Queerness in Zeiten von Aids: „Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat“ am Bochumer Schauspielhaus

Das Stück „Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat“ zeigt Einblicke in den Lebens- und Krankheitsverlauf des schwulen Pariser Schriftstellers und Fotografen Hervé Guibert, der an Aids erkrankt. Am Bochumer Schauspielhaus hat es nun Premiere gefeiert. Eine Rezension. 

Wenn ein Leben in sexueller Ekstase und künstlerischen Leidenschaften durch existenzielle Ängste aus der Bahn geworfen wird, bringt Florian Fischer (Regie) in Bochum die Geschichte eines jungen schwulen Aktivisten auf die Bühne, der zeitlebens einer Tabuisierung von Homsexualität und Stigmatisierung durch die sexuell übertragbare Krankheit Aids entgegengewirkt hat: Hervé Guibert. 

In „Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat“ verarbeitet Hervé Guibert (sensibel gespielt von Risto Kübar) als Autor und Protagonist das Schicksal einer Krankheit, die in den 80er Jahren viele Menschen – insbesondere schwule Männer – mit ihm teilen: den kräftezehrenden Verlauf des HIV-Virus’, der mit Aids Millionen von Menschen aus dem Leben reißt.

Die Krankheit im Freundeskreis: Theaterstück thematisiert HIV und Aids in den 1980er Jahren

In der Hoffnung auf ein Heilmittel, welches die Studie eines befreundeten Pharma-Managers hervorbringen soll, lebt und arbeitet der Schriftsteller und Fotograf in ständiger Unsicherheit und Ohnmacht. Was Medien in abfälligster Konnotation als die „Schwulenseuche“ betiteln, wird medikamentös geradezu abenteuerlich behandelt. Nicht ohne dabei auf Korruptionen der Pharma-Lobby und unmenschliche pharmazeutische Experimente zu verzichten. Das Schicksal von Hervé wird, so wie von vielen anderen Betroffenen, dadurch begleitet, dass die Krankheit bereits im engsten Freundes- und Bekanntenkreis um sich gegriffen hat.

So trifft es auch Hervés intellektuellen Freund Muzil (gespielt von Thomas Huber), hinter dem sich der Philosoph Michel Foucault verbirgt, und dessen Schicksal er in seiner Literatur verarbeitet. Im Zwiespalt mit sich selbst vollzieht Hervé Guibert in „Dem Freund, der mein Leben nicht gerettet hat” nicht nur sein Outing als schwuler Aidspatient, sondern macht auch das Outing Foucaults publik. Foucaults Todesursache wurde in der Pariser Öffentlichkeit weithin verschleiert. Damit bricht der bekannte Pariser Schriftsteller Hervé Guibert die stereotypischen Konventionen, wie über Aids öffentlich verhandelt wird. 

Die autofiktionale Geschichte von Hervé Guibert wird zum französischen Exempel der Verzweiflung und Ohnmacht, die betroffene Aids-Patient:innen durchleben mussten. Die tiefgreifenden Einblicke in seine Psyche und Physis stellt die Inszenierung in einer ergreifenden Spannung heraus. 

Ein Leben zwischen Leidenschaft und Krankheit: „Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat” am Schauspielhaus Bochum.
Foto: Jörg Brüggemann / Ostkreuz.

 „Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat” am Schauspielhaus Bochum: Zwischen Ekstase und Ohnmacht

Während die ersten Szenen der Bochumer Inszenierung von hemmungslosen sexuellen Leidenschaften beherrscht sind, folgt auf die Zeit der zügellosen Freiheiten ein Kipppunkt von gesundheitlichem Verfall. Die Krankheit des jungen Mannes wird zum Ausgangspunkt existenzieller Ängste. Diesen Ängsten trotzt jedoch die Liebe und sexuelle Begierde. Gefühle widerstreiten der Krankheit, die den Protagonisten und sein Umfeld bald das Leben kosten werden. 

Die emotionalen und körperlichen Ups und Downs, die einem Kontrast von Hoffnung und Ohnmacht folgen, zeigen Hervé in einer innerlichen Zerrissenheit. Das Virus spendet und raubt zugleich Kraft. Die neue Bedrohung schafft neue Formen der Zusammengehörigkeit und gleichzeitig gesellschaftspolitische Ächtung. Neue Formen der Stigmatisierung gehören zur Lebensrealität der Betroffenen ebenso wie die körperlichen Symptome dazu. Hervé Guibert trägt – nicht zuletzt durch seine künstlerische und freundschaftliche Nähe zum Philosophen Michel Foucault – zur Entstigmatisierung der Erkrankten bei. 

