Ryko ist das neue Aushängeschild vom Ruhrgebiet auf Social Media. STROBO-Autorin Anna hat den gebürtigen Essener getroffen und mal nachgefragt, wie es dazu kam, was das Ruhrgebiet für ihn bedeutet und wer der Mann hinter den Videos ist.
Lesedauer: 5 MinutenTrainingsjacke, Brille, Vokuhila und Fluppe in der Hand. So begrüßt uns Ryko vor dem Café, in dem wir uns verabredet haben. Er raucht noch auf, dann gehen wir schnell rein. Es ist mittags und nur vereinzelt sitzen Menschen an den Holztischen des Lokals. „Ich hab hier auch mal gearbeitet“, verrät der Essener noch auf dem Weg zum Tisch. Hätte ich mir ein Lokal, in dem er gearbeitet hat, vor unserem Treffen vorstellen müssen, wäre es vermutlich eine urige Pott-Kneipe gewesen und kein Café-Restaurant, in dem es Pumpkin Espresso Martini als Special gibt. Aber Klischees bedienen und diese im nächsten Moment zu brechen, scheint eines seiner Spezialgebiete zu sein: Ryko bestellt sich ein Toast Benedict Style, mit Lachs.


Erst verliebt, dann erfolgreich
Im letzten Jahr ist Ryko zu einer Internetperson herangewachsen: Der Typ im weißen Unterhemd, der Taxiteller isst, von den Top 5 Pottwörtern erzählt oder den neuen Sex- und Liebesberater „Dr. Langen“ gibt. Ein neues Aushängeschild für das Ruhrgebiet, seine Heimat. Aber schon davor hat Ryko alles mögliche Kreative ausprobiert – Fans von Battlerap verbinden seinen Namen wohl auch immer noch mehr damit, als mit dem Pottler auf ihrer For-You-Page. Aktuell schreibt er noch an seinem vorerst letzten Battle. Die Videos auf Social Media entstanden eher durch Zufall, eigentlich will er sich nur vom frisch verliebt sein ablenken. „Ich musste irgendwas machen, damit ich nicht crazy gehe“. Und das funktioniert: die Anzahl der Videos und der Follower steigen immer weiter.
Die Kellnerin bringt das Eggs Benedict und Ryko packt seine Grillz mit den Worten: „So ein Schwein bin ich nicht, dass ich damit esse“, in eine kleine Plastikdose. Das Essen ist ordentlich angerichtet und wirkt wie der Gegenentwurf zum klassischen Pott-Menü, dem Taxiteller. Und trotzdem oder gerade deswegen passt es irgendwie – ist es wohl typisch Ryko. Auf die Frage, ob ihm die Haltung und Werte, die er in seinen Videos vertritt, wichtig sind, kommen schnell klare Worte: „Wenn du Menschenfeind bist, wenn du Frauenfeind bist, gehörst du nicht zu mir“.

Das Format Dr. Langen hat er gerade deswegen gestartet: Seine Follower*innenschaft war überwiegend männlich und erwartete vermutlich einen konservativen Mann hinter dem Bildschirm. Wenn Ryko dann Tipps gibt wie „Hauptsache et sind alle einverstanden“ oder „Frag einfach respektvoll nach“, entfolgen ihm nach eigener Aussage doppelt so viele Menschen als bei einem „normalen“ Pott-Video. Ich bin nicht wirklich überrascht. Außer vielleicht darüber, dass er dabei eine so klare Haltung behält: „Wenn du mich deswegen nicht magst, bin ich nicht das Problem“.
Bringt den Ruhrpott auf die Karte!
Während Ryko seinen Toast mit Ei isst und über das Ruhrgebiet spricht, fühlt es sich fast so an, als würde ich eins seiner Videos schauen: ein bisschen weniger überspitzt vielleicht und dadurch ein Ticken ehrlicher, aber das ist seine Person. Jemand mit einem großen Herz für das Ruhrgebiet. Dabei geht es nicht um einen Fußballverein, ein bestimmtes Bier oder eine einzelne Stadt, vielmehr liegt es ihm am Herzen, die Region wieder sichtbar zu machen: „Wenn durch die Videos Leute sagen: ,Ey wir müssen mal dahinfahren’. Dann hab` ich doch alles geschafft, was ich wollte“. Ryko will zeigen, dass es hier mehr gibt als Bergbau und Zeche, dass es hier was zu erleben gibt. Ob kulinarisch, sprachlich oder menschlich, mit dem Stammgast in der Kneipe um die Ecke.

Als ich ihn frage, was er gerne hier verändern würde, kommen wir auf die Kulturszene zu sprechen. „Der kulturelle Aspekt im Ruhrgebiet spaltet“: Geld für Hochkultur sei da, aber kleinen Musikern und anderen Kulturschaffenden fehlt es immer wieder daran. Er wünscht sich, dass Kulturangebote niedrigschwelliger und interessanter gestaltet werden, für alle. Ryko erzählt von Afterworkpartys, die er selbst mal besucht hat. Dass das Bier dort fünf und der Aperol 13 Euro kostet. Dass sich gerade sowas viele hier nicht leisten können. Er selbst komme aus einer ganz anderen Welt.
Orte, die dafür als Vorbild dienen können, sind laut ihm die Kneipen: Dort komme man noch zusammen: „Da sitzt dann der BWL-Justus im Ralle-Hemd mit Stauder und daneben sitzt Manni, der da jeden Abend sitzt“, Pott halt.
Vom lustig sein und ankommen
Schon als Jugendlicher wollte Ryko mit Hip Hop durchstarten. „Irgendwann will ich ein Rockstar sein“, sagte der Essener, der seinen Spitznamen bereits seit der siebten Klasse trägt, schon damals. Viele Jahre verfolgte er seine Ziele in der Musik, der Sprung zum Comedian kam dann eher unerwartet. Mittlerweile steht er, statt mit Lyrics, mit seinen Witzen auf der Bühne: „Comedy ist genau das gleiche, nur entspannter. Ich geh’ auf die Bühne, mach’ meinen Scheiß, die Leute lachen im besten Fall, dann gehe ich wieder runter und alles ist gut“. Aktuell schreibt er neben seinen Videos auf Social Media am ersten Solo-Programm, damit will er bald schon an den Start gehen.

Als ich ihn frage, ob er Angst hat, dass der Internet-Erfolg abflacht, verneint er bestimmt: „Meine Follower und diese Aufmerksamkeit, die ich gerade habe, beschützen mich auch nicht davor, morgen von `nem Bus überfahren zu werden. Deswegen genieße ich den Moment total“. Man merkt ihm diese Zufriedenheit an. Er wirkt angekommen, so als wäre er endlich genau da, wo er hingehört. „Ich hab` mich noch nie so wie ich selbst gefühlt“. Und ehrlich, nach unserem Gespräch glaube ich ihm das auch wirklich. Rykos Geschichte ist eine hoffnungsvolle, eine, die das Ruhrgebiet ausmacht und braucht und vor allem eine, die in meinen Augen gerade nochmal richtig an Fahrt aufnimmt.
Vor dem Café spricht eine Frau ihn auf seine Videos an. Es wirkt fast, als würden die beiden sich kennen. Sie fragt, was wir gerade machen und ruft uns im Gehen noch zu: „Er ist unser Bürgermeister“!
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