Das Ruhrgebiet in Tinte und Aquarell – Künstler pottpinsel im Interview

Über 2000 Menschen folgen auf Instagram der Seite pottpinsel. Hier veröffentlicht der Hagener Architekt Marius Schmahl seine Skizzen. Vom Dortmunder U über Zeche Zollverein bis hin zum Kiosk um die Ecke. Im Interview verrät der 33-Jährige, wie er zur Kunst gekommen ist.

STROBO: Marius, wie bist du dazu gekommen, pottpinsel zu machen?

Der Künstler Marius Schmahl veröffentlicht seine Skizzen auf pottpinsel. Foto: Clara Pfetzing

Marius Schmahl: Ich zeichne schon immer sehr gerne – auf der Straße, im Urlaub oder wenn das Wetter schön ist. Da hat sich so ein richtig dicker Ordnern mit Skizzen angesammelt und dann habe ich mich gefragt, ob ich das nicht einfach mal veröffentlichen soll. Der Name kam abends bei einem Bierchen mit einem Kumpel zustande, da hat sich das Ganze auf den Ruhrpott eingegrenzt. Ich finde, dass nach wie vor viel zu wenig cooles Marketing für gemacht wird und das war für mich einfach eine private Herzensangelegenheit. Ich finde auf jeden Fall, dass der Ruhrpott super coole Motive zu bieten hat. 

STROBO: Wann hast du mit dem Zeichnen angefangen? 

Marius Schmahl: Tja, das ist wahrscheinlich so, dass jeder Zeichner, den man fragen würde, sagen würde: „Schon immer”. Und das ist glaube ich auch wirklich so, dass ich immer gerne gemalt und gezeichnet habe seit ich einen Stift in der Hand halten konnte. 

STROBO: Hast du das Zeichnen im Architekturstudium richtig gelernt oder hast du dir alles selbst beigebracht?

Marius Schmahl: Klar, man lernt auf jeden Fall Freihandzeichnen in den Grundzügen im Studium. Zumindest war das an unserer Hochschule so. Danach wird das aber leider immer unwichtiger. Dabei finde ich, dass man mit Stift und Papier einfach viel schneller und präziser etwas aufs Papier bringen kann als wenn man jetzt stundenlang so eine CAD-Datei am Rechner fertigt. Ich habe mir das danach beibehalten. So wird man mit der Zeit immer ein bisschen besser.

STROBO: Seit wann zeichnest du für deine Instagram-Seite pottpinsel? 

Marius Schmahl: Die Instagram-Seite gibt es seit 2019. Intensiv davor gezeichnet habe ich so ein, zwei, drei Jahre. Angefangen hat das mit Reisetagebüchern. Auf Reisen hat man einfach die Zeit, da hat man keinen Stress, da ist es dann auch einfach egal wenn man mal eine Stunde irgendwo rumsitzt. Und das findet man im Alltag leider zu wenig.

Strobo:Inside pottpinsel

Der Künstler und Architekt Marius Schmahl (33) hat in Bochum studiert und lebt in Hagen. Auf seiner Instagram-Seite pottpinsel veröffentlicht er seit 2019 seine Bilder, die Gebäude und Szenerien im Ruhrgebiet zeigen. Er orientiert sich dabei stilistisch an der Urban Sketching Bewegung, die 2007 in den USA entstanden ist.

STROBO: Für deine Motive kann man dir auch Vorschläge zuschicken, aber es gibt ja wahrscheinlich auch Sachen, die du einfach selbst gerne zeichnen möchtest. Wonach suchst du deine Motive aus? 

Marius Schmahl: Als ich angefangen habe, waren das hauptsächlich Motive von mir vor der Haustür wie Ladeneingänge oder coole, alte Architektur in meinem Stadtteil. Ich habe auch selbst recherchiert was es Zeichenwertes im Ruhrgebiet gibt. Dann haben mich hin und wieder mal einige Leute angeschrieben und gesagt: „Zeichne doch mal das und das.” Und so ist das gewachsen. 

STROBO: Was ist für dich denn beispielsweise zeichenwert? 

Marius Schmahl: Die ganzen Industriedenkmäler zum Beispiel. Was ich aber am allerliebsten zeichne, sind auch so schmuddelige Ecken, sei es ein Kiosk oder eine alte Kneipe. Bereiche, die jetzt nicht unbedingt einem anderen auffallen würden.

STROBO: Wie lange brauchst du für eine Skizze?

Marius Schmahl: Ich schätze mal so im Durchschnitt 30 bis 40 Minuten. Wenn ich mich aber mal so im Detail verliere, kann das aber mal eine Stunde oder ein bisschen länger dauern. 

