Geheimkonzerte haben ein besonderes Konzept: Wie bei Sammelkartenpacks oder Überraschungstüten weiß vorher niemand wer drinnen ist. STROBO-Autor Anton Reckmann war auf einem Geheimkonzert in Dortmund und kann so viel vorwegnehmen: Für ihn waren nicht nur die Künstler*innen eine Überraschung.
Ich war auf vielen Konzerten in meinem Leben: ob Cro, Paula Hartmann oder – und ich schäme mich, es zu sagen – RAF Camora. Einmal die Person live erleben, die man sonst nur durch die Kopfhörer kennt. Mit anderen Leuten zu der Musik tanzen, mit der man sonst alleine durch den Alltag geht. Und natürlich die Songs laut mitgröhlen, wie ich es sonst nur unter der Dusche mache. Die besten Konzerte waren für mich immer die, wo ich alle Texte konnte.

Was ist denn ein Geheimkonzert?
Das Kontrastprogramm dazu sind sogenannte Geheimkonzerte, bei denen man wahrscheinlich keinen einzigen Song kennt, denn: Die Acts des Konzerts bleiben bis zu ihrem Auftritt geheim. In der Hauptstadt ist die Konzertreihe “Unreleased Berlin“ mit diesem Konzept groß geworden. Dort waren schon Artists wie Nina Chuba, Souly oder Trettmann.
Die Geheimkonzerte vom Kulturveranstalter Rausgegangen sind musikalisch diverser. Statt ausschließlich Rap kann einen hier quasi alles erwarten: Diese Künstler*innen waren schon dabei. Tickets kann man einfach auf der Website kaufen. Der Ort des Konzerts ist im Vorhinein schon bekannt, bei uns ist es das domicil in der Dortmunder Innenstadt – gar nicht so geheim.
Das Rausgegangen Geheimkonzert in Dortmund
Also stehe ich um kurz vor 20 Uhr am domicil. Vor der Tür treffe ich noch einen Bekannten, der gar nicht mitbekommen hat, dass hier heute ein Konzert stattfindet. Das geht vielen Anderen, die an dem Abend unten an der Bar sitzen, genauso. Also doch ziemlich geheim. Für mich geht’s hoch ins obere Stockwerk und in einen Konzertsaal. Die circa 200 Menschen im Publikum sind zum Großteil jung, im Studentenalter und ausgehfreudig – so wie ich.

Trotzdem herrscht erst eine komische Stimmung: Schließlich existiert außer der ähnlichen Altersstruktur kein gemeinsamer Nenner. Was vereint uns schon? Es gibt keine*n gemeinsame*n Künstler*in, nichtmal ein gemeinsames Genre – wir sind alle hier, um uns überraschen zu lassen. Es wird schon getuschelt, wer wohl auf der Bühne stehen wird. Das bessert sich, als Anni von Rausgegangen auf die Bühne tritt. Sie werde uns heute durch den Abend begleiten und bittet uns als erstes alle näher an die Bühne. Denn auch wir haben eine Aufgabe: Den Artists ein gutes Gefühl geben, also mittanzen, abgehen und vor allen Dingen nicht buhen. Nachdem das klar ist, geht das Konzert nun los.
Der erste Act – Marnele
Der erste Geheimact des Abends ist Marnele. Die junge Bochumer Rapperin hat ihre Karriere erst mit Gedichten gestartet, mittlerweile spielt sie auch auf Festivals wie dem Splash. Das ist Annis Kurzzusammenfassung der jungen Künstlerin, wer mehr wissen möchte, kann gerne unser Porträt über Marnele lesen.
Die Bühnenerfahrung merkt man Marnele auf jeden Fall an. Sie tanzt über die Bühne und tritt selbstbewusst auf. Völlig passend zu ihren Songs mit starken, female-bosshaften Inhalten. Nach einem Auf und Ab zwischen langsameren Balladen und schnellen Rap-Songs gipfelt das Konzert im Song „Macker”.


Während des gesamten Auftritts geht eine Gruppe vor der Bühne besonders ab, es stellt sich heraus: Das sind die Leute von Rausgegangen. Für mich machen sie das Konzert nochmal etwas authentischer. Hier sind junge, kulturbegeisterte Menschen, die den Abend selbst geplant haben und in der Masse aber auch als einfache Konzertgäste durchgehen könnten.
Der zweite Act – Sparkling
Der zweite Geheimact des Abends, so erklärt Anni von Rausgegangen es uns, sei eine Band aus drei Kölner Jungs – kurz schreie ich auf – die schon Voract von Noel Gallagher von Oasis waren. Also doch nicht Annenmaykantereit, naja. Als Sparkling aber mit ihrem ersten Song auf die Bühne kommt, ist meine Traurigkeit direkt wieder erloschen. Das fühlt sich nicht wie der Voract von Noel Gallagher an, sondern wie eine Band, die selbst riesige Stadien füllt. Mit einer solchen Power treten sie zumindest auf.

Offiziell macht Sparkling „Electro-Post-Punk-Pop“. Eine umständliche Aneinanderreihung von Worten, um die Musik der Band zu beschreiben. Der Grundtenor liegt zwischen Rock und Punk und immer wieder kommen experimentelle Elemente mit hinein. So singt der Schlagzeuger mal mit starkem Synthesizer aus dem Hintergrund – das erinnert an Daft Punk, gefällt zwar nicht jedem, mir aber schon. Von den ersten Sekunden bis zum Ende bin ich völlig fasziniert.
Das war die für mich größte Überraschung des Abends: Nicht der Auftritt von Sparkling, sondern, dass er mir so gefällt. Wer es nicht schon an meiner bisherigen Konzerthistorie gemerkt hat – Cro, Paula Hartmann, RAF Camora – das ist alles deutscher Rap. Mein Lieblingsgenre, seitdem ich Musik höre, den Sprung aus dieser Bubble habe ich seit 10 Jahren nicht geschafft.
Sparkling eröffnet mir heute eine ganz neue Welt. Und dafür bedanke ich mich bis zum Konzertende mit exzessivem Tanzen – Mitsingen kann ich ja (noch) nicht.
Für wen lohnt sich das Ganze?
Ich verlasse mit tauben Ohren das domicil und tanze noch mit den letzten Songs von Sparkling im Kopf bis zur U-Bahn. Für mich war das Geheimkonzert ein neuer Blick auf Konzerte an sich: Wer nur darauf hofft, für wenig Geld bekannte Künstler*innen zu sehen, ist hier falsch und wird enttäuscht. So gesehen war ich auch fehl am Platz, habe mich aber schnell angepasst. Die wahre Stärke dieser Konzerte liegt für mich darin, seinen musikalischen Horizont zu erweitern.
Ein Geheimkonzert ist die Shuffle-Funktion der Musikveranstaltungen. Ich habe eine neue Lieblingsband entdeckt und einen starken Auftritt einer Rapperin aus dem Ruhrgebiet erlebt. Und ganz ehrlich: Verschwitzt in der quietschenden U42 fühlt sich das viel besser an, als zum x-ten Mal Cro oder Paula Hartmann zu sehen.
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