Auf der Suche nach der Kultur-Szene: Ein Tag in Mülheim an der Ruhr

Helge Schneider kommt aus der Stadt und Ed Sheeran hat dieses Jahr sogar dort übernachtet: Es geht um die Großstadt Mülheim an der Ruhr. Aber wie sieht es mit der Kulturszene vor Ort aus? Diese Frage hat sich STROBO:Redakteurin Leonie gestellt und war einen Tag im Mülheim unterwegs.

Dieser Artikel wurde gefördert durch den Förderpott Ruhr
Es ist noch früh, als der RE6 im Bahnhof einfährt, reger Freitagmorgenverkehr herrscht. Menschen sind auf dem Weg zur Arbeit oder läuten verfrüht ihr Wochenende ein. „Mülheim an der Ruhr“ steht auf dem blauen Schild geschrieben. Es ist die Stadt, in der ich und Fotograf Lucas heute die Kulturszene entdecken sollen. Nur wenig später fährt uns der 122er raus aus dem Zentrum, Richtung Ulmenallee und Technikum. Auch der Bus ist voll, eine Frau hält eine Box in der Hand, die sie mit einem blauen Tuch abdeckt – als wir Richtung Schloß Broich fahren, wird klar, dass es ein Vogelkäfig mitsamt Bewohner ist. Wenig später stehen wir vor dem Technikum.

Hier wollen wir uns die Ausstellung „Monets Garten“ anschauen, die zu dem Zeitpunkt noch läuft und auf Social Media sehr präsent ist. Sie soll das Werk des französischen Impressionisten erlebbar machen, mit großen Lichtinstallationen, die seine Gemälde und Geschichte rekonstruieren. Zugegeben: Die Karten sind mit 18 bis 22 Euro wirklich nicht günstig. Das scheint die Menschen im Technikum jedoch nicht abzuschrecken, denn innerhalb der ehemaligen Lagerhalle ist es brechend voll. Das hört man auch durch ein unterschwelliges Gemurmel, dass sich wie eine Konstante durch die Ausstellungsräume zieht und die klassische Musik im Hintergrund teils zu durchbrechen scheint.

Monets Seerosengemälde ziehen sich zusammen und gehen auseinander, lösen sich auf und werden zu einem einheitlichen Bild. In einem Nachbau seiner Gartenhütte dirigieren die Besuchenden selbst mittels eines Bewegungssensors, in welche Richtung sich die Farbstriche ziehen. Im finalen Raum wird schließlich die Geschichte Monets erzählt, mit Bildern, die den Raum verändern. Es ist wohl der vollste Raum an diesem Vormittag – Menschen stehen, sitzen, liegen nebeneinander auf Sitzsäcken oder Hockern und tauchen in Monets Welt ein. Das ist auch das Ziel der immersiven Ausstellung, die am Donnerstag von „Van Gogh – The Immersive Experience“ abgelöst wurde. Die Ausstellung folgt dem gleichen Schema, tourt auch durch verschiedene Städte und Länder und soll in Mülheim noch bis zum 15. Januar 2023 zu sehen sein.

Dass deutschlandweite und internationale Ausstellungen dieser Art nach Mülheim kommen, zeigt, dass das Technikum eine Veranstaltungshalle ist, die es schafft, Publikum außerhalb von Mülheim in die Großstadt zu ziehen.


Mülheim an der Ruhr: Zwischen Rapper Manuellsen und „toter“ Szene

Nachdem wir eine gute Stunde in der Ausstellung verbracht haben, müssen wir schon weiter: Denn unser Zeitplan ist voll, und wir sind in 15 Minuten mit dem Mülheimer Rapper Luko und dem Musikvideo-Produzenten Tom verabredet. „In Mülheim gibt es ein paar großen Namen, wie Manuellsen, der die Stadt irgendwann auf die Karte gebracht hat, aber das ist eher alteingesessene Kultur, an denen sich die Jugend nicht wirklich orientieren kann“, erzählt Luko. „Ich bin überwiegend allein unterwegs, weil ich mich nicht mit allen hier identifizieren kann“, sagt er. Wir bestellen Pizza als Luko weiter ausführt. Die Rap-Szene in Mülheim sei ein wenig tot – es gebe zwar eine kleine Underground-Szene rund um den Rapper Yung Trop, die bekäme aber kaum Aufmerksamkeit. „Dadurch halten die aber auch zusammen“, sagt Luko.