STROBO: Du zeichnest mit Tinte und dann mit füllst du deine Motive mit Aquarellfarbe. Wie bist du zu dieser Technik gekommen?

Marius Schmahl: Ich weiß nicht, ob du schon einmal von dieser Urban Sketching-Bewegung gehört hast? Das ist eine Gruppe von Menschen aus der ganzen Welt, die live auf der Straße zeichnen oder wo auch immer.  Auf jeden Fall zeichnen sie nicht von Fotos ab. Und das hat sich zu einer riesengroßen, weltweiten Gruppe entwickelt. Da habe ich mich dann eingelesen was andere für Techniken benutzen. Ich habe damals auch nur Bleistift oder Filzstift benutzt. Und bei der Bewegung habe ich gesehen, dass sehr viele mit Füller und wasserfester Tinte zeichnen. Und auch das mit dem Aquarell habe ich mir abgeguckt und, wie das eben so ist, dann meinen eigenen Stil gefunden. 

STROBO: Also das heißt, du stellst dich dann bei gutem Wetter irgendwo hin und malst dein Motiv in dem Moment?

Marius Schmahl: So hat das zu mindestens angefangen, aber da mir dieses Ruhrpott-Thema so viel Spaß gemacht hat, habe ich jetzt auch relativ viel mit Fotovorlagen gearbeitet. Also ist das manchmal kein richtiges Urban Sketching mehr, es hält sich so 50/50 die Waage. 

Das Bochumer Schauspielhaus gezeichnet von Marius Schmahl.

STROBO: Du hast gerade vom Urban Sketching gesprochen. Hat dich da ein:e Künstler:in besonders inspiriert?

Marius Schmahl: Ich finde die Szene grundsätzlich inspirierend, aber am meisten hat mich ein Berliner Künstler geprägt. Er heißt Felix Scheinberger und ist ein ziemlich bekannter Illustrator. Ich habe Bücher von ihm, die wirklich super interessant sind für jemanden, der sich damit beschäftigen möchte. Da geht er auch auf Farben und Technik ein und wie man mit relativ wenig Strichen etwas Erkennbares erreicht. 

STROBO: Wie bist du darauf gekommen, deine Kunst auf Instagram zu veröffentlichen ?

Marius Schmahl: Das geht einfach super unkompliziert. Ich wollte da auch erstmal herausfinden, ob meine Skizzen überhaupt gut ankommen. Aber ich habe auch schon zwei Kalender gemacht, das war zwar für einen kleineren Kreis, hauptsächlich für Freunde und Familie. Mal sehen, was daraus noch entstehen kann. Mittlerweile habe ich schon so viele Motive, dass man vielleicht wirklich mal ein Buch machen könnte. 

STROBO: Oder vielleicht eine Ausstellung?

Marius Schmahl: Da hatte ich auch eine Anfrage, aber coronabedingt ist die leider ausgefallen. Vielleicht wird es aber Ende diesen Jahres noch eine Ausstellung geben, das würde ich dann entsprechend noch einmal bekannt machen. 

STROBO: Du hast ja vorhin gesagt, dass es dir das Ruhrgebiet am Herzen liegt. Was macht es für dich besonders? 

Marius Schmahl: Ganz viele verschiedene Sachen. Erstmal finde ich es nach wie vor total cool, dass man in eine Bahn steigen kann und zum Beispiel von Hagen innerhalb von 20 Minuten in Dortmund ist. Es ist alles einfach super gut miteinander vernetzt. Das Kulturangebot steigt und es gibt total viel Grün, was man als Außenstehender gar nicht denken würde. Auch die Möglichkeiten zum Feiern sind total ausgeprägt hier im Ruhrgebiet. Und es gibt viele schöne Zeichenmotive.

STROBO: Wie hat sich dein Blick auf das Ruhrgebiet durch dein Zeichnen verändert?

Marius Schmahl: Ich habe auf jeden Fall ganz, ganz viele Ecken dadurch entdeckt, die ich vorher gar nicht auf dem Schirm hatte. Also angefangen bei der Hattinger Altstadt, da war ich schon mal früher auf einem Weihnachtsmarkt, aber wenn man da dann mal mit einem offenen Auge durchgeht, könnte man da ja schon ein ganzes Buch mit füllen. Auch Zechenanlagen, die nicht so bekannt sind. Ich habe mir schon ziemlich viel angeguckt und meine Meinung hat sich dadurch verbessert.

Das alte Zollhaus in Hattingen. Bild: Marius Schmahl.

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