Wenn Deutschland und die Türkei verschmelzen – Ausstellung im Ruhr Museum Essen

Noch bis zum Sonntag läuft die Ausstellung „Wir sind von hier. Türkisch-deutsches Leben 1990“ im Ruhr Museum in Essen. Sie will Gegenwart mit Vergangenheit verbinden und Deutsch mit Türkisch. STROBO-Autorin Meltem Yalçın hat sich die Ausstellung aus deutsch-türkischer Perspektive angesehen.

Die Zeche Zollverein in Essen ist heute UNESCO-Welt Kulturerbe, Park, Museum, Partymeile und Kunstgalerie. Damals war sie eines der größten Kohlewerke in Deutschland. Dieser Standort ist tief verbunden mit der Geschichte des Ruhrgebiets. Eine Geschichte von Arbeit und Arbeiter:innen, unter ihnen viele Migrant:innen. Ein Thema, das die Ausstellung  „Wir sind von hier. Türkisch-deutsches Leben 1990. Fotografien von Ergun Çağatay“ umkreist. Sie ist im Rahmen des Jubiläums des Anwerbeabkommens zwischen der Türkei und Deutschland entstanden und läuft noch bis zum 31. Oktober im Ruhr Museum Essen. Allein der Titel der Ausstellung könnte als eine Proklamation in sich gelesen werden. Scheint er doch ein Ausruf zu sein, ein Wunsch nach Anerkennung, aber auch ein Zeichen von Pluralität hier im Pott. 

Ausstellung „Wir sind von hier“ im Ruhrmuseum zeigt deutsch-türkische Beziehungen und Partner:innenschaften

Ich treffe Meltem in der Eingangshalle des Ruhr Museums. Lustigerweise, tragen wir beide den gleichen Namen. Sie Küçükyılmaz, ich Yalçın. Sie führt mich durch die eindrucksvolle Instudriestahlkonstruktion der ehemaligen Zeche. Unsere Schritte hallen im Foyer. Ein, zwei, drei Stockwerke müssen wir die neonorange-angeleuchteten Treppenstufen runter gehen. Mir wird erzählt, dass dies ein hochgradig beliebter Ort sei, um für Instagram-Fotos zu posieren. Aber dafür sind wir heute nicht da. Sie möchte mir die Ausstellung zeigen, bei deren Konzeption sie mitgeholfen hat.

Die Fotografien des Istanbuler Fotografen Ergun Çağatay sind im Zentrum dieser Ausstellung. Meist bunt, aber auch schwarz-weiß, portraitieren sie das Leben der Menschen und ihrer Familien, die den meisten nur als Gastarbeiter:innen bekannt sind. Sie stehen vor ihren eigenen Geschäften, spielen in öffentlichen Räumen wie Parks, präsentieren ihre Kulturzentren. Çağatay hat sie sogar in ihren eigenen Häusern und Wohnungen abgelichtet. Dabei gibt es nicht nur Fotos von den Migrant:innen, Çağatay setzt auch Fokus auf deutsch-türkische Beziehungen und Partner:innenschaften. Besonders prominent ist eine Reihe von Zechenfotos. Männer in Arbeitsoveralls mit dreckigem Gesicht, Helm, blonde Haare treffen auf Schnauzer. 

Von März bis Mai 1990 reiste Ergun Çağatay durch Hamburg, Köln, Werl, Berlin und Duisburg, und machte tausende Fotos von türkisch-stämmigen Migrant:innen. Die Ausstellung ist nach diesen Städten eingeteilt. Die Reise war Teil eines großen Projekts, denn er wollte die Geschichte und die Gesichter der Menschen sichtbar machen, die ihr und sein Heimatland, die Türkei, verlassen hatten, um sich in Europa Arbeit zu suchen.  Das Projekt wurde nie realisiert. Zurück blieben die Aufnahmen, die ein deutscher Freund Çağatays 2015 in einem Archiv entdeckte. Der Fotograf starb im Februar 2018.

Ich frage Meltem nach der Idee hinter der Ausstellung: „Das sogenannte Anwerbeabkommen wurde 1961 unterzeichnet. Damit wurden viele Arbeiter:innen aus verschiedenen Ländern, unter anderem die Türkei, nach Deutschland geholt“, erklärt sie mir. „Der Auslöser für diese Ausstellung war das Jubiläum des Abkommens. Wir wollten zeigen wie die Auswanderung, die dieses Abkommen ausgelöst hat, geendet ist und sich weiterentwickelt hat und wie die erste und zweite Generation an Auswanderer:innen in Deutschland gelebt hat.“

Çağatay selbst schien großes Mitleid mit diesen Menschen zu haben. Eines seiner Zitate schmückt eine Wand im Ausstellungsraum:

„Sie taten mir einfach leid. Diesem Land war es nicht gelungen, ihnen ein anständiges Leben zu geben. Sie arbeiteten hart – und blieben Menschen zweiter Klasse. […] Aufgabe der Politik wäre es, den Menschen die Gelegenheit zu bieten, zu zeigen, was in ihnen steckt.“

Ergun Çağatay

Er wollte diese Menschen sichtbar machen. Auch in seinem Heimatland, der Türkei. Die Ausstellung wandert ab November 2021 weiter nach Istanbul und Izmir. In der Türkei bleibt die Lebensgeschichte der Gastarbeiter:innen weitestgehend unthematisiert:

