„Wir wollen der verhaltensauffälligste Slam sein“: Die WestStadtStory in Essen 

Der Verein WestStadtStory veranstaltet seit 2011 Poetry Slams in Essen. STROBO war bei einem Slam vor Ort und hat mit dem Team rund um die Poesie-Schlachten gesprochen.

Wenn ein einzelnes Mikrofon auf der Bühne steht, ist in der Weststadthalle in Essen Zeit für Poetry Slam. Auch als im Sommer die Slams des Vereins WestStadtStory draußen stattfanden, sah die Bühne nicht anders aus. Die WestStadtStory hatte zum Queer Slam eingeladen, der sich im Grunde nicht groß von anderen Poetry Slams unterscheidet – abgesehen von der klaren thematischen Ausrichtung. Es geht um queere Themen aller Art: von lustigen Liebesgeschichten über Identitätsfragen und schwierige Erfahrungen.

Das Prinzip: In vier Battles werden die Finalteilnehmer:innen ausgewählt, die dann mit einem zweiten Text nochmal auf die Bühne kommen. Am Ende gewinnt eine dieser vier Personen. Im Mittelpunkt steht aber, dass die Künstler:innen vom Publikum und voneinander gefeiert werden – unabhängig vom Ergebnis.

Jan Seglitz, der hier von allen nur Jay Nightwind genannt wird, hat die WestStadtStory vor elf Jahren mit ein paar Freunden gegründet. Für ihn geht es dabei um mehr als nur um Unterhaltung: „Wir haben einige Leute, bei denen ich mir nicht mal sicher bin, ob die aus Spaß da stehen, sondern aus politischer Überzeugung und weil sie sagen: Ich will gesellschaftlich repräsentiert sein.“ Dafür sei Poetry Slam seiner Meinung nach genau das richtige Format: „Wenn wir uns zum Teil mit denselben Texten in die Essener Innenstadt stellen würden, dann würde niemand stehen bleiben. Zum Poetry Slam kommt das Publikum aber freiwillig. Jede BIPOC-Person oder jede queere Person, jede Person, die sich da hinstellt und etwas erzählen will, wird also ein Publikum finden.“

“Ich war selber noch ein Slam-Küken”: Jay Nightwind von der WestStadtStory

Die Idee zur WestStadtStory kam dabei vom Jugendamt Essen, das sich ein Programm für die neu eröffnete Weststadthalle ausdenken musste. Zu der Zeit hat Jay erst mit dem Poetry Slam angefangen und wurde ursprünglich von der Weststadthalle eingeladen, um sie zu beraten. Dabei bleibt es aber nicht – Jay wird kurzerhand angeheuert, die Slams auch zu organisieren. „Ich war selber noch voll das Slam-Küken und hatte keine Ahnung, wie Slam funktioniert“, sagt er heute. Dennoch hat es funktioniert: Inzwischen sind insgesamt neun Leute im offiziellen Team und ein eingetragener Verein ist WestStadtStory auch. „Wir haben damals angefangen – und irgendwie einfach vergessen, wieder aufzuhören“, sagt Jay.

Heute geht das Programm sogar über den Poetry Slam hinaus: Es gibt unter anderem den „Schreibtisch“, bei dem sich Poetry-Künstler:innen und solche, die es mal werden möchten, über ihre Erfahrungen und Texte austauschen können. Personen mit und ohne Bühnenerfahrung geben sich hier gegenseitig Feedback zu ihren Texten. Dabei gehe es in erster Linie um Empowerment und einen Dialog über die Texte, weniger um das Verbessern von ihnen. In Zukunft sollen noch mehr Angebote dazukommen, insbesondere für erfahrenere Slammer:innen. „Im Poetry Slam sind Workshops für Fortgeschrittene noch sehr selten. Einer unserer nächsten Workshops wird mit einem Unternehmensberater sein, der den Leuten beibringt, wie man die Selbstständigkeit organisieren kann“, erzählt Jay.

 

Die WestStadtStory soll ein Platz für alle Menschen sein: „Bei uns im Publikum sitzen eben nicht nur studierte Leute, und auf der Bühne auch schon gar nicht. Die Bühne und das Ruhrgebiet sollten ein Platz sein für alle, die Bock haben, was zu machen“, sagt Jay.

Deshalb kann im Grunde hier jede:r auf die Bühne kommen – zum Beispiel bei den regelmäßig stattfindenden offenen Slams. So entdeckt das Team immer wieder neue Talente, die dann auch in anderen Formaten – wie dem Queer Slam – auf der Bühne stehen. „Wir wissen selbst: Es ist unmöglich, alle Künstler*innen auf dem Schirm zu haben“, sagt Jay. Deshalb lasse sich das Team gerne von Künstler:innen neue Slammer:innen empfehlen oder spreche auch mit anderen Slams. Die offene Liste erweitert dieses Konzept: „Ich wurde dort öfter überrascht von Leuten, von denen ich vorher noch nie gehört habe“, sagt Jay.

WestStadtStory in Essen: „Wir wollen anders sein“

Trotz Corona hat die WestStadtStory Wege gefunden, aktiv zu bleiben, sei es über Online-Workshops oder Open-Air-Slams. Besonders wieder ein Live-Publikum zu haben, findet Jay wichtig: „Slam lebt von den Publikumsreaktionen. Und wir haben ein tolles Publikum, das sich online bemüht hat, zu reagieren. Aber das hatte nicht denselben Flair.“

Jetzt, wo wieder mehr Live-Slams möglich sind, will das Team wieder richtig durchstarten. Mehr Workshops, die Vereinsstrukturen stärker etablieren und Formate weiterentwickeln. Der Grundgedanke der WestStadtStory ist und bleibt aber bestehen, sagt Kim Catrin, die ebenfalls zum Team der WestStadtStory gehört: „Das, was ich am coolsten finde, passiert halt schon: Wir sind ein kostenloses Kulturevent, wo alle jederzeit hinkommen können, um sich nice Kultur reinzuballern. Das ist das erstrebenswerteste, was es in jeder Stadt geben sollte.“

Trotzdem wird im Team noch ein bisschen geträumt. Von der Weltherrschaft, einem noch diverseren Team – und dem gewissen Etwas, zumindest bei Jay: „Ich will wieder der verhaltensauffälligste Slam sein. Ich finde alle Slams geil, aber ich will wieder, dass wir anders als die anderen sind.“

Bock auf mehr STROBO? Lest hier: „Weniger schwarz, mehr rosa“ – Ein Abend auf der „Babylove“ in Dortmund.

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