Wir waren an einem Tag auf so vielen Weihnachtsmärkten wie möglich! Das haben wir gelernt!

Letztes Jahr Weihnachten war ich enttäuscht. Nicht wegen der Geschenke oder Familienstreitigkeiten. Ich war enttäuscht von mir selbst. Maximal zwei oder drei Mal hatten mich meine Füße in der Adventszeit auf den Weihnachtsmarkt getragen, mein Glühweincount ließ sich an einer Hand abzählen. Wenig freie Abende, schlechtes Wetter, ich weiß nicht mehr, woran es genau lag. Nur, dass diese Tragödie keine Tradition werden sollte. Was ist also die logische Schlussfolgerung?

Lesedauer: 9 Minuten

Sich STROBO-Chef-Fotograf Lennart Neuhaus schnappen und das bisher Unversuchte versuchen: Alle Weihnachtsmärkte des Ruhrgebiets an einem Tag besuchen. Ach ja, und überall einen Glühwein trinken.
Ach ja, und nur mit Bus und Bahn fahren.

Montag, 11 Uhr, Dortmunder Weihnachtsmarkt

Wir starten am Dortmunder Hauptbahnhof, Meisterschaftskandidat der Top 10 Orte Deutschlands, an denen morgendlicher Alkoholkonsum keine verwunderten Blicke nach sich ziehen. Wir ziehen 300 Meter innenstadtwärts, holen kurz Geld. Dann platzieren wir uns, etwas verklatscht, schamvoll und gleichzeitig freudig erwartend beim erstbesten Heißgetränkestand. Wann er normalerweise seinen ersten Glühwein des Tages verkaufe, will ich vom Wirt erfahren. Weiß er nicht. Wir seien aber die ersten. Der Dortmunder Weihnachtsmarkt hat um 11 Uhr aufgemacht. Es ist 11:07. Nie hat sich ein Glühwein so falsch angefühlt. Aber er schmeckt, kostet 3,50 Euro und kriegt von uns eine 4/5. Schnell weg, den größten Fake-Weihnachtsbaum der Welt schauen wir uns gar nicht erst an, wir haben noch einiges vor.

5 Euro Pfand für diese Tasse? Dann doch lieber zurückgeben. Foto: Lennart Neuhaus.

Schwuler Hirsch in Unna

Die Eurobahn bringt uns in die zweitgrößte, aber einzige Unna-themed Stadt des Kreises Unna: Unna. Der Weihnachtsmarkt erstreckt sich über eine Einkaufsstraße, die die Heilige Dreifaltigkeit aus Vero Moda, Stadt-Parfümerie Pieper und Hugendubel vereint. Mein persönliches Highlight ist ein Weihnachtsmarktstand, der neben Hüten und Schals auch Labubu-Wackelohrmützen verkauft. Also Kopfbedeckungen mit langen Ohrschützern, die, wenn man an ihnen zieht, ein weiteres paar Ohren weiter oben bewegen. Plus Labubu-Gesicht. Checkt ihr?

Auf dem tatsächlich ansehnlichen Marktplatz Unnas erwarten uns 0,2 Liter weißer Glühwein. Sehr heißer weißer Glühwein. Am selben Stand könnten wir auch einen „Schwulen Hirsch“ bekommen – Jägermeister mit Baileys. Wir entscheiden uns aber aus 50% politischen Gründen und 50% purem Ekel dagegen. Es ist 12:27 Uhr. Um uns herum wird bereits die erste oder zweite Mittagspausentasse weggehauen, bevor dann der nächste Bausparvertrag verkauft wird. Am Montag. Was ein Leben. 3,5/5.

Glühwein im Sonnenschein, so schön kanns nur in Unna sein! Foto: Lennart Neuhhaus.

Hagen, der Superlativ von „Muss man mögen wollen“

Im Inneren des nächsten Zuges hat jemand die Eurobahn auf einem Schild mit Edding liebevoll in „Teurobahn“ umbenannt. Schön. Nach 25 Minuten kommen wir in Hagen an. Das Erste, was ich sehe, ist ein leerstehendes Hochhaus. Das ehemalige Arbeitsamt thront über der Stadt. Kennt ihr den Subreddit r/evilbulidings

Ich weiß nicht, ob ich schon mal bewusst in Hagen war. Meine Kollegin Leonie hat hier vor einiger Zeit mal nach Kultur und Szene gesucht – kleiner Lesetipp an der Stelle. Wir sind aber hier für den Weihnachtsmarkt, wenn man ihn denn so nennen möchte. Die Innenstadt von Hagen ist hässlich, da helfen auch Weihnachtskugeln und LED-Bäume nicht. Ehrlich gesagt verschlimmbessern sie sogar vieles. Der Stil des Marktes gleicht dem eines 13-jährigen Gamers, der gerade RGB-Beleuchtung für sich entdeckt hat. Ich will das irgendwie edgy finden. Am Ende ist diese Mischung aus Kirmesfahrgeschäften, Märchenszenen hinter Plastikscheiben und Ständen mit dem Sortiment von 1-Euro-Shops aber einfach trashig. Ich weiß, Hagen ist hart verschuldet, Strukturwandel hier, schlechte Architektur da. Aber warum kann nicht wenigstens der Glühwein lecker sein. Vielleicht bedingt sich das ja. 13:45 Uhr, 3,50 Euro, 2,5/5. Sorry.