Er selbst release seine Songs nach Gefühl, zuletzt hat er Ende September den Track „Entenhausen“ veröffentlicht. Sein meistgeklickter Track „Tanz im Club“ von 2018 zusammen mit seinem Produzenten Arxhend hat über eine halbe Million Aufrufe auf Spotify erreicht. „Das ist jetzt gar nicht das, mit dem ich mich unbedingt identifiziere, das ist schon vier Jahre her“, sagt er heute.


Mit dem Rap hat er im Alter von elf Jahren angefangen, inspiriert von Bushido und Sido, mit 18 wollte er schließlich etwas aufnehmen und den eigenen Stil finden. Noch in der Schule releast Luko seinen ersten Track. „Rap ist meine Leidenschaft, ob ich damit viel oder wenig verdiene, ist mir egal“, sagt er. Sowohl er als auch Tom, der auch Lukos Musikvideos produziert, haben schon überlegt aus Mülheim wegzuziehen, erzählen sie. „Eine Kulturszene gibt es hier in meinen Augen nicht. Das hält mich auf gar keinen Fall. Ich muss hier auf jeden Fall weg, Alter. Alle erfolgreichen Leute verpissen sich von hier“, sagt Luko.
Wenn man auf jungen Rap aus Mülheim schauen wolle, solle man sich mit Rapper Ali G beschäftigen, mit dem Luko auch schon zusammen aufgetreten ist: „Der ist der aktuelle Hoffnungsträger. Ali G ist ein sehr krasser Rapper und ein guter Freund von uns.“ Auch Yung Trop bekäme zu wenig Aufmerksamkeit für die Musik, die er mache. Ein wichtiger Produzent aus Mülheim sei zudem 808Leaf.

Es gebe in Mülheim keine wirkliche Hip-Hop-Location, sagen sowohl Tom als auch Luko. Man müsse beispielsweise nach Essen fahren, „wenn da was hinfährt“, sagt Luko und lacht. Die junge Szene Mülheims treffe sich an der Freilichtbühne, auch würden Underground-Raves unter der Konrad-Adenauer-Brücke veranstaltet.

Wir gehen ein wenig weiter zu einem Wohnblock, um hier zu shooten, dann geht es in die Mülheimer Altstadt – und von Rap zu Synth-Punk.

I am the Fly: Synth-Punk aus Mülheim

Am Café „Kaff“ warten femaly fly und male fly von der Band I am the fly auf uns – benannt nach dem Song von Wire. Die beiden tragen ausnahmsweise nicht ihre charakteristischen Fliegenmasken, die sie später für das Shooting jedoch wieder aufsetzen, möchten aber trotzdem, dass wir nicht ihre richtigen Namen im Text benutzen. Die beiden spielen seit 20 Jahren in verschiedenen Bands, von Neo-Klassik bis Postpunk, mal zusammen, mal getrennt. Seit drei Jahren leben sie in Mülheim, female fly kommt aus der Stadt, male fly ursprünglich aus Essen. Bei I am the fly mischen sie Sounds der Drummachine und Orgel. „Ich finde Musik ist teilweise super langweilig geworden“, sagt male fly. „Wir wollten unsere Musik ausprobieren und schauen, was dabei rumkommt“, sagt female fly.


Bezüglich der Kulturszene halte das AZ Mülheim einiges am Leben, erzählt male fly: „Seitdem ich 16 bin, gehe ich da auf Konzerte.“ Hier würde sich kulturell das meiste abspielen, generell seien die kulturellen Spielstätten allesamt in der Innen- oder Altstadt ansässig. Auch im Makroscope, das nur wenig entfernt vom Café „Kaff“ liegt, würden Konzerte veranstaltet. Im Ringlokschuppen – dem wohl bekanntesten kulturellen Namen in Mülheim – gebe es zwar kulturelle Angebote, aber keine Subkultur. „Die Innenstadt in Mülheim ist außerdem tot“, sagt female fly – dafür gebe es in der Stadt viel Natur.

Als I am the fly haben female fly und male fly im Mai ihr Album „pattern/function“ mit sechs Songs herausgebracht, die sich irgendwo zwischen tranceartigem Dröhnen und getriebenen Beats befinden. Über ein Jahr haben sie an dem Album gearbeitet. Sie würden selbst nur wenige Bands aus Mülheim kennen, erzählen sie. Das AZ könne uns an dieser Stelle aber sicherlich weiterhelfen. Den Namen der Band Ataxie aus Mülheim geben sie uns mit auf den Weg, mit der Anarcho-Punk-Band hätten sie einmal fast zusammengespielt.

