Dünnes Eis, Herr Kebekus: „Sensible Inhalte“ im Ringlokschuppen Ruhr

Dieser Beitrag entstand im Rahmen einer Medienpartnerschaft mit: RuhrBühnen. Die RuhrBühnen haben keinen redaktionellen Einfluss auf die Rezension.

„Sensible Inhalte, so dass sie Spaß machen“, das verspricht der Comedian David Kebekus mit seinem neuen Soloprogramm. Damit ist er noch ein Jahr lang im deutschsprachigen Raum auf Tour – einen der ersten Stopps hat er im Ringlokschuppen Ruhr in Mülheim eingelegt. STROBO-Autor Johannes Wernich hat sich die Comedy-Show angeschaut.

Lesedauer: 4 Minuten

Es ist der 13. November. Draußen ist es schon dunkel, aber bunte Lichterketten in Bäumen erleuchten das Areal des Ringlokschuppens. Die ersten Lacher sind schon auf dem Weg zu hören. Aus den großen industriellen Fenstern scheint Licht und vom Hof kann schon ein Blick in das Gebäude geworfen werden: Obwohl es noch fast 40 Minuten dauern soll, bis David Kebekus auf die Bühne tritt, ist es bereits voll. An kleinen Tischen trinken Paare und Grüppchen eine Limo. Die Stimmung ist schon jetzt heiter.

20 Minuten bevor es losgehen soll, setzen sich die Ersten im Saal auf ihre Plätze. Mit ein paar Ausnahmen lässt sich das Publikum mit einem Wort beschreiben: millennialcoded. Die Besucher*innen irgendwo zwischen Ende 20 und Anfang 40 passen zu Kebekus. Der ist immerhin 41 Jahre alt und an diesem Abend nicht der Einzige mit Manbun.

David Kebekus ist der jüngere Bruder von Carolin Kebekus. Foto: Marvin Ruppert.

Was sie heute Abend erwartet? „Stand-up-Comedy über die schrägen Dinge, die wir als normal ansehen müssen. Die unbequeme Wahrheit als Vorlage, Humor als Bewältigungsstrategie“, heißt es im Programmtext. Humor bewege sich in unserer turbulenten Welt ständig auf dünnem Eis und David Kebekus habe Spaß daran, gesellschaftliche Normen und Regeln zu hinterfragen und das eben auch „manchmal an der Schmerzensgrenze.“ Vor diesem Grenzgang fürchte ich mich etwas. Dann wird es dunkel im Saal und die Scheinwerfer um die Bühne fangen wild an zu tanzen.

Kebekus legt los

David Kebekus läuft ein. Das Ganze erinnert an große Stadionshows, die sonst seine Schwester Carolin Kebekus spielt. Der halb leere Saal klatscht und jubelt aber mindestens genauso laut. Davon ist auch David Kebekus überrascht: „Solange hat noch nie jemand geklatscht.“ Er trägt eine Anzugshose, eine beige Hemdjacke und strahlend weiße Sneaker. Als Erstes geht es Mülheim an den Kragen. Das Publikum lacht. Danach ein Ausflug in die Tierwelt, in den Zoo. Kebekus redet über die Unterscheidung zwischen „Zootier“ und „Wursttier“, darüber, dass wir gerne in Zoos gingen, denn „wir gucken gerne, wenn Dinge zu Grunde gehen.“ – auch beim Klima. Die Kritik an Tierhaltung, Fleischkonsum und Tourismus in entfernten Ländern ist überraschend schmerzfrei.

Kebekus zwischen Midlife-Crisis und Karriere

Dieses Muster zieht sich durch beide Hälften der Show. Das mag vor allem daran liegen, dass Kebekus relativ schnell bei seinem Lieblingsthema – ihm selbst – ankommt. Er witzelt über Midlife-Crisis, unverheiratet sein und seine eigene Comedy-Karriere: „Ich muss einmal erklären, wie berühmt ich bin. Wenn ihr mir auf Instagram schreibt, antworte ich euch.“ Wer das sicherlich nicht mehr macht, ist seine Schwester. Die kommt auch zur Sprache. Die nächsten zehn Minuten redet Kebekus über das Onkel werden und wie das auch seine Perspektive verändert hätte. Er betont: „Ich kann auch auf die Bühne ohne meine Schwester.“

Und die bespielt er wie so viele Stand-Up-Comedians: Bis auf Mikro, Hocker und ein Glas Wasser ist die Bühne leer, Kebekus läuft etwas auf und ab und streckt und dehnt sich gelegentlich betont entspannt. Und wie jede*r Comedian über 30 macht auch er sich Unterschiede zwischen Männern und Frauen zum Gegenstand. Weil Frauen miteinander reden würden, kämen sie nicht in die Midlifecrisis. Nicht so wie Männer – wenn der Kumpel im Trennungsjahr ist, rede man eben über Fußball.

Was Humor darf

Ein paar wirkliche Grenzgänge erlaubt Kebekus sich trotzdem. „Eine Drinnenkatze ist wie deine private Natascha Kampusch“ ist eine der Punchlines. „Viele Finanzjuppies können sich gar nicht umbringen, weil sie nicht das Handwerkszeug dazu haben“, sagt Kebekus an einer anderen Stelle. Nur Handwerker seien entweder glücklich oder tot, „weil das sind Macher.“ – der Saal tobt. Er witzelt noch über Osama bin Ladens Hotness, Putins Sexualleben und 9/11. Ich kann darüber nicht lachen, der Rest des Publikums schon.

„Manche Themen sind so schlimm, die brauchen einen Witz“, erklärt David Kebekus seine Herangehensweise an Comedy. Es seien heikle Zeiten geworden und man müsse aufpassen, was man sage: „Viele Leute bekommen was in den falschen Hals.“ Er findet, gerade was Comedians sagen, solle nicht so ernst genommen werden. „Ich mag es nicht, wenn Comedians moralisch sind“, sagt er. Bei Politiker*innen sei das wichtiger.

David Kebekus sitzt auf
Nicht nur Stand-Up: Kebekus ist auch Regisseur, Autor und Podcaster. Foto: Marvin Ruppert.

Nach insgesamt zwei Stunden ist seine Show zu Ende. Während dieser zwei Stunden habe ich nur einmal gelacht. Damit war ich aber fast alleine. Der Großteil hatte wirklich Spaß und grinst auch noch beim Rausgehen. Ein paar machen im Vorraum noch Fotos mit Kebekus. Ich muss mir auf dem Heimweg eingestehen, dass ich einfach nicht die Zielgruppe war – die Millennials hatten eine gute Zeit.

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