Hagen, seid ihr gut drauf? Wieso nicht? Foto: Lennart Neuhaus.
Rote Tasse, auch eine Design-Choice! Foto: Lennart Neuhaus

Das W in Weihnachten steht für Witten

Meine Stimmung bessert sich auf dem Weg nach Witten. Vorbei an der Ruhr (schön), dann zurück ins Gebiet (Lärmschutzwände). Witten hat irgendwas Süßes an sich. Vielleicht, weil es vergleichsweise klein ist? Oder aufgeräumt? Der Wittener Weihnachtsmarkt ist überschaubar und hat es sich auf dem Rathausplatz gemütlich gemacht. Viele Tannen, viel Holz, dekoratives Rathaus. Wir müssen uns sputen, sonst verpassen wir den Schienenersatzverkehr. Glühweinpyramide, 14:42 Uhr, Rosé-Glühwein, 3,50 Euro. Auf dem Rückweg hasten wir vorbei an einem Geschäft, in dessen Eingang ein als Weihnachtsmann kostümierter Mitarbeiter Luftballontiere für Kinder kreiert. Ich sag ja, süß. 4/5.

Aus Zeitgründen wird der umgefüllte Glühwein im Pappbecher genossen. Foto: Lennart Neuhaus.

Bratwurst, Bochum, Blühwein

Um das nochmal klarzustellen: Ziel dieser Odyssee ist es nicht, den schönsten Weihnachtsmarkt zu finden. Oder den besten Glühwein. Das sind Nebenerkenntnisse, die auch toll sind. Plan ist aber, so viele Heißgetränke auf so vielen Weihnachtsmärkten in kürzester Zeit zu trinken. Late-Stage-Capitalism in der sparkly Christmas-Edition. Dafür perfekt ist der Bochumer Weihnachtsmarkt – oder zumindest die vier Buden, die direkt auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofs stehen. Eine verkauft Crêpes, eine Mandeln, eine Bratwurst und eine Glühwein. Was will ich denn mehr? Ankommen, Bratwurst fetzen, Glühwein exen, weiterfahren. Wären alle Städte so, hätten wir ganz NRW an einem Tag geschafft. Der Glühwein ist weiß und durchschnittlich, es ist 15:54 Uhr, Kostenpunkt irgendwo zwischen 3,50 Euro und 4 Euro, ich hab’s vergessen aufzuschreiben, sorry. Die ganze Sache kriegt ne 3,5/5.

Natürlich hätte Bochum noch viel mehr zu bieten: Fliegender Weihnachtsmann, Mittelaltermarkt, Glühweinkarussell auf dem der Schlager immer 3 Stufen zu laut läuft. Meiner Meinung nach ist Bochum ja auch im Besitz des besten Weihnachtsmarkts der Welt, aber das hat garantiert nichts damit zu tun, dass ich 10 Minuten entfernt davon wohne, nein nein. 

Überlebenswichtige Zwischenbratwurst. Foto: Lennart Neuhaus.

gHerne

Am Bochumer Bahnsteig der U35 werden wir Teil eines Phänomens, dass in einer Soziologie-Vorlesung durchgenommen werden könnte. Junge, bachelorarbeitschreibende Rucksackträger:innen hetzen aus der U-Bahn in die Regionalexpresse, ältere, vom Leben beschriebene Tütenträger:innen in die U-Bahn nach Herne. Erörtern Sie diesen Wechsel anhand der Habitustheorie von Pierre Bourdieu, viel Erfolg. Wir steigen mit ein, um wenige Blicke auf die DB App später in Herne plötzlich in einem großen Zelt zu sitzen. Der Herner Weihnachtsmarkt ist mehr eine Meile, eine kleine Ansammlung von Hütten auf der Haupteinkaufsstraße der Innenstadt.

