Fang Yun Lo spricht in ihren Stücken über migrantische Identitäten

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Fang Yun Lo ist eine deutsch-taiwanesische Choreografin, Regisseurin und Performance-Künstlerin. 2011 gründete Fang mit ihren Kolleg*innen das interdisziplinäre Kollektiv Polymer DMT. Mit STROBO spricht sie über Identität, ihre Motivation und den Schaffensprozess.

STROBO: Fang, wie bist du als hergezogene Künstlerin mit dem Ruhrgebiet verbunden und welchen Einfluss hat es auf deine Arbeit?

Fang Yun Lo: Hier zu leben hat etwas sehr Befreiendes für mich, auf die Straße zu gehen und so viele Kulturen zu sehen und Sprachen zu hören, macht diesen Ort einfach sehr interessant. Was mir sofort an Essen aufgefallen ist, ist seine Diversität. In dieser Stadt wohnen viele Migrant:innen-Gruppen, wie Türk:innen, deren Geschichte schon lange mit der des Ruhrgebiets verbunden ist, aber auch Menschen aus Afrika und Asien, die ebenfalls hierherkommen und Teil der Community geworden sind.

Man sieht so viele verschiedene Menschen und Gesichter hier, und trotzdem leben wir alle zusammen an einem Ort. Das hat mich schon immer fasziniert – ich möchte wissen, wie diese Menschen leben, wie sie sich hier zu Hause fühlen, ob sie hier gehen oder bleiben wollen.

STROBO: Das reflektiert sich auch in deiner Arbeit – viele deiner aktuellen Projekte beschäftigen sich mit der Frage der kulturellen Identität und der Migration. War ‚Identität‘ schon immer ein Thema, über das du dir Gedanken gemacht hast?

Fang Yun Lo: Ich muss zugeben, dass ‚Identität‘ mir früher nicht immer ein Thema gewesen ist, dem ich mir bewusst war. Als ich nach Deutschland kam, war ich von einem sehr willkommenen, internationalen Umfeld an meiner Universität umgeben. Ich hatte viele Freund:innen und Kommiliton:innen, die aus verschiedenen Ecken der Welt kamen. Als ich nach meiner Zeit an der Uni anfing als freiberufliche Choreografin zu arbeiten, habe ich gemerkt, wie die Leute mich schnell als ‚Taiwanesin‘ oder einfach ‚Asiatin‘ lableten.

Das führte oft dazu, dass mich Leute aus Neugierde gefragt haben, ob ich aus Taiwan oder China komme  – und in dem Moment habe ich gemerkt, dass ich nicht wusste, wo ich anfangen sollte zu erklären, woher ich komme. Also begann ich mit meinem ersten Projekt zum Thema Identität, in dem ich mich anhand vieler Interviews mit der Identität des Landes, meiner Familie zu Hause und mir selbst beschäftigte. Daraus entstand Unsolved (2018).

STROBO: Aus dieser Projektreihe entstand auch das Dokumentartheater über die vietnamesische Diaspora in Deutschland und in Taiwan: Home Away From Home (2020/21), das beim PACT Zollverein Premiere feierte. Was hat dich dazu verleitet, das Thema aufzugreifen?

Fang Yun Lo: Nach Unsolved habe ich mich gefragt, wie aus einer eigenen und persönlichen Identität eine Gruppen-Identität entstehen kann. Und deswegen war es für mich so wichtig, die vietnamesische Identität in Deutschland und Taiwan zu beleuchten, da die Vietnames:innen zu den größten Gruppen von asiatischen Migrant*innen in beiden Ländern gehören. Dazu hat diese Community eine hochkomplexe Geschichte inne. Das führt dazu, dass sie heute eine sehr diverse Diaspora auf der ganzen Welt bilden – damit meine ich, dass ihre Leute aus unterschiedlichen Gründen, wie eine finanzielle, entweder hierher emigriert sind, oder aus politischen Gründen fliehen mussten.

STROBO: Wie bist du vorgegangen?