„Die Menschen türkischer Abstammung aus Deuschland werden in der Türkei Almancı genannt. Mehr wissen die Leute aus der Türkei nicht über sie. Wie zum Beispiel ihre Geschichte, wie sie sich in Deutschland gefühlt haben und welchen Schwierigkeiten sie ausgesetzt waren. Zum Beispiel, dass sie viel Rassismus und Diskriminierung erfahren haben“, meint Meltem. Und tatsächlich, auch mir ist der Begriff Almancı schon oft begegnet. Es bedeutet so viel wie Deutschler (Alman- Deutscher) und ist ein herabsetzender Ausdruck für jene Türk:innen, die damals nach Deutschland ausgewandert sind und deren Nachkommen sich jetzt bei den Touristenattraktionen in Istanbul oder Antalya tummeln, während in der Türkei Wirtschaftskrise und Inflation herrschen. Der Ausdruck suggeriert eines: Diese Menschen sind nicht richtig deutsch, aber türkisch sind sie schon gar nicht.

„Wir sind von hier“: Foto-Ausstellung zeigt Gastarbeiter:innen aus anderer Perspektive

Meltem ist allerdings anderer Meinung. Sie ist 2013 als Studentin aus der Türkei nach Deutschland gekommen und Essen ist nun ihre zweite Heimat: „Ich habe selbst viele Verwandte, die als Gastarbeiter:innen nach Deutschland gekommen sind und ich habe oft ihre Geschichten gehört. Aber durch diese Ausstellung habe ich gelernt, sie aus einer ganz anderen Perspektive zu sehen.”

Wir bleiben vor einem Bild stehen. “Migrant:in zu sein”, erzählt sie weiter. “Oder einen Migrationshintergrund zu haben, bedeutet für mich, dass ein Mensch Vielfältigkeit hat, das heißt zwei oder mehr Kulturen innehat. Das bedeutet nicht, dass eine Person weniger oder mehr von einem ist, sondern es bringt zusätzlich etwas Positives und neue Perspektiven mit sich.“

Zwei Kinder sind vor einem Parkplatz zu sehen. Ein Junge und ein Mädchen mit dunklen Haaren. Sie spielen mit roten Ballons und lächeln verstohlen in die Kamera, fast so als hätte man sie ertappt. Auf einer Wand steht: 

„Yaşamak bir ağaç gibi tek ve hür

ve bir orman gibi kardeşçesine,

bu hasret bizim…“

Nâzım Hikmet

Es ist ein Auszug aus einem Gedicht vom wohl berühmtesten türkischen Poeten, Nâzım Hikmet. Es bedeutet so viel wie: Leben wie ein Baum, einzeln und frei und wie ein Wald brüderlich, diese Sehnsucht ist unser. Sehnsucht ist ein Gefühl, was viele Menschen wie ich, die zwischen zwei oder mehreren Kulturen stehen, sehr gut kennen. Vielleicht auch Sehnsucht nach Sichtbarkeit und Anerkennung, wie der Titel der Ausstellung suggeriert.

Ausstellung „Wir sind von hier“ im Ruhr Museum Essen: Mehrsprachigkeit als Zeichen von Respekt

„Die Ausstellung ist dreisprachig, deutsch, englisch und türkisch. Wir haben uns dafür entschieden, weil viele der ersten Generation von Auswanderer:innen kein Deutsch können und wir wollen auch mit ihnen ins Gespräch kommen”, erklärt Meltem. Daneben gäbe es noch die dritte oder vierte Generation an Menschen mit türkischer Abstammung, die natürlich deutsch sprechen. Aber auch diese hätten sich gefreut, denn die Mehrsprachigkeit sei für sie ein Zeichen des Respekts und der Anerkennung. 

Meltem und ich gehen weiter zum zweiten Teil der Ausstellung. Es handelt sich um Interviews mit bekannten deutsch-türkisch oder kurdischen Akteur:innen, die uns von ihren Erfahrungen als Personen mit Migrationshintergrund erzählen. Ihre Stimmen hallen ebenso durch die Ausstellungsräume. Es sind erfolgreiche Sportler:innen, Journalist:innen, Köch:innen und Literat:innen. Viele weitere sind für das Rahmenprogramm der Ausstellung geladen worden:

„Mit dem Rahmenprogramm wollten wir eine Brücke zur Gegenwart schlagen“, erklärt mir Meltem. „Wir wollten der dritten und vierten Generation sowohl im Rahmenprogramm als auch im Magazin eine Stimme geben. Aus diesem Grund gab es auch die Diskussionen jeden Dienstag seit Beginn der Ausstellung zu Themen wie Identität“, sagt sie weiter. 

„Wir haben darauf geachtet, dass so viele Menschen mit türkischer Abstammung wie möglich involviert sind. Nicht nur auf der Bühne, sondern zum Beispiel auch als Gastronom:innen.“ 

Das ist wohl ein durchaus bemerkenswerter Unterschied zu vielen anderen Ausstellungen, die ich im Laufe der Jahre gesehen habe. Auch wenn die Ausstellungsstücke ebenfalls von einer deutschen Frau kuratiert worden sind, so hat man 2021 endlich realisiert, dass es nicht länger genügt marginalisierte Menschen und ihre Umstände aus dem Kontext gerissen darzustellen. Man muss genau diese Menschen aktiv an Dialogen partizipieren lassen.

Die Ausstellung „Wir sind von hier. Türkisch-deutsches Leben 1990″ läuft noch bis zum 31. Oktober 2021. Weitere Informationen zur Ausstellung und gibt es auf der Seite des Ruhr Museums Essen.

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