Und es ist schön hier! Also zumindest, wenn es schon so langsam dämmert und alles romantisch beleuchtet ist und wir schon 5 Glühweine getrunken haben. Wir sitzen im Warmen, auf bequemen Stühlen und der Stand hat sogar ein eigenes Klo. Um uns herum tratschen Renter:innen, manche auf Pause von der Shoppingtour, manche wirken so, als ob sie hier täglich sitzen. Vor dem Zelt haben sich drei Teenager platziert und trompeten mehr oder weniger gewollt dreistimmig Weihnachtslieder. 16:31 Uhr, Kneipengefühl, hier könnte ich länger bleiben. Der Glühwein soll nach Himbeeren schmecken, ist aber vor allem süß. 4,5/5. Ich mag süß.

Oh, wie schön ist Recklinghausen

Kommen wir zum heimlichen Star dieser Reise: Recklinghausen. Junge, ist das schön da. Klar, so eine Kleinstadt wird im Krieg nicht so zerbombt, aber warum kann Hagen nicht so süße, kleine Fachwerkhäuser haben. Alles ist so liebevoll dekoriert, der Markt ist klein, aber fein. Jaja, es weihnachtet sehr in RE. Mittlerweile ist es halb sechs, Weihnachtsmarkt-Primetime. Das Publikum ist ein gar nicht so wilder Mix aus Jung-Anwälten, die ihrer Freundin stolz das Wein-Weihnachtsgeschenk ihrer Arbeit präsentieren – „Der ist sicher teuer“ – und dem Monatstreff der Landfrauenbewegung – „Noch einen, Brigitte?“. Alle weiß, alle bürgerlich. Aber trotzdem ist es cozy, da wirkt selbst das Café Extrablatt auf der anderen Straßenseite wie das Winterwunderland. Der Glühwein kostet 4 Euro, der teuerste bisher, aber das ist egal. Weihnachten können sie hier. 5/5, ich werde immer mehr zum Boomer.

Das R in RE steht für wohliges Rentnerparadies. Fotos: Lennart Neuhaus.

GEfällt mir leider nicht

Siebter Stopp: Gelsenkirchen. Ich will diese Stadt wirklich mögen, ehrlich. Mittlerweile gibt es so viele neue, gute Kulturspots in GE, aber der Weihnachtsmarkt ist keiner davon. Ich glaub, es liegt nicht mal am Markt selbst. Aber hier ist keiner. Niemand. Wenn sich Recklinghausen wohlig warm anfühlt, ist das hier Sibirien. Ja, es ist Montagabend, 19 Uhr, aber das hält in anderen Städten ja auch niemanden davon ab, mal lecker Lángos zu zerstören. Auf dem Heinrich-König-Platz hat die Stadt ganz süße Hüttchen aufgestellt, sogar mit Picknicktisch drin. Was in anderen Städten Massenschlägereien um Sitzplätze auslösen würde ist hier – leer. Der Glühwein kostet 3,50 Euro, schmeckt nicht, vermutlich wegen der Vibes, 2/5. Ich hab es wirklich versucht zu mögen, vielleicht hätten wir am Wochenende kommen müssen.

Eine Hütte, zwei enttäuschte Gesichter. Foto: Lennart Neuhaus.

Wir trinken hastig aus, denn wir merken: Langsam wird’s knapp mit der Zeit. Die meisten Weihnachtsmärkte machen um 21 Uhr zu, manche sogar früher. Wir würden gerne nach Duisburg, aber dann schaffen wir keinen weiteren Markt mehr. Das CentrO in Oberhausen muss jetzt echt nicht sein, also geht’s nach Essen.

Das ist mir alles zu viel

Der Essener Weihnachtsmarkt bezeichnet sich selbst als „International Christmas Market Essen“, deshalb schreibe ich den nächsten Absatz für unsere internationalen Leser:innen auf Englisch:

What the fuck, Essen! Why are you so full! And what exactly makes you more international than, let’s say, Dortmund. Can’t be Flammlachs and Churros, right? And why the hell would you need to be SO HUGE. We couldn’t get past the first ten huts without being way too close to strangers than we would ever want to be. I don’t know if you’re pretty, I don’t know if you’re christmassy, I just know you’re too much for me. Mulled Wine was 4 Euro, tasted okay, please be less popular so I can get to the essendiese hut next time. 2,5/5.

„How I felt in Essen“, symbolic picture, photo: Lennart Neuhaus.

Die drei Weisen von Bottrop

Unser letzter Stopp wäre an Essen eigentlich gut angebunden, aber der Schienenersatzverkehr tritt uns nochmal so richtig von hinten in die Hacken. Mit dem Schnellbus, so nennt er sich zumindest, geht’s nach Bottrop – nenn mir eine Stadt, die mehr nach Pott klingt als Bottrop. Naja, Glück für uns: Wäre die Bahn gefahren, hätten wir am Zielbahnhof ziemlich dumm gestanden. Denn der ist gar nicht in der Innenstadt. Da muss man dann nochmal Bus fahren. Frech! Naja, voller Vorfreude auf unseren letzten Glühwein des Tages, aber vor allem auf unseren Feierabend, tapsen wir etwas verloren durch das, was man City nennen könnte. Bis uns Lichterketten den Weg ins gelobte Land weisen. Auf ihnen steht geschrieben: „Bottrop wünscht frohe Weihnachten“.

