„Am besten kann man DJing lernen, wenn man Zuhause Langeweile hat“ – Musikprojekt Soundtrek im Interview 

Mitten in einer stillen Industriegegend in Essen steckt hinter unscheinbaren Mauern richtig viel Leben: Beats, Gespräche und kreative Vibes füllen das Tonstudio der Sozialarbeiter Luca (24) und Simon (27). 2024 haben sie hier das Musikprojekt Soundtrek für Jugendliche gestartet. STROBO-Autorin Milica Devic hat die Sozialarbeiter und Künstler bei einer Workshop-Session begleitet.

Lesedauer: 4 Minuten

STROBO: Ihr seid in der Jugendhilfe Heimspiel GmBH tätig, die das Projekt Soundtrek fördert. Woher kommt der Name?

SIMON: Soundtrek steht für „Sound“ im Sinne von Musik und „Trek“ wie der Weg. Er beschreibt also den Weg, den wir mit den Jugendlichen gehen – auf verschiedenen Ebenen. Das Studio haben wir gemeinsam aufgebaut, und es besteht aus zwei Räumen, in denen Luca und ich unsere Workshops leiten. Plus ein Zimmer, wo unser Videograf Alfred den Instagram-Content für uns produziert und das Ganze dokumentarisch begleitet.

LUCA: Es ist wie ein zweites Zuhause, eine Community.

Luca (l.) entwickelt zusammen mit einem Jugendlichen einen Track. Alfred (r.) filmt. Foto: Rebecca Schell.

STROBO: Wie habt ihr euch kennengelernt?

SIMON: Ich habe nach Leuten für dieses Tonstudio gesucht und über Kolleg*innen haben wir uns connected. Wir haben dann angefangen, sowohl Musik zusammen zu machen als auch Veranstaltungen zu planen. Da bin ich bei Delirium reingekommen – das ist unsere Veranstaltungsreihe, wo wir Techno machen. Dass wir unsere Arbeit als Sozialarbeiter mit Mukke verbinden können, ist für uns ganz nice.

„Es ist ok, Scheiße zu sagen“

STROBO: Wie sieht ein Workshop bei euch aus?

SIMON: Meistens fängt ein Workshop so an, dass wir nach ein paar Tracks fragen, die die Teilnehmenden gut finden. Wir suchen dann einen Track aus, der als Vorlage dient. Man orientiert sich so ein bisschen daran und entwickelt was Eigenes. Meistens kommt am Ende doch was komplett anderes raus. Dadurch kriegen sie aber ein Gefühl von Selbstwirksamkeit. Sie checken, dass es wirklich ihre Ideen sind. Bei den Texten sind wir auch nicht streng: Wenn Schimpfwörter drin sind, ist das ok – natürlich gibt es auch Grenzen. Aber Jugendliche haben teilweise diese Wörter in ihrem Sprachgebrauch. Das ist nicht realitätsfern, wie in der normalen Musikindustrie. Es ist ok, „Scheiße“ zu sagen. Das Einzige als Feedback unsererseits ist: „Yo, ist das jetzt wirklich authentisch? Ist es nicht cooler, über irgendwas zu rappen, was du erlebt hast? Was du gemacht hast und wer du bist?“

Luca (l.) und Simon (r.) legen beide auch selber im Ruhrgebiet auf. Foto: Rebecca Schell.

STROBO: Habt ihr das Gefühl, dass es in Essen und im Ruhrgebiet zu wenige Angebote wie „Soundtrek“ gibt?

SIMON: Ja. Ich hatte auch häufig den Gedanken wegzuziehen –zum Beispiel nach Berlin. Aber wieso soll ich wo hin, wo es sowieso schon voll das Überangebot gibt? Alles, was es hier gibt, gibt es in Berlin in tausendfacher Ausführung. Der Markt ist eigentlich komplett übersättigt. Deswegen dachte ich mir, ich will lieber hier bleiben und vor Ort was bewirken.

STROBO: Was ist Eure Vision für das Projekt?

SIMON: Langfristig ist die Vision, die Idee von „Soundtrek“ noch ein bisschen zu skalieren – sodass wir nicht nur Musik, sondern sowas wie ein workshopbasiertes Jugend- und Kulturzentrum anbieten. Konkret würde das so aussehen: Wir bieten verschiedene Kunstformen an, haben eine intensive Workshop-Phase, und danach können sich die Jugendliche gegenseitig Sachen zeigen. Wir möchten ihnen die Tools geben, mit denen sie selbst kreativ werden können – und im besten Fall am Ende ohne Workshop-Begleitung arbeiten.

Das Equipment von Soundtrek ist vielseitig. Fotos: Rebecca Schell.

Soundtrek als Wohlfühlort

STROBO: Was ist das schönste Feedback bisher?

SIMON: Wenn die Jugendlichen hier hinkommen und einen stressigen Tag haben, können sie hier abschalten. Das ist das Schöne, dass man das wirklich hinbekommt – dass sie hinkommen und sich gut fühlen. Und sie ihre Probleme und Disposition vergessen können. Ein Teilnehmer empfindet sich selbst als selbstzweifelnd und eher sozialphobisch und hier fühlt er sich empowered.

LUCA: Sie sind die meiste Zeit in Wohneinrichtungen isoliert und immer in der Schule begleitet. Wenn sie hier sind, haben sie das Gefühl, Teil einer ganz normalen Gruppe zu sein. Ich glaube, das ist auch so der Faktor, warum die hier aufgehen können. Hier sind nicht nur wir, die Workshops machen – sondern hier passiert parallel auch viel. Wir sind nicht hier, um den Jugendlichen die krasseste Musiktheorie beizubringen – sondern machen mit ihnen die Mukke, auf die sie Lust haben. Wir arbeiten intuitiv und niedrigschwellig und geben keine Vorgaben. Sie entscheiden zu hundert Prozent selbst. 

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