf: Interdisziplinär und immer auf Austausch bedacht.

Tafel mit Texten zu den werken der aktuellen Runden Ecke.
Die Runde Ecke ist ein Zusammenschluss von Fotograf*innen für Fotograf*innen und Fotobegeisterte. Foto: Paul Herberg.

Was siehst du in der Kunst?

Anne Braun steht bei der Vernissage vor der kleinen Gruppe Besucher*innen, die heute der Einladung gefolgt sind. Weil der Raum so klein ist, hockt ein Teil auf dem Boden. Anne Braun steht vor der Leinwand und erzählt über ihre Kunst. Ab und zu projiziert der Beamer ihre Fotografien auf sie selbst: „Meine Arbeit zeigt das Element Wasser als ein aktives und formendes Medium.“ Es gehe um Bewegungen und um Transformationen. Dann guckt sie in die Runde und fragt: „Was denkt ihr?“. Es entsteht ein Gespräch, Fragen werden gestellt und Interpretationen ausgetauscht. Schnell ist Anne nicht mehr diejenige, die ihre Kunst dem Publikum zeigt, sondern alle im Raum sind Teil einer Neuinterpretation – ihrer eigenen Interpretation.

„Man muss mit seinen Arbeiten raus.“, sagt Anne Braun später im Interview. „Ich will ja, dass die Leute sehen, was ich mache und mir auch ein gewisses Feedback geben. Also mir ist es total wichtig, was die Menschen sehen oder nicht sehen. Und was sie empfinden, wenn sie meine Kunst angucken oder mir zuhören.“

Zu sehen ist der Ausstellungsraum: An der hinteren Wand weiße Vorhänge auf die Wasserbilder projiziert werden. Links hängen die Werbeschreibungen der Runden Ecke Ausstellung - an der rechten Wand sind ebenfalls Vorhänge und Projektionen.
Die Fotoserie “HYDROREALNESS” von Anne Braun, zeigt das Element Wasser in Bewegung und Verzerrung. Foto: Paul Herberg.

Bei dieser Ausstellungseröffnung im von Beamern und Bildschirmen lichtdurchfluteten Raum steht nicht nur die Kunst im Mittelpunkt. Es geht um die Gespräche und den Austausch über die Kunst. „Wir wollen einen selbstorganisierten Austausch schaffen.“, erklärt Celia Homann. „Und das Feedback von den Leuten ist eigentlich immer positiv. Ich glaube, alle finden das so großartig und wichtig, was wir machen. Weil eine Plattform für Austausch untereinander und mit Experten ist ja oft das, was in diesem Bereich fehlt.“ Deswegen will die Runde Ecke auch unbedingt weitermachen.

Es geht weiter – aber kleiner

Nächstes Jahr, erzählt Paul Herberg, wollen sie wieder Ausstellungen planen. „Dann aber nicht so viele wie dieses Jahr. Das war auch ein bisschen erschöpfend.“ Denn alle Mitglieder studieren und arbeiten nebenbei, die Runde Ecke ist für sie ein Ehrenamt. Auch die Kosten tragen die Mitglieder. Mittlerweile konnten sie zwar von Dortmund Kreativ eine Förderung für die Raummietung und auch vom AStA und der Fachschaft Design der FH Dortmund Förderungen besorgen.

Trotzdem sagt Paul Herberg: „Ich würde mir manchmal wünschen, dass es von der Politik niedrigschwelliger Förderungen gibt. Dann hätten wir auch die Möglichkeit mehr Werbung zu machen.“ Das sei, sagt er, immer noch ein Problem. Vor allem, weil sie dadurch nicht so viele Menschen erreichen würden. „Wenn ich mir eine Sache wünschen kann für die Zukunft“, sagt Celia zum Schluss des Interviews, „dann, dass es so weitergeht und noch mehr Anklang findet.“ Außerdem sagt sie, sei die Runde Ecke immer offen für neue Mitglieder.

Und wenn nicht direkt mitmachen, dann vielleicht erstmal bei der letzten Ausstellung „Money Money“ vorbeischauen – am 13.12. im Showroom-Kunst in Bochum.

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