Was ist denn hier los? Garantiert nicht gestelltes Foto. Foto: Lennart Neuhaus

Doch das Einzige, was wir die vielen geschlossenen Buden entlanggehend erblicken, sind drei Weise, ihre Hände geklammert um einen Glühwein, an einem Stehtisch verweilend. Wir blicken sie begeistert an, sie blicken entgeistert zurück. Verständlich, was machen zwei junge Menschen um diese Uhrzeit, 20:40 Uhr, auf dem theoretisch noch geöffneten, aber praktisch schon geschlossenen Bottroper Weihnachtsmarkt. Da kommt der Wirt der Glühweinherberge um die Ecke, ein letzter Funken Hoffnung leuchtet in unseren Augen auf, doch er hat kein Zimmer, ähh stop, keinen Glühwein mehr: „Hömma, wenn ich jetzt hier noch bis 21 Uhr offen hätte, da verkauf ich doch nichts mehr! Ich bin eh schon immer der Letzte, der zumacht“, sagt er und sammelt die leer getrunkenen Tassen der drei Weisen ein. Aber, er hätte noch einen Platz in der Krippe, nee, warte, eine Kneipenempfehlung für uns. So befinden wir uns fünf Minuten später vor einem Ecklokal mit dem wundervoll klingenden Namen „Am Hallenbad“. Gut, ein Hallenbad ist weit und breit nicht zu sehen, das wurde auch vor über 15 Jahren schon abgerissen. Aber die Kneipe steht hier seit fast 70 Jahren und wie gut ist das denn bitte.

Der Wirt stutzt bei der Frage nach Glühwein kurz, dann fällt ihm ein, dass er, ich vermute, noch ein Tetrapack im Lager hat und wärmt es für uns in Kaffeetassen in der Mikrowelle auf. Während wir warten, schallt sehr lauter Viking Metal aus der übergroßen JBL-Box. Den Mann am Spielautomaten freut es, die anderen Männer, vielleicht fünf weitere, alle allein da, scheint es zumindest nicht zu stören. Wir kriegen unseren Glühwein, der freundliche Wirt, irgendwas zwischen 35 und 45, Kurzhaarschnitt, fragt uns, ob er warm genug ist. Wir nicken, auch wenn der Glühwein nicht warm genug ist. Der Spielomann und der Wirt haben sich mittlerweile auf eine neues Genre geeinigt: Schlechter Hardstyle. Die Musik ist so laut, dass wir uns gegenseitig nicht verstehen. Das Licht ist irgendwie zu hell für eine Kneipe, alles ist leicht off, aber auf eine faszinierende Art. Am Ende halt auch einfach Montagabend 21 Uhr. Wir gucken uns an und trinken unsere Tasse schnell aus. Das war der größte, billigste und mit Abstand ekelhafteste Glühwein des gesamten Tages. 5/5. 

Der vielleicht beste und schlechteste Glühwein zugleich. Danke Bottrop. Foto: Lennart Neuhaus.

Fazit

10 Städte, 10 Glühweine, 12 Stunden unterwegs, 18k Schritte. Das schafft man also an einem Tag, wenn man will. Wenn ihr mehr schafft, schreibt mir unter kontakt@strobo.ruhr. Wer sich jetzt Sorgen um unsere Leber macht, der sei beruhigt. Bis Bottrop haben wir uns die Tassen geteilt, von 0,1l jede Stunde wird man nicht wirklich betrunken. Würde ich das nochmal machen? Nein! 

Aber ich weiß jetzt, dass es auch außerhalb von Bochum schöne(re) Weihnachtsmärkte gibt. Und, dass es echt easy ist, mit ÖPNV in andere Städte zu kommen. Ich weiß, wir lieben es, uns über ausgefallene Züge zu beschweren, auch wir saßen an dem Tag in SEVs. Aber ich kenne keine andere Region, wo man, wenn man wirklich will, 10 Städte an einem Tag besuchen kann. Also raus mit euch, ab auf andere Weihnachtsmärkte, die schönen und die hässlichen, und trinkt ein Heißgetränk für mich mit.

Die gesamte Route für euch zum nachtrinken. Viel Spaß! Gif: Lennart Neuhaus

Bock auf mehr STROBO? Lest hier: „Live auf Vinyl, Fokus auf Soundqualität und Gespräche (ins Blaue) über die Musik“ – Das Mono Listening Café in Dortmund

Mein Bild