Auf dem Gelände der Zeche Carl riecht es nach Herbstlaub. Hoch erhebt sich der wettergegerbte Backstein. Durch die Arkadenfenster sickert etwas Oktobersonne in die alte Eingangshalle. Hin- und wieder legt sich schwaches Stimmengewirr über die fast andächtige Stille. An einer Betonsäule lehnt Simon Burgmer. Er ist Booker, Kulturarbeiter und Gründer des Treibhaus Festivals im Ruhrgebiet.
Lesedauer: 5 Minuten„Das Ruhrgebiet hat so viel Raum und Luft, um Dinge auszuprobieren und gleichzeitig Potenzial, sich ohne Erwartungen in verschiedenste Richtungen zu entwickeln. Das liebe ich hier”, erklärt Simon Burgmer.


Das von ihm erschaffene Treibhaus Festival scheint wie eine unverfälschte Realisierung dieses Potenzials. „Treibhaus ist ein Labor, ein Versuch, ein Ort, an dem Klänge, Menschen und Ideen aufeinanderprallen dürfen“, sagt Burgmer. In der Zeche Carl in Essen-Altenessen treffen progressive Popkultur, Lichtkunst und Essenskultur auf lokale Newcomer*innen und internationale Acts – „mit Ecken und Kanten“, wie Burgmer sagt. „Ich wollte ein Format schaffen, auf das ich selbst Lust hätte und gleichzeitig eine Lücke im Ruhrgebiet füllen.“
„Wir hatten das Gefühl, bei uns passiert nichts. Also mussten wir selbst was machen“
Simon Burgmers Weg in die Kulturszene beginnt nicht in einem Büro, sondern im Jugendzentrum. Ein kleines Dorf im Münsterland, Ende der 2000er Jahre. Er hilft bei Punkkonzerten, lernt Tontechnik, organisiert erste Shows. „Wir hatten das Gefühl, bei uns passiert nichts. Also mussten wir selbst was machen“, erinnert er sich.
Über Dorfkonzerte hinaus organisiert er mit der Zeit auch breitere Kulturveranstaltungen, unter anderem kleinere Musik- und Filmfestivals. Simon Burgmer lächelt, wenn er davon erzählt: „Es war alles Learning by Doing. Diesen DIY-Ansatz habe ich bis heute beibehalten.“

Burgmers Weg führt über Booking-Agenturen und Tourmanagement. Er begleitet Künstler*innen aus Musik, Podcast, Twitch. „Ich war viel unterwegs, aber irgendwann hat mir das Kreative gefehlt, das Gefühl selbst etwas zu entwickeln.“ Die Idee für das Treibhaus Festival lag da schon lange in der Schublade.
Über Münster kommt er nach Dortmund, arbeitet im Jazzclub domicil. Dort übernimmt er die Produktionsleitung. Die Liebe zieht ihn schließlich nach Essen – bis heute.
Zwischen Bürokram und Kreativarbeit
Mittlerweile ist Simon Burgmer selbstständig. Als Kulturarbeiter sitzt er meist an mehreren Projekten gleichzeitig. „Es ist viel Organisation und Kommunikation innerhalb des Teams, aber auch mit externen Partner*innen, Agenturen, Medienpartner*innen, Dienstleister*innen“, sagt Burgmer. „Genau diese Mischung aus Organisation und Kreativität macht es spannend.“ Immer wieder betont er die Wichtigkeit der Zusammenarbeit: „Ohne das Team wäre das alles gar nicht möglich. Das ist der wahre Grund dafür, dass das Festival an den Start gehen konnte.“


Wenn er vom Treibhaus spricht, leuchten seine Augen. „Ich setze mich hin, mache den Timetable auf, schiebe Acts hin und her und stelle mir vor, wie das klingt. Das ist ein schöner Prozess, noch bevor irgendwas gebucht ist.“
Die Arbeit ist nicht glamourös: Förderanträge, Budgetkalkulationen, Logistikplanung, Agenturverhandlungen. Trotzdem beschreibt er die Vorbereitung eines Festivals als eine Art Ritual: „Man ackert durch, zweifelt, hat schlaflose Nächte – und am Ende stehen da 400 Leute im Saal. Sie tanzen, haben einen unvergesslichen Tag und du weißt: Das war’s wert. Leute kamen zu mir, haben sich bedankt. Das hat mich richtig berührt”, erinnert sich Simon Burgmer.
Zum Hintergrund des Treibhaus Festivals
Der Name „Treibhaus“ hat einen Hintergrund: „Das Bild vom Keim, der zur Pflanze heranwächst, passt gut. Die Acts, die bei uns spielen, sind oft am Anfang ihrer Karriere. Das Festival wächst mit ihnen“, erklärt Burgmer. Das Konzept folgt einer einfachen Idee: Musik als Nährboden für Begegnung. Zwischen Künstler*innen und Publikum, zwischen Städten, zwischen Genres. „Wir wollen neue Synergien säen, und gemeinsam schauen, was daraus erwächst.“
Das Festival versteht sich als Labor. Die Mischung aus Konzertsaal und Garten, Musik und Kunst soll zeigen, dass Kultur mehr ist als ein Bühnenprogramm. Illustrator:innen standen neben Graffiti-Artists, ein Gewächshaus wurde zur Kunstgalerie, draußen kochte ein lokales Kollektiv vegane Delikatessen. „Das Drumherum ist kein Beiwerk. Es ist Teil des Erlebnisses.“
„Im Ruhrgebiet weiß man woran man ist und das ist Gold wert.„
Neben der Vielfalt steht Nachhaltigkeit im Zentrum. Das Team arbeite mit lokalen Dienstleister*innen zusammen und sei sich der sozialen Verantwortung bewusst: “Zusammen mit Nachhaltigkeit steht Diversität in unserem Konzept ganz oben – zum Beispiel beim Line-Up”, sagt Simon Burgmer.
Für Burgmer ist das Ruhrgebiet ein offenes Feld: „In Berlin oder Köln gibt’s schon alles. Hier kann man noch Dinge ausprobieren.“
Er beschreibt die Region mit einer Mischung aus Zuneigung und Realismus: „Das Ruhrgebiet ist direkt, manchmal hart, aber unglaublich herzlich. Man weiß, woran man ist. Und das ist Gold wert, wenn man Kultur macht.“

Was ihm fehlt sind Orte, die zwischen den Szenen vermitteln. Zwischen Indie, Pop, Hip-Hop oder Punk, zwischen Stadt und Land, zwischen Studio und Straße. „Manchmal frage ich mich, wo die Leute sind, die ähnliche Interessen haben. Und dann sehe ich sie auf dem Treibhaus und merke: Sie waren die ganze Zeit da.“
„Ich denke an einen Raum, in dem Kultur ganz selbstverständlich passiert“
Über den Festivaltag hinaus soll das Treibhaus weiter wachsen. Burgmer spricht von kleineren Konzerten, Kooperationen mit Clubs und eines Tages vielleicht einem eigenen Ort. „Ein Haus für Musik, ein Café, vielleicht ein Plattenladen, eine Bühne. Ich denke an einen Raum, in dem Kultur ganz selbstverständlich passiert.“
Doch im Moment zählt für ihn vor allem das nächste Festival. „Es gibt noch viel Luft nach oben. Aber das ist ja das Schöne: Ein Treibhaus ist nie fertig.“ Am 30. Mai 2026 öffnet das Treibhaus erneut seine Türen. Der Vorverkauf läuft bereits seit dem 20. Oktober.
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