Kurdische Theatergruppe: Şermola Performans thematisiert Flucht und Gewalt in Ein-Frau-Show

„Unvollkommen“ ist das aktuelle Stück vom deutsch-kurdischen Theaterkollektiv Şermola Performans. Die Ein-Frau-Performance handelt von Identität, Flucht und Gewalt an Frauen und wird auch im Ruhrgebiet aufgeführt. Ein Interview.  

STROBO: Herr Metin, Şermola Performans wurde in Istanbul gegründet. Warum haben Sie beschlossen das Theaterkollektiv auch nach Deutschland zu bringen?

Mirza Metin: Ich habe Şermola Performans 2008 mit Berfin Zenderlioğlu gegründet. Wegen politischen Gegebenheiten wurde es in den letzten Jahren allerdings immer schwieriger, kurdisches Theater in Istanbul zu machen, und wir mussten die Bühne schließen. 2018 bin ich dann nach Köln gegangen und habe quasi die Zweigstelle eröffnet. Seitdem haben wir einige Theaterprojekte mit dem Fringe Ensemble in Bonn gemacht und das Deutsch-Kurdische Theaternetzwerk Nexus gegründet. Şermola Performans existiert aber auch noch in Istanbul. Das läuft beides parallel. 

STROBO: Was unterscheidet Theater in Deutschland zu der Türkei?

Metin: Theater in der Türkei zu machen, ist generell sehr schwierig. Wenn man zusätzlich noch in kurdischer Sprache Theater macht, ist das nochmal schwieriger. Seit vielen Jahren gibt es vonseiten des Staates schlechte Politik bezüglich Kurden und Kurdinnen. Festivals wurden verboten und es gab eine sehr starke Zensur der kurdischen Sprache. Das ist heutzutage immer noch so, dass kurdische Stücke teilweise abgesetzt werden. Es ist wie eine Zweiklassengesellschaft, auch im Theaterbereich. Die türkischen Theater werden oft gefördert, aber kurdisches Theater fast gar nicht. Man kann es eigentlich gar nicht mit Deutschland vergleichen. Hier kann ich als Autor und Regisseur Förderungen bekommen. In Deutschland ist der Stellenwert von Kunst ein anderer, es wird geschätzt.

STROBO: Inside

Mirza Metin macht seit über 20 Jahren Theater. Angefangen hat er als Schauspieler, ist im Laufe der Jahre aber mehr in die Rolle des Autors und Regisseurs geschlüpft. Er schreibt selbst Theaterstücke, wie zum Beispiel das aktuelle Theaterstück „Unvollkommen“. 2008 hat er Şermola Performans in Istanbul mitgegründet. 2018 ist er nach Köln gekommen und hat dort die Zweigstelle von Şermola Performans gestartet. Das Theaterkollektiv in Köln leitet er gemeinsam mit Hicran Demir, einer freischaffenden Schauspielerin für Theater, Film und Fernsehen.  

STROBO: Warum braucht Deutschland kurdisches Theater?

Metin: In erster Linie brauche ich es kurdisches Theater zu machen, denn ich spiele viel mit kurdischen Klängen und Tönen. Wenn ich es in einer anderen Sprache mache, befriedigt mich das nicht. Ich finde auch, dass die Kurd:innen das Recht haben sich Theater in ihrer Muttersprache anzuschauen. Die meisten werden gar nicht als Kurd:innen gesehen, weil sie keinen kurdischen Pass haben und staatenlos sind. Es wird auch schon seit Jahrzehnten kurdisches Theater in Deutschland gemacht, seit den 70ern, aber das war immer sehr schwierig. Die Menschen brauchen es, sich in Deutschland Theater in der Muttersprache anzugucken. Menschen, die sich in ihrer Muttersprache ein Stück ansehen, kommen mit einer ganz großen Begeisterung ins Theater.

Foto: Mehmet Eren Bozbas.

STROBO: Mit dem Stück Unvollkommen” touren sie unter dem Projektnamen #DatingWithTheatre in Deutschland. Wie ist die Idee zum Projekt entstanden?