Kultur in Mülheim an der Ruhr: Ein Stopp im AZ Mülheim

Die beiden bringen uns noch in Richtung des Autonomen Zentrums – einem Gebäude, das schier in Graffiti untergeht. Letztens habe es eine Explosion in der Einfahrt gegeben, erzählt mir Fabian, der als Techniker für das AZ arbeitet. Er stammt aus Mülheim, hat in Gelsenkirchen studiert, und ist dann zurückgekommen. Bei der Explosion sei nichts passiert, lediglich die Scheibe eines Autos sei dadurch zersprungen, sagt er. Es sei unklar, ob sie dem AZ gegolten habe – Vorfälle wie diese gebe es jedoch ab und an. „Wir hatten auch schon einmal brennende Scheiße in der Einfahrt“, sagt er.

Er führt uns in das Gebäude. Der beißende Duft von altem Gemäuer sticht in die Nase – oder die Mischung aus Desinfektionsmittel, Chlor und Schimmel, wie Fabian es zusammenfasst. Das Autonome Zentrum Mülheim gibt es seit über 25 Jahren, das Gebäude war in früheren Zeiten eine Papierfabrik, woran Pferdetröge an den Wänden erinnern. Heute ist das Gebäude von innen von Stickern und Graffitis bedeckt. „Das ist die Essenz aus 25 Jahren“, sagt Fabian. Der Schriftzug „Ich mag mich“ auf rosafarbenem Hintergrund sticht ins Auge. Fabian war zum ersten Mal mit 18 Jahren im Zentrum zu Gast und arbeitet nun seit ungefähr fünf Jahren für das AZ.

Das AZ Mülheim ist selbstverwaltet, es gibt keine:n Chef:in, alle Entscheidungen werden im monatlichen Plenum getroffen. Dazu gibt es noch Mitarbeiter:innenbesprechungen. Dabei sind die Angebote offen für alle. „Auch das Programm wird von Leuten gestaltet, die Lust darauf haben“, sagt Fabian. Das AZ Mülheim veranstaltet Partys in verschiedenen Genres von Elektro über Hip-Hop bis Rock und die Festivals „Untergang“ und „Frostpunks“, die im Punk- und Metal-Bereich anzusiedeln sind. Auch gibt es dort einmal im Jahr eine große Ausstellung. Finanzielle Unterstützung bekommt es von der Stadt. Das AZ Mülheim versteht sich als Safe Space für alle Menschen und veranstaltet die queere Party „Genderterror“, die vor über 15 Jahren aus dem Umfeld der Ruhr Uni Bochum entstanden sei.

Das DIY-Prinzip liegt in der DNA des AZ Mülheims. Daraus resultiert auch, dass Bands, die gerne auftreten möchten, sich einfach beim AZ melden können. „Solange man keine rassistische oder sexistische Kacke macht, ist man hier willkommen und hat eine Bühne“, sagt Fabian. Es sei sogar gewünscht, dass sich Kulturschaffende bei dem Zentrum melden. Es gibt dort nicht nur Konzerte und Festivals, sondern auch eine Skatehalle, einen Seminar- und Bewegungsraum und eine Kneipe.

Mülheim an der Ruhr: Von Schulden und Mangel an Proberäumen

Früher habe es vom AZ auch einen Proberaum gegeben, der zurzeit aber nicht benutzbar sei. Wo man als Band dann proben könne? „In Mülheim? Schwierig. Ich probe in Oberhausen“, sagt Fabian. Für ihn habe es gemessen an der Große der Stadt in Mülheim aber schon immer viel Kunst und Musik gegeben. „Wir haben ja auch einen Weltstar mit Helge Schneider“, sagt er und lacht. Auch gebe es viele Musiker:innen durch die Nähe zu Essen und der Folkwang Universität. Dass es wenige Anlaufstellen und kein öffentlich zugängliches Proberaumzentrum für Kulturschaffende in Mülheim gebe, sei jedoch ein Problem.