Fang Yun Lo: Wir haben über 100 Menschen aus der vietnamesischen Community in Deutschland und Taiwan interviewt. Manchmal war es sehr traurig zu hören, wie viel Rassismus, Ungerechtigkeit sie erfahren, und unter welchen schlechten Lebensbedingungen sie zum Teil leben müssen. Wir haben als roten Faden des Films, neben weiteren Darsteller:innen, sechs Performer:innen auf die Bühne gebeten, die verschiedene Gruppen der Migrant:innen repräsentiert haben: die junge Generation, die hier geboren und aufgewachsen ist, die Arbeitsmigrant:innen, Leute, die hierher kommen, um zu studieren. Unsere Protagonist:innen befanden sich auf der Bühne und haben in verschiedene Performance-Arten ihre persönlichen Geschichten erzählt, woher sie kamen, wie sie sich fühlten.

Das schafft eine Intimität zwischen ihnen, dem Setting und den Zuschauer*innen des Filmes, die sich hineinfühlen und sehen können, wie diese Leute leben. Wir haben dabei auch unsere Protagonist*innen darum gebeten, persönliche Gegenstände mitzubringen. Das Ergebnis daraus war, dass wir kein reines ‚fake setting‘ hatten, sondern auch Dinge, die aus diesen realen Geschichten stammen. Sie konnten also ein Foto heraus holen, drauf zeigen und sagen: „Das ist ein Bild meiner Kinder“ oder „Ja, das ist mein Laden, mein Bubble-Tea-Shop und meine Arbeit“.

Deshalb haben wir besonders Wert darauf gelegt, diese Stationen so lebensecht und realitätsnah wie möglich zu machen. Natürlich ist eine Bühne dabei nicht das reale Leben, aber dafür sind es die Leute und ihre Stories. Und für mich stehen die Vietnames:innen und ihre Geschichten als Symbol für die Geschichte vieler Migrant:innen in Deutschland und in anderen Ländern.

STROBO: Wirst du in Zukunft auch weiter zu dieser Thematik arbeiten?

Fang Yun Lo: Absolut, ich würde gern neben der vietnamesischen Community auch noch weitere einbinden. Dafür planen meine Kolleg:innen und ich gerade unser Space-Lab weiter aus, welches auch das neue Büro für Polymer DMT ist: es ist ein Co-Working Space, um sich zu versammeln, zu treffen und Ideen auszutauschen.

Wir hoffen, dass die Leute zu uns finden und ihre Geschichten erzählen. Das Format ist dabei unwichtig, ob es Angesicht zu Angesicht ist, ob sie dabei einen persönlichen Gegenstand mitbringen oder ihr Lieblingsgericht aus der Heimat, oder uns erzählen, was sie gerade vermissen – wir denken gerade über die vielen Möglichkeiten nach, das zu realisieren.

Foto: Anna Westphal.

STROBO: Was möchtest du bei deinem Publikum erreichen, mit den Geschichten, die du erzählst?

Fang Yun Lo: Mein Hauptanliegen besteht darin, den Leuten reale Geschichten und reale Erfahrungen zu zeigen, mit dem Theater, und dem Interviewformat, das wir dazu nutzen. Ich möchte eine Begegnung schaffen zwischen den Persönlichkeiten, die wir in unserer Arbeit porträtieren, und dem Publikum, um die Distanz zwischen ihnen zu brechen und Verständnis füreinander zu schaffen.

Mir ist es wichtig, dass die Leute wissen, dass ich keine Geschichten ‚erschaffe‘, sondern sie für und mit Hilfe der Menschen und unseres Teams vermittle. Ich bin auch eine Regisseurin, die verschiedene Teile zusammenbringt, und etwas produziert, um es zu zeigen – als würde man ein Geschichtsbuch aufschlagen und es den Leuten zeigen.

STROBO: Du hast bereits viele Medien in eurer Arbeit genutzt, ob VR-Technologie, Film, Tanz und auch Theater. Was möchtest du in Zukunft mehr erforschen?

Fang Yun Lo: Mit Home Away From Home und den aktuellen Projekten habe ich zum ersten Mal Erfahrungen damit gemacht, ein Theaterstück in Filmfassung zu bringen. Das hat ganz neue Möglichkeiten für mich eröffnet. Letztes Jahr habe ich intensiv damit verbracht Interviews zu führen und hinter der Kamera zu stehen.

Das Filmen hat ein neues Interesse in mir geweckt, ich dachte mir ‚Wow, wie schneide und füge ich Bilder zusammen, was passiert eigentlich hinter den Kulissen einer Doku?‘. Für mich ist ein Film auch nicht so weit vom Theater entfernt, aber während ein Theater immer live performt wird, und Schritt für Schritt aufeinander aufbaut, hat man im Film so viele Möglichkeiten mit verschiedenen Elementen zu spielen, sie zu kombinieren, Zeit und Ort zu wechseln. Ich bin jetzt sehr daran interessiert, mehr über das Medium und den Stil des Films zu erfahren und zu lernen.

