Das gemeinnützige Medienhaus Correctiv eröffnet seine erste dauerhafte Lokalredaktion in der Gelsenkirchener Altstadt mit einem einzigartigen Konzept.
Seit gut zwei Monaten informiert die neue Lokalredaktion Spotlight Gelsenkirchen über das Müllproblem der Stadt, über Vorwürfe von sexueller Nötigung in einem wichtigen Gelsenkirchener Verein oder über das Verstauben der Yves Klein Kunstwerke im Musiktheater im Revier. Ihre Recherchen veröffentlicht die Redaktion einmal pro Woche als Newsletter. Das Besondere: Die zwei Journalisten Tobias Hauswurz und Mario Büscher sitzen in einem professionell geführten Café. “Die Lokalredaktion funktioniert nicht ohne das Café und andersherum. Es ist ein Konzept, das es so in Deutschland noch nicht gibt”, erzählt Redaktionsleiter Tobias Hauswurz.

Der Austausch zwischen Bürger:innen und der Redaktion ist dabei essenziell. Denn die Anliegen und Probleme der Gelsenkirchener Bevölkerung sollen die Kerninhalte des Mediums sein. “Im Lokaljournalismus muss man als Journalist verfügbar sein und die Leute müssen einen direkten Ansprechpartner vor Ort finden”, sagt Tobias. Und was könnte ein besserer Begegnungsort sein als ein Café?
Demokratischer Diskurs
Das Ziel des neuen Lokalmediums ist es, den demokratischen Diskurs in der Stadt zu fördern. Über Geschichten und Probleme aus Gelsenkirchen wird nicht nur berichtet, sondern auch diskutiert. Denn zusätzlich zum Café und der Redaktion ist das Spotlight auch eine Veranstaltungslocation. So haben Tobias und seine Kolleg:innen zu verschiedenen Diskussionsrunden im Spotlight eingeladen. Zuletzt besprachen die Gelsenkirchener:innen die – aus ihrer Sicht – wichtigsten Themen im aufkommenden Kommunalwahlkampf. Darunter eben auch das Müllproblem, die Gelsenkirchener Flüchtlingshilfe, das kulturelle Angebot und das marode Schulsystem der Stadt.
Es soll allerdings nicht nur bei Diskussionsrunden bleiben. Auf Dauer sollen die Veranstaltungen in dem Café noch weiter ausgebaut werden. “Konzerte, Lesungen oder Stand-Up Comedy würden wir irgendwann auch gerne machen”, sagt Tobias. Da müsse man sich aber noch rantasten. Veranstaltungen planen Redaktion und Gastro-Team gemeinsam. Wegen der Sommerferien und der erst vor kurzem erfolgten Eröffnung des Cafés sei aber noch nichts Konkretes geplant.


Wieso ausgerechnet in Gelsenkirchen?
Für Tobias ist Gelsenkirchen die „spannendste Stadt Deutschlands, was Journalismus betrifft”. In der Pottstadt bündeln sich, laut dem Redaktionsleiter, viele Konflikte, die bundesweit auffindbar sind. Dazu zähle der Erfolg der AfD bei der letzten Bundestagswahl (24,7 Prozent der Zweitstimmen in Gelsenkirchen) und der schwierige Integrationsprozess durch eine Stadt mit wenig finanziellen Mitteln. Ein ganz pragmatischer Grund seien viele leer stehende Ladenlokale und damit einhergehende bezahlbare Mieten. Sollte sich das Café in Gelsenkirchen bewähren, plant Correctiv, ähnliche Lokalredaktionen auch in anderen Städten zu eröffnen.
Kombination aus Gastronomie und Sozialarbeit
Lisa Hommel ist die gastronomische Leiterin des Cafés und studierte Sozialarbeiterin sowie Erziehungswissenschaftlerin. “Neben dem Studium habe ich immer in der Gastronomie gearbeitet, um über die Runden zukommen”, erzählt Lisa. Inzwischen ist sie seit 17 Jahren in der Gastro tätig. Im Spotlight kann sie ihre beiden Berufe kombinieren, denn das Café arbeitet mit den Behindertenwerkstätten Gelsenkirchens zusammen. Derzeit arbeiten im Spotlight zwei Praktikantinnen mit Behinderung.

Das kulinarische Angebot haben Lisa und ihr Team mit einem externen Gastronom erarbeitet. Die Rezepte haben sie an die Gaumen und Geldbeutel der Gelsenkirchener:innen angepasst. Bisher stehen Frühstücksangebote, verschiedene Eierspeisen wie Schakschuka und große Landbrote mit verschiedenen Belägen auf der Speisekarte. “Wir könnten uns auch vorstellen, irgendwann ins Abendgeschäft einzusteigen. Einen konkreten Plan dafür haben wir aber noch nicht”, verrät Lisa. Das neue Café komme zwar bei den bisherigen Gästen schon gut an, aber es fehle noch etwas an Bekanntheit, damit sich die Ausweitung auf eine Abendkarte lohne.
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