Die guten kulturellen Angebote in Mülheim stammten zum Großteil aus Eigeninitative, findet Fabian. Die Stadtverwaltung müsse sich mehr an den Interessen von Bürger:innen orientieren. Auch sei die Situation schwierig, da Mülheim hoch verschuldet ist. Tatsächlich hat die Stadt im Vergleich mit den anderen kreisfreien Städten in NRW laut Landesstatistikamt mit über 9000 Euro pro Person die höchste Pro-Kopf-Verschuldung. „Mülheim ist sehr divers, manche Leute leben in Reichtum, andere in prekären Verhältnissen“, sagt Fabian. Das führe dazu, dass die Menschen dort aneinander vorbeileben können. Das AZ soll ein Raum für alle Menschen sein.

Für Mülheim gelungen fand er das Projekt „City Portraits“ im Rahmen des Ark-Festivals, das 2021 vom Ringlokschuppen veranstaltet wurde. Es basierte über 80 auf Interviews mit diversen Mülheimer:innen: „Das war eine spannende Vermischung von Kunst und Politik. Man ist in einen Raum gekommen und hat auf Leinwänden die Porträts von den interviewten Personen gesehen. Das mündete in einer Tageskonferenz, in der es darum ging, was man sich von der Stadt wünscht.“ Die Geschichten der Mülheimer:innen sind heute auf einer digitalen Karte erfahrbar.

Das AZ Mülheim als Knotenpunkt der Kulturszene

Durch Zufall treffen wir nach dem Gespräch mit Fabian auf Lena. Sie arbeitet im AZ Mülheim im Nachmittagsbereich und ist Sängerin der Anarcho-Punk-Band Ataxie, von der uns schon I am the fly erzählt haben. Ataxie ist nicht ihr einziges Projekt, sie singt auch für die Metal-Punk-Band Subversive Power. Gebürtig kommt Lena aus Essen, ist nach vielen Jahren in Rheinland-Pfalz mit Anfang 20 wieder ins Ruhrgebiet gezogen, gerade wegen des kulturellen Angebots: „Hier fließt mehr zusammen. Dadurch, dass die Städte nah zusammenliegen, ist es viel einfacher sich zu verbinden und man findet immer Leute, die auch Lust haben, etwas auf die Beine zu stellen“, erzählt die 26-Jährige.

Sie wohnt seit zwei Jahren in Mülheim, probt aber wie Fabian nicht dort – sondern in Duisburg, in einem Proberaum, in dem einige Mülheimer Bands vertreten sind. „Aus den Bekanntschaften können dann auch kleinere Projekte entstehen“, erzählt sie. Sie selbst kenne nur Menschen, die nach Essen oder Duisburg zum Proben fahren. Kulturell sei das AZ aber ein Knotenpunkt, auch für andere Leute aus dem Ruhrgebiet. Am 22. Oktober spielt sie mit Subversive Power in Mannheim.

Wie steht es um die Kultur in Mülheim? Ein Fazit

Nach dem Besuch im AZ gehen wir auf einen kurzen Spaziergang, schauen bei der Stadthalle Mülheim und dem Ringlokschuppen vorbei, gehen durch den Park am Schloß Broich und an die Ruhr. Hier ist es ruhig, die Atmosphäre ganz anders als in der Innenstadt. Postkartenmotive weit und breit. Wir holen uns eine Falafelrolle bei „Isi Baba“, die wir vorher von I am the fly empfohlen bekommen haben – und haben die erste richtige Pause des Tages. Wie es um die Kultur in Mülheim steht, war die Frage, die uns in die Großstadt zwischen Duisburg, Essen und Düsseldorf gebracht hat.

Nach all den Gesprächen steht das Fazit: Auch wenn die Künstler:innen selbst sagen, dass die Szene tot sei, zeigt ihre eigene Existenz doch, dass es sie gibt. Immer wieder ploppten Namen auf, von Kulturschaffenden, die es zwar gibt, die aber keine Plattform haben. Es fehlt vielleicht an Vernetzung, vielleicht aber auch an einem Flaggschiff, das Mülheim wieder auf die Karte setzt. An einer Plattform, die die Künstler:innen und Institutionen sprechen lässt, Proberäumen, um junge Kunstschaffende zu unterstützen – und an einem anderen Image der Stadt, das genau durch das Lösen dieser Probleme entstehen könnte.

Bock auf mehr STROBO? Lest hier „Weniger Ernst, mehr verspielt. Weniger schwarz, mehr rosa“ – Ein Abend auf der „Babylove“ in Dortmund.

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