Liebe statt Angst: „Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat“ zeigt die Ups und Downs der Protagonisten.
Foto: Jörg Brüggemann / Ostkreuz.

„Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat“: Ein Blick hinter die Fotos Guiberts

Der Tod wird zum ständigen Begleiter des Protagonisten. Diese Erfahrung verarbeitet und fiktionalisiert der Autor und Protagonist der Geschichte in seinen literarischen und fotografischen Werken. Dabei entdeckt sich Hervé in seinen Bildern und Texten immer wieder selbst und stellt sich den existenziellen Fragen und Ängsten, die ihn seit seiner Diagnose im Jahre 1988 ständig begleiten.

Sinnbildlich für den krankheitsbedingt körperlichen und emotionalen Verfall verliert auch die Inszenierung, die mit der zwanglosen Dynamik eines Lebens zwischen Sex und Rausch beginnt, an Geschwindigkeit und Impulsivität. Aids wird als eine sehr lange Treppe beschrieben, deren Abstieg der Protagonist kontinuierlich unternimmt. 

Die eindrucksvolle Ästhetik der Inszenierung ist nicht zuletzt durch die schauspielerisch nachgestellten Fotografien Hervé Guiberts bestimmt. Dabei bietet die Inszenierung die Möglichkeit, einen Blick hinter die Kulissen der Fotos zu werfen. Florian Fischer rekonstruiert die zerbrechliche und nicht ganz hoffnungslose Realität hinter den Fotoaufnahmen des Künstlers. Den analogen Fotografien der 80er Jahre wird dadurch eine neue Lebendigkeit verliehen. Im Zusammenspiel aus Fotografie und Schauspiel entfaltet sich die teils dramatische Geschichte hinter den Bildern. 

Fotografien als Versuch, den Moment festzuhalten

Hervé selbst war sich um die trügerische Funktion der Fotografie, einen Augenblick festhalten zu wollen, bewusst. Im Angesicht des Todes wird die Fotografie zum leblos fixierten Dokument, die seinen Zustand zwar bebildert, die näherschreitende Endlichkeit jedoch nicht aufhalten kann. Der porträtierte Gegenstand, der dem Verfall preisgegeben ist, ist er selbst. 

Durch Schauspiel, Schrift, Lichttechnik, den reproduzierten Fotos und nicht zuletzt der akustischen Begleitung erzeugt die Inszenierung eine ergreifende Stimmung. Sie fesselt die Aufmerksamkeit des Publikums und hält eine emotionale Spannung aufrecht, die erst erst am Ende der zweistündigen Aufführung von den Zuschauer:innen ablässt. Es bleiben atemberaubende Eindrücke eines jungen Künstlers, dessen kreative und ekstatische Lebendigkeit mit einem tödlichen Virus kollidiert. Diesen Prozess setzt Florian Fischer eindrucksvoll in Szene. Fotografie, literarisches Werk und die tatsächliche Lebensrealität setzt der Regisseur in seiner Uraufführung des Romans in eine enge und ganzheitliche Beziehung. 

Risto Kübar als Hervé Guibert: Das nachgestellte Selbstbildnis – von der Krankheit gezeichnet. Foto:Jörg Brüggemann/Ostkreuz.

Damit sensibilisiert die Inszenierung nicht nur für den historischen und gegenwärtigen Umgang mit HIV und Aids, sondern bringt gleichzeitig eine homoerotische Liebes- und Leidensgeschichte auf die Bühne, die sich gegen die Unterdrückung von gesellschaftlichen Minderheiten ausspricht. Eine vermeintlich selbstverständliche Entstigmatisierung, die sich queere Menschen jedoch nicht nur in den 80er Jahren, sondern noch heute erkämpfen müssen. 

Die Inszenierung bietet die Möglichkeit, das Leben eines schwulen Aktivisten zu begleiten, und die Leiden und Ängste von HIV-Infizierten und Aids-Erkrankten nachzuvollziehen. Es lohnt sich zweifelsohne, „Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat“  am Schauspielhaus Bochum zu erkunden.

Infos zu Spielzeiten und Tickets findet Ihr hier.

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