Foto: Lin Yu-Quan.

STROBO: In eurem Kollektiv Polymer DMT kollaboriert und arbeitet ihr viel mit verschiedenen Künstler:innen und Performer:innen aus verschiedenen Ecken der Welt. Was bedeutet da der Name Polymer DMT?

Fang Yun Lo: Für uns stand schon immer fest, dass wir alle an der Arbeit teilhaben, und dass das unser maßgebender Wert ist. Polymer kommt aus dem alten Griechischen, poly bedeutet „viel“ und mer bedeutet „Teile“. Polymer selbst ist eine wissenschaftliche Bezeichnung einer Art Plastik, aber es kann auch organisch sein und zu vielen Dingen verarbeitet werden. Für uns ist das ein Symbol dafür, wie viele Leute zusammenkommen, und ihre Kreativität und Fähigkeiten mit einbringen. Daraus kann etwas Flexibles, Vielseitiges – einfach mehr entstehen.

STROBO: Und das DMT?

Fang Yun Lo: DMT haben wir dazu geschrieben, damit die Leute uns beim Googlen auch finden können, und nicht direkt auf das Plastik kommen (lacht). DMT bedeutet  im Original „Dance, Music, Theatre“. Aber weil wir das nie ausschreiben, haben die Leute es interessanterweise immer verschieden interpretiert. Manche sagen zum Beispiel „Documentary, move und theatre?“ und als wir mit den Google Oculus Brillen gearbeitet haben, sagten wieder andere „Ah, also bedeutet DMT Dance, Music und Technology“? Wir nehmen das alles gern hin und finden es sehr spannend, wie Leute unseren Namen interpretieren.

STROBO: Wie es in euren bisherigen Projekten reflektiert ist, arbeitet ihr in einem sehr internationalen Ensemble. Was sind die Hürden aber auch Möglichkeiten, mit so einem Umfeld zu arbeiten?

Fang Yun Lo: Man muss sagen, das Internationale entsteht bei uns nicht, weil wir aktiv danach suchen – es entsteht immer organisch, weil wir gern kreative Leute aus verschiedenen kreativen Felder bei uns vereinen. Und ich glaube, wenn man anfängt in so einem Umfeld zu arbeiten, ist es wichtig; Leute zu finden, die offen dafür sind, in sich selbst und in die Stärken der anderen zu vertrauen.

Wir haben viele Leute mit verschiedenen Kompetenzen, manche sind gut in der Cinematographie, manche sind bewandert im Technischen wie Licht, Kamera, Musik und manche im Set-Design. Meiner Meinung nach besteht die Hürde darin eine gute, sichere Grundlage der Arbeit zu schaffen. Das fängt schon an, wenn wir Leute aus anderen Ländern zu uns holen. Dann müssen wir Zeit einplanen, Visa organisieren und so weiter. Dabei müssen wir natürlich auch unser Budget berücksichtigen und einschätzen, wie groß das Projekt sein kann, wie viele Leute wir dafür einstellen können.

Foto: Lin Yu-Quan.

Ich glaub nicht daran, von Leuten zu verlangen, dass sie nur aus dem Herzen heraus für uns zu arbeiten. Man muss den Künstler*innen was zurückgeben und wertschätzen für ihre Arbeit, die sie tun. Wir sind schließlich professionell, und die Leute müssen auch leben können. Nachdem diese Grundsicherheit etabliert ist, können wir dann erst kreativ und sorgenfreier arbeiten.

STROBO: Was sind die Werte, die euch als Künstler:innen verbindet?

Fang Yun Lo: Kreativ zu sein. Es ist auch wichtig zu verstehen, dass wir einander den nötigen Raum geben, und das Projekt nicht dafür nutzen, um unser eigenes Ego zu bereichern. Es geht darum; Ideen miteinander zu teilen, und keine Angst davor zu haben, vielleicht zu scheitern. Leute sollen nicht hierher kommen und sich unter Druck gesetzt fühlen, erfolgreich sein – das ist der falsche Ansatz für Kreativität. Wir müssen aus der Angst heraus, um nach Vorne schauen zu können, um etwas gemeinsam zu schaffen.

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