Hicran Demir:  „Unvollkommen” hatte letztes Jahr im Januar schon Premiere in Köln. Als wir gesehen haben, dass es den Menschen hier gefällt und sie berührt, wollten wir das Stück auch in anderen Städten spielen. Wir haben dann einen Antrag bei dem Fond Darstellender Künste gestellt und die fördern das Projekt zum Glück. Bei #DatingWithTheatre ist es uns wichtig auch an alternativen Spielorten mit dem Publikum zusammenzukommen und auf ein anderes Publikum zu treffen, was vielleicht nicht oft mit Kunst in Berührung kommt oder sich Kunst nicht leisten kann. Wir spielen nicht auf den üblichen Theaterbühnen. 

STROBO: Das Stück „Unvollkommen“ wird in deutscher Sprache gezeigt. Sie, Herr Metin, sprechen selbst kein Deutsch. Wie lief der Schreibprozess ab?

Metin: Normalerweise schreibe ich in Kurdisch, aber es ist sehr schwierig in Deutschland Übersetzer:innen zu finden, die gut vom Kurdischen ins Deutsche übersetzen. Deswegen musste ich die Texte auf Türkisch schreiben. In dieser Zeit, in der ich „Unvollkommen“ geschrieben habe, waren Hicran und ich beide neu in Köln. Wir haben damals wenige Leute gekannt. Deswegen wollten wir etwas gemeinsam erschaffen, um dieser Einsamkeit zu entkommen. Ich habe das Stück in nur einem Monat geschrieben und Hicran hat das Stück ins Deutsche übersetzt. Normalerweise brauche ich viel länger, um Stücke zu schreiben, oft ein ganzes Jahr. Das Stück hat uns viel Glück gebracht und es hat uns gut getan, das zu machen.

Şermola Performans: Ein Date zwischen Theater und Zuschauer:innen

STROBO: Haben Sie auf Deutsch geprobt oder war es ein Mix aus Deutsch und Kurdisch?

Demir: Ich bin zwar Kurdin, aber spreche leider kein Kurdisch, deswegen mussten wir auf Türkisch kommunizieren. Die Proben waren dann hauptsächlich so, dass ich auf Deutsch gespielt habe und Mirza die Regieanweisungen auf Türkisch gegeben hat. Er hat den Text in beiden Sprachen vorliegen und weiß dann auch immer wo ich bin und was ich gerade mache. 

Foto: Debora Brune.

STROBO: Frau Demir, Sie spielen die Rolle der Sema. Wie sind Sie an die Rolle herangetreten? 

Demir:Unvollkommen” ist die Geschichte von einer kurdischen Frau, die Kriegsreporterin ist und fliehen muss. Es sind viele Gedanken in dem Stück, die ich zwar selbst nicht erlebt habe, aber die ich kenne. Die sind mir überhaupt nicht fremd gewesen. Ich hatte keine großen Schwierigkeiten mich an das Stück heranzutasten. 

STROBO: Worauf freuen Sie sich bei den Vorstellungen im Ruhrgebiet?

Metin: Ich habe keine spezielle Erwartung. Ich bin sehr neugierig, wie das Publikum im Ruhrgebiet das Stück annehmen wird und was es darüber denken wird. Nach jeder Aufführung gibt es Publikumsgespräche. #DatingWithTheatre ist für mich ein Date zwischen Theater und Zuschauer:innen. Besonders in dieser Pandemie ist es nochmal besonders und wichtig, mit einem Publikum, was man noch nicht kennt, zusammenzukommen. Dass die Menschen in dieser Zeit das Handy und den Laptop zur Seite zu legen und ins Theater gehen, das erwarte ich. 

STROBO: Was sind die zukünftigen Pläne für Şermola Performans in der Theaterwelt?

Metin: Nach diesem Projekt wird Şermola Performans nur noch in kurdischer Sprache Theaterstücke machen mit deutschen und englischen Übertiteln. Ein Stück heißt Şahmaran, so heißt eine kurdische mythologische Figur. Das andere Projekt ist ein dokumentarisches Stück, wo es um Eyşe Şan geht, die eine Dengbêj war. Dengbêj ist ein spezieller Sprechgesang, also ist sie eine traditionelle kurdische Geschichtenerzählerin. 

Aufführungen im Ruhrgebiet:

13.08.2021 // 19:30 im Theater Fletch Bizzel, Humboldstraße 45, 44137 Dortmund

19.08.2021 // 20:00 im Katakomben Theater, Girardetstraße 2, 45131 Essen

Der Spielort und das Datum für die Vorstellung in Duisburg werden noch bekannt gegeben.

Tickets und Infos unter: sermolaperformans.de

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