“Das Wort Lagerfeuermusik ist ein Kompliment”

LOKI ist die heimliche Hoffnung der deutschen Folktronica-Szene. Das Projekt rund um den neu-Bochumer Marc Grünhäuser kommt ursprünglich aus Paderborn. STROBO-Redakteur Tobias Pappert hat die Band auf ihrer “Intimacy”-Tour getroffen. Ein Interview über Intimität und Verschwimmen von Genregrenzen.

STROBO: Ihr seid nun knapp zwei Wochen auf Tour, wie müde seid ihr?

Marc: Sehr. Wir sind heute über Nacht gefahren, ich würde sagen, heute haben wir den Höhepunkt der Müdigkeit erreicht. (lacht)

STROBO: Wie war es bisher?

Marc: Mega. Natürlich sind wir erschöpft, aber es war bis jetzt richtig geil. Es ist so schön vor Publikum zu spielen, besonders wenn die Leute auch ihre Maske absetzen können. Viele Menschen haben ja jetzt auch fast zwei Jahre kein Konzert mehr gesehen, das ist schon was sehr Besonderes dann. Man fühlt sich total verbunden, wie eine riesige Masse.

STROBO: Ich habe oft gelesen, das Loki zu Beginn ein Ein-Mann-Projekt von dir, Marc, war und dann in eine Band gewachsen ist, stimmt das?

Marc: So halb. Wir sagen selbst immer, dass LOKI projektbasiert ist. Die erste EP habe ich zum Beispiel zusammen mit der Künstlerin Anna Balthasar geschrieben und am Anfang allein performt. Dann sind wir immer mehr geworden und jetzt zu fünft plus Animat und Simon Tubbs auf Tour. Und das ist ja genau die Idee, dass LOKI nie als eine feste Gruppe oder als eine feste Person gesehen werden soll. Es kann sich immer verändern, von Projekt zu Projekt, und da ist eine Tour genau so ein Projekt wie auch eine EP.

STROBO: Marc, könnte Loki dann auch ohne dich funktionieren?

Der Rest Band lacht, dann folgt ein übereinstimmendes “Nein”. Lars, der bei den Konzerten am Mischpult steht, sagt: “Marc ist die Sonne, wir sind seine Lichtstrahlen”

STROBO: Du hast gerade Animat und Simon Tubbs erwähnt, mit denen ihr zusammen auf Tour seid. Mit so vielen Menschen auf der Bühne und unterwegs, tritt man sich da nicht irgendwann auf die Füße?

Marc: Nein, das funktioniert erstaunlich gut. Es ist schon fast unheimlich, wie harmonisch es ist. Ursprünglich waren auch nur zwei Konzerte mit Animat und Tubbs geplant aber das hat so gut funktioniert, das wir dann die Veranstalter genervt haben und sie jetzt auf gut Glück und eigenes Risiko mitgefahren sind. Und das hat sich auf jeden Fall gelohnt. 

STROBO: Im Mai ist eure EP „Intimacy“ rausgekommen. Wie der Name schon verrät, geht es um Intimität. Warum habt ihr dieses Thema gewählt?

Marc: Es war eigentlich immer so, dass wir Konzeptalben total spannend fanden. Unsere erste EP war zum Beispiel eine Kurzgeschichte. Die zweite EP sollte also auch ein Konzept verfolgen. Als ich Tubbs ein paar Songs aus dem Demo-Ordner gezeigt habe, meinte er, dass er in den Liedern viel Intimität spürt. Damit war die Idee für die EP geboren. 

Es gab zum Beispiel einen Moment, wo wir “Gonzales” aufgenommen haben und mit den Vocals unzufrieden waren. Also haben wir einfach Kissen in mein Zimmer gelegt, ich hab mich da eingekuschelt, es war auch irgendwie mitten in der Nacht, und dann haben wir da die Gonzales-Vocals aufgenommen. Da war plötzlich dieser intime Moment, der uns genau dahin gebracht hat, wo wir hinwollten.

STROBO:Inside – Wie klingt Loki?

Folktronica. Das wäre die kurze, aber auch sehr vereinfachte Antwort.
Die neuste EP „Intimacy“ ist beruhigend, aber nicht langweilig, sanft, aber trotzdem abwechslungsreich. Der Gesang manchmal klar und fast verletzlich, auf anderen Songs verzerrt und futuristisch. Analoge Gitarren treffen kratzige Synthies. Alt-j trifft Lagerfeuerästhetik.

Ach, hört doch einfach selbst:

STROBO: Gibt es einen Oberbegriff unter den ihr eure Musik stellen würdet oder der es zumindest ansatzweise beschreibt?

Marc: Vermutlich Folktronica. Also eine Mischung von Folk und elektronischen Elementen. Aber besonders wenn wir live spielen, merkt man auch ganz verschiedene andere Stile. Aber klar, Folk ist immer sehr präsent. 

STROBO: Mir ist aufgefallen, dass sich auch die Songs musikalisch untereinander stark unterscheiden. Warum ist das so?

Marc: Ich fand es schon immer viel interessanter, wenn man sich nicht auf ein Genre beschränkt. Ich finde, es ist auch eine sehr sehr große Kunst, wenn man es schafft mehrere Genres zu bedienen aber eine Art Identität zu behalten. Das versuchen wir immer. 

Ich würde nie sagen: Dieser Song hat auf der letzten EP so gut funktioniert, die nächste EP wird also fünf von diesen Songs enthalten. Ich stell mir lieber die Frage, was wir gerade so fühlen und es dann einfach zu mache – um dann am Ende zu schauen, wie wir es so produziert kriegen, dass es nach LOKI klingt. Das ist so ein bisschen unsere Challenge.

STROBO: Was hört ihr privat, das auf der EP aber gar nicht drauf ist?

Marc: Was ich mega interessant finde ist, dass wir alle gerne Neo-Klassik hören und auch das ist auf der ja EP nicht wirklich vertreten. Im Live-Set gibt es aber auch ein paar Momente, gerade jetzt mit Animat und Tubbs zusammen, da haben wir voll den Neo-Klassik-Vibe. 

STROBO: Auf der EP sind auch ein paar Songs, in denen Marc Akustikgitarre spielt. Ich würde sagen, das ist Lagerfeuermusik. Ist das für dich, Marc, ein Schimpfwort?

Marc: Nee, gar nicht. Ich liebe Folk-Musik und was mich daran fasziniert ist, dass es oft unfassbar simpel ist, was die Harmonik angeht, es aber gleichzeitig super schwer ist gute, simple Songs zu schreiben, die ich dann auch selber mag. “Gonzales” ist der erste eigene Lagerfeuersong von LOKI, den ich richtig cool finde. Wenn jemand sagt, das ist Lagerfeuermusik, ist das für mich ein Kompliment.

STROBO: Marc und Christoph ziehen bald für ihr Studium aus Paderborn nach Bochum. Was erhofft ihr euch von der Region?
Marc: Ich war jetzt zweimal im Ruhrgebiet, seitdem klar war, dass ich hinziehe, und ich fand es krass, wie man hier mit Kulturangeboten überschüttet wird. Gefühlt an jeder Ecke ist irgendein Plakat oder ein Kulturgebäude. Dass man im Ruhrgebiet die Möglichkeit hat, viel Kultur und Kunst zu erleben, da freu ich mich